Peter Cornelius und seine Kollegen bieten die Lösung eines Transportproblems an. Sie entwickeln und vermarkten Gele und Cremes, die in der Lage sind, Hormone über die Haut in den Körper eines Patienten zu bringen. Die Firma mit 30 Angestellten ist eine der ersten zwölf, die im neuen Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie auf dem Campus Riedberg ihre Arbeit aufgenommen haben. Für das Unternehmen gaben sowohl die guten räumlichen Bedingungen wie auch der vergleichsweise niedrige Mietpreis den Ausschlag, in das Innovationszentrum zu ziehen, wie Geschäftsführer Cornelius sagt.
Receptura ist seit zwei Jahren mit seinen Produkten am Markt, die vor allem in der Hormon-Ersatztherapie zur Behandlung von altersbedingten neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen eingesetzt werden. Die naturidentischen Hormone selbst bezieht das Biotech-Unternehmen von Zulieferern, wie Cornelius erläutert. Zusammen mit einem Partnerunternehmen entwickelt Receptura in den Labors und Reinräumen auch Hormonpräparate, die den Alterungsprozeß hemmen sollen. Mit dem bisherigen Geschäftsverlauf zeigt sich Cornelius zufrieden, als Start-up müsse man sich gleichwohl noch entwickeln.
Nicht nur die jungen und die etablierten Unternehmen verbinden große Hoffnungen mit dem Zentrum, dessen Bau bisher 25 Millionen Euro gekostet hat. Auch Ministerpräsident Roland Koch und die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (beide CDU) versprechen sich einiges vom Innovationszentrum, das vom Land, der Stadt und der Frankfurter Industrie- und Handelskammer als Gesellschafter getragen wird. Es soll etablierte Firmen anlocken, die Entstehung neuer fördern und auf diese Weise zukunftsfähige Arbeitsplätze schaffen, wie Koch bei der Eröffnungsfeier am Donnerstag abend sagte. Die Gelegenheit nutzte er auch, um darauf hinzuweisen, daß das Bundesland Hessen vor allem deshalb zu einer "Aufholjagd" in Sachen Biotechnologie gezwungen sei, weil die frühere rot-grüne Landesregierung die Entwicklung dieser Sparte politisch nicht gewollt und nach Kräften behindert habe.
Die Biotechnologie-Branche gilt zwar als zukunftsträchtig. Die noch vor wenigen Jahren herrschende Begeisterung ist gleichwohl verflogen. Koch wies denn auch darauf hin, daß ein Vermietungsstand von 70 Prozent zum offiziellen Starttermin bei einem Biotechnologiezentrum heute keineswegs selbstverständlich sei. Bis zum Jahresende sollen hier etwa 150 arbeiten. Die Antwort auf die Frage, wie groß die Biotech-Branche in Hessen wirklich ist, hängt vor allem davon ab, welche Unternehmen man dazu zählt und welche nicht. So geht etwa die jüngste Untersuchung des hessischen Wirtschaftministeriums davon aus, daß in Hessen mehr als 250 Firmen mit 43000 Beschäftigten auf diesem Gebiet arbeiten (Stand Oktober 2003). 17000 davon sind den Angaben zufolge unmittelbar der Biotechnologie zuzuordnen, die anderen gelten als Dienstleister und Zulieferer. Der Gesamtumsatz wird mit 2,81 Milliarden, der je Mitarbeiter mit 165000 Euro angegeben. Nur so lasse sich die wirtschaftliche Bedeutung für Hessen vollständig erfassen, argumentieren die Autoren der Studie.
In anderen Untersuchungen wird der Kreis hingegen enger gezogen, indem nur die sogenannten Core-Biotech-Unternehmen zur Branche gerechnet werden. So werden Firmen bezeichnet, deren Hauptgeschäftszweck die "Forschung und Entwicklung mit den Mitteln der modernen Biotechnologie" ist. Die Consulting-Firma Ernst & Young zählt daher in ihrer jüngsten Studie lediglich 18 Unternehmen aus Hessen zur Biotech-Sparte.
Ungeachtet der Konsolidierung in der Branche verbinden die Unternehmen mit dem Innovationszentrum die Hoffnung auf Wachstum und Erfolg. So haben die Nähe zu Wissenschaft und Forschung, die "kurzen Wege" und die geringen Kosten das Unternehmen Proteome, das sich mit Proteinforschung befaßt und schnelle Diagnoseverfahren erarbeitet, dazu bewogen, den Industriepark Höchst zu verlassen und an den Niederurseler Hang zu ziehen, wie eine Sprecherin sagt. Im Industriepark seien die Strukturen für einen kleineren Betrieb, der eher wissenschaftlich arbeite und nicht industriell produziere, zu schwerfällig.
Als Anbieter wissenschaftlicher Dienstleistungen sieht sich auch Peter Winter von Gen-X-Pro. Der Wissenschaftler hat zusammen mit seinem Partner Expertise in der strukturellen und in der funktionellen Genomanalyse zu offerieren. In der Praxis können diese Verfahren zum Beispiel dazu dienen, Nutzpflanzen gegen Krankheiten zu schützen. So ließen sich Ernteausfälle und Schäden in Millionenhöhe verhindern. Außerdem seien es auch Instrumente, mit deren Hilfe man dereinst Hungersnöte vermeiden könne, meint Winter.
Innovatives birgt oft ein erhöhtes Risiko, braucht aber gleichwohl Geld. Um das bereitstellen zu können, soll ein Wagniskapitalfonds aufgelegt werden, wie der Geschäftsführer des Innovationszentrums, Christian Garbe, sagt. Jungunternehmen, die gute Chancen hätten, aber nicht genügend Geld, würden davon profitieren. Mittelfristig ist ein Volumen von 30 bis 50 Millionen denkbar, heißt es.
Garbe begreift die neue Einrichtung als Unternehmen, woraus sich ihr vordringliches Ziel ergibt: Die Rendite muß stimmen. Gleichwohl wünscht er sich, daß von einem Erfolg des Frankfurter Innovationszentrums Biotechnologie die gesamte Region profitiert: "Mir geht es darum, hier Arbeitsplätze zu schaffen." JOCHEN REMMERT

