02.08.2006 · Der Staat besteuert Biodiesel seit Anfang August mit neun Cent je Liter. Doch nicht jede Tankstelle im Rhein-Main-Gebiet gibt den Aufschlag schon an die Kunden weiter.
Von Thorsten WinterAn so mancher Zapfsäule schnellte am Dienstag der Preis nach oben - und diesmal können die geplagten Kraftfahrer nicht einmal auf die Mineralölkonzerne schimpfen. Denn diese können für den deutlichen Preisaufschlag bei Biodiesel nichts. Vielmehr hat der Staat der Ära der Steuerfreiheit bei Biokraftstoffen ein Ende bereitet, sofern solcher Sprit nicht in der Landwirtschaft und in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen genutzt wird. In einem Schritt verlangt er neun Cent je Liter Biodiesel - und dabei wird es nicht bleiben (siehe Kasten). Allerdings kostet der Kraftstoff vom Acker nicht überall im Rhein-Main-Gebiet neun Cent mehr als noch am Montag. Denn eine Reihe von Tankstellen gibt die Steuer bisher nicht an die Kunden weiter, wie eine Umfrage dieser Zeitung ergeben hat.
So kostet der Liter des alternativen Sprits bei der Tankstelle Zügel in der Biodieselhochburg Butzbach, wo gleich drei Anbieter diesen Kraftstoff bereithalten, nach wie vor 98,9 Cent. Zum Vergleich: Für mineralischen Diesel müssen Autofahrer dagegen rund 1,15 Euro bezahlen. „Wir haben noch keine neue Ware bekommen, und ich weiß nicht, was sie kosten wird“, begründet Zügel den Verzicht auf den Preisaufschlag. Die in der Wetterau ansässigen Zulieferer haben sich demnach noch nicht geäußert, wie sie die Steuer weiterzugeben gedenken.
Tankstellen müssen reagieren
Dennoch die neun Cent auf den Liter aufzuschlagen und einen angenehmen Mitnahmeeffekt zu erzielen, davon hat Zügel abgesehen: „So was machen wir nicht.“ Falls die Zulieferer die Steuer voll und ganz hinzurechnen sollten, müßte aber auch diese Tankstelle in Butzbach entsprechend reagieren, bei der Biodiesel etwa 15 Prozent im Vergleich zum Absatz von mineralischem Diesel ausmacht. Begründung: „Die Margen sind zu gering.“ Noch zum selben Preis wie am Vortag, das waren 95,9 Cent je Liter, hat die Tankstelle Emmerich in Oberursel am Dienstag Biodiesel verkauft. Wie lange das so bleiben werde, sei unklar, sagte der Pächter, der den Anteil von Biokraftstoff im Verhältnis zu normalem Diesel auf 20 bis 25 Prozent bezifferte.
Er wartet nach seinen Worten auf eine neue Leitlinie von der hinter dieser Tankstelle stehenden Gesellschaft Rheinland-Kraftstoffe, einer Shell-Tochter. Esso Ludwig in Friedberg verlangt dagegen schon die neun Cent mehr. Der Liter Rapsdiesel kostet nun 107,9 Cent, ist damit aber immer noch merklich günstiger als üblicher Kraftstoff. Ludwig verkauft im Monat nach eigenen Angaben bisher 10.000 Liter Biodiesel an Privatverbraucher und rund 100.000 Liter mineralischen Diesel; Spediteure, die in Deutschland den weitaus meisten Sprit aus nachwachsenden Rohstoffen verbrauchen, ließen sich denselben direkt liefern.
Wird die Nachfrage nach Biodiesel nachlassen?
Den Steuerschritt nicht vollständig mitgemacht hat Anbieter Löhr in Usingen. Dort kostet Rapsdiesel nun mit 106,4 Cent sieben Cent mehr als noch am 31. Juli. „Wir versuchen, die Verbraucher langsam daran zu gewöhnen“, sagte ein Sprecher. Mit Blick auf die noch folgenden Steuerschritte befürchtet Löhr ebenso wie der Betreiber der Tankstelle Zügel in Butzbach, daß die Nachfrage nach Biodiesel besonders bei Privatleuten nachlassen werde, wenn der Abstand zum Preis von normalem Diesel zunehmend geringer werde: „Die Steuer wird das Geschäft über kurz oder lang abwürgen.“
Mit dieser Sicht der Dinge stehen sie keineswegs alleine da. Der Hessische Bauernverband sieht die neue Steuer mit Argwohn. Die Folgen für die Produktion von Raps, der mittlerweile auf etwa zehn Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche in Hessen angebaut werde, seien noch nicht abzusehen. Aber: „Alle halten die Luft an“, sagte ein Sprecher. Der Bauernlobby ist die Steuer gleichwohl ein Dorn im Auge, weil Flugbenzin nach wie vor nicht besteuert wird. Dies sei eine Ungleichbehandlung. Doch tanken auch Bauern, die Rapssprit beruflich einsetzen, weiter steuerfrei.
Schrittweise teurer
Aufgrund des Energiesteuergesetzes müssen Kraftfahrer, die Biodiesel in den Tank füllen, fortan mehr für den Liter bezahlen. Seit gestern gehört die Steuerfreiheit bei Biodiesel der Vergangenheit an. Der Kraftstoff vom Acker wird dabei schrittweise teurer. So verlangt der Staat nun neun Cent Steuer je Liter; dieser Satz gilt bis Ende 2007. Vom übernächsten Jahr an sind weitere Aufschläge vorgesehen, 2012 wird die Steuer bei 45 Cent liegen. In der Landwirtschaft eingesetzte Biokraftstoffe bleiben dagegen steuerfrei. Gleiches gilt für reines Pflanzenöl bis Ende nächsten Jahres.