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Bildungslotsen in Offenbach Mit Emam zu KPMG und auf den Basketballplatz

21.06.2010 ·  Bildungslotsen sollen künftig nach Willen der Bundesregierung Schüler zur Ausbildung führen. In Offenbach gibt es ein ähnliches Projekt schon. Unternehmensberater und Banker zeigen hier Hauptschülern den Weg ins Berufsleben.

Von Tim Kanning
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Christian Konarski hört man an, dass er Berater ist. Wenn er spricht, klingt das durchdacht, fast druckreif und als könnte man parallel dazu eine Power-Point-Präsentation anschauen. Sein Vorgehen unterteilt er in Phase 1 und Phase 2. Dabei geht es bei dem Projekt, dass der Mitarbeiter der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG seit Januar verfolgt, nicht um die Neuaufstellung eines Unternehmens oder die Umstrukturierung einer Abteilung. Es geht um Emam Patwary. Der 14 Jahre alte Bengale geht in die achte Klasse der Geschwister-Scholl-Schule in Offenbach. Seine Schulleiterin Fanni Mülot beschreibt ihn als klug und motiviert, nur leider zu schüchtern. Das soll Konarski ändern, als Pate soll er das Selbstbewusstsein und die Sicherheit des Jungen stärken.

Die integrierte Gesamtschule ist die dritte, die sich an dem Projekt „Wirtschaft trifft Hauptschule“ des Offenbacher Jugendamts beteiligt. Vergangene Woche hat Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) den Einsatz von Bildungslotsen für 100.000 Hauptschüler in ganz Deutschland angekündigt. Das Offenbacher Projekt könnte ein Vorbild dafür sein. Jörg Meyer, der Leiter des Jugendamts, hat es 2004 gemeinsam mit der evangelischen Kirche und der Deutschen Bank an der Mathildenschule ins Leben gerufen. Damals hat keiner der 76 Abgänger einen Ausbildungsvertrag bekommen, wie Meyer erzählt. Freiwillig sollten Angestellte der Deutschen Bank, aber auch Pensionäre und Hausfrauen die Schüler deshalb besser auf das Leben nach der Schule vorbereiten.

Scholl-Schule und KPMG kooperieren

Der Erfolg lässt sich in Zahlen fassen: 50 der betreuten Schüler hätten in den vergangenen sechs Jahren einen Ausbildungsplatz gefunden, 60 weitere seien an weiterführende Schulen gegangen, berichtet Meyer. Seit Anfang des Jahres haben sich die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und die Geschwister-Scholl-Schule dem Projekt angeschlossen. Derzeit werden 60 Schüler von Paten betreut.

In Phase 1 war für Konarski vor allem wichtig, dass sich zwischen Emam und ihm Vertrauen und gegenseitiger Respekt aufbaut. Das Jugendamt organisierte Theatergruppen und Ausflüge in den Klettergarten. Konarski hat sich von Emam sein Offenbach zeigen lassen, das Einkaufszentrum, in dem der Junge die Nachmittage verbringt, die Innenstadt, den Burger King. Im Gegenzug hat der Berater ihm sein Frankfurt gezeigt, den Holzhausenpark, das Mainufer, am Wochenende hat er ihn auch mal mit in das KPMG-Gebäude im Mertonviertel genommen.

Schulleiterin Mülot weiß, wie wichtig es ist, dass die Jugendlichen diese bürgerliche Welt überhaupt mal kennenlernen, in die sie von allein, über Familie und Freunde vermutlich nie Einblick erhielten. Viele ihrer Schüler, die seit Januar an dem Projekt teilnehmen, hätten ihr Selbstbewusstsein erheblich gesteigert, „weil sie plötzlich Wertschätzung erfahren, von jemandem, der selbst voll im Berufsleben steht und erfolgreich ist“, sagt Mülot. Gerade in dieser „schnellen, flimmernden Zeit“ sei es wichtig, dass die Paten den Jugendlichen Orientierung gäben, wozu die eigene Familie oft nicht in der Lage sei.

Reihe größerer Entwicklungsstudios

In Phase 2, wie Konarski es nennt, ist nun das große Ziel, ein interessantes Praktikum für Emam zu finden. Zuletzt hatte er als Handwerker in einen Hotelbetrieb geschnuppert, so richtig gefallen hat ihm das nicht. „Aber man muss dem Jungen auch mal zeigen, dass er auch tolle Jobs machen kann“, findet Konarski. Er sei leidenschaftlicher Computerspieler, in Frankfurt gibt es eine Reihe größerer Entwicklungsstudios. Warum solle er dann also nicht versuchen, in diese Branche reinzukommen?

Konarski will aber nicht selbst auf Suche gehen, „ich kann dem Jungen nur neue Horizonte öffnen“, sagt er. Er wolle dem Jungen zeigen, was für Möglichkeiten er auch ohne Abitur und Studium habe, vielleicht ein paar Adressen von Games-Studios raussuchen. Aber die Bewerbungen schreiben müsse er schon selbst. Und auch wenn ein Vorstellungsgespräch anstehe, werde er vielleicht vorher ein „Coaching“ geben, wie er sich am besten präsentiert. Aber das Gespräch müsse er dann schon selbst meistern.

Durch den Einsatz der Paten hätten die teilnehmenden Schüler „signifikant mehr Einstellungsgespräche“, sagt Jugendamtsleiter Meyer. Immer wieder bekomme er positive Rückmeldungen darüber, wie selbstsicher die Schüler in den Gesprächen aufgetreten seien.

Halber Tag im Monat für Soziales

KPMG fördert das Engagement seiner Mitarbeiter, einen halben Tag im Monat dürfen sie sich freinehmen für soziales Engagement. Allein aus diesem Kontingent seien 2009 in Deutschland insgesamt 10.000 Arbeitsstunden für soziale Arbeit genutzt worden, sagt KPMG-Vorstand Christine Kreidl. Die Deutsche Bank hat 22.000 Tage gezählt, die ihre deutschen Mitarbeiter ehrenamtlich verbracht haben. Auch finanziell fördern beide Unternehmen das Offenbacher Projekt.

Doch Konarski steckt weit mehr Zeit in das Projekt Emam als nur einen halben Tag im Monat. Zu Anfang habe er bis zu 20 Stunden im Monat mit Emam verbracht, inzwischen seien es um die vier. Basketballspielen am Wochenende gehört ebenso dazu, wie ein Besuch auf einem Familienfest. „Ich sehe das gar nicht als Aufwand“, sagt Konarski, „es macht einfach Spaß und ist auch für mich eine ganz neue Erfahrung.“

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Jahrgang 1982, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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