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Berufliche Rehabilitation Noch einmal alles auf Anfang

Wer einen Unfall oder eine Operation hatte, kann manchmal nicht mehr in seinem erlernten Beruf arbeiten. Dienstleister helfen bei der Umschulung.

© Wonge Bergmann Vergrößern Neuer Platz: Ein Rückenleiden hat Daniel Crespi zum Umschulen gezwungen, vom Mechaniker zum Verkäufer.

Auf dem Schreibtisch glitzert die kleine goldene Oscar-Statue in der Mittagssonne. Daniel Crespi lehnt sich in seinem Stuhl zurück und blickt auf die Hanauer Landstraße. Seinem Rücken gehe es inzwischen wieder ziemlich gut, sagt er. Dabei war der einmal der Grund dafür, warum er heute hier sitzt, als Herr über unzählige Autos der Marke Mini.

Crespi ist gelernter Kraftfahrzeugs-Mechaniker und schraubte gern an Autos herum. Dann bekam er Schmerzen, wenn er sich über die Motoren beugte und sein Arzt empfahl ihm, den Beruf zu wechseln, weil sein Rücken das nicht mehr lange mitmache. „Das war einfach nur niederschmetternd“, erinnert sich Crespi. Da er mit Ende 20 noch nicht in Rente gehen konnte, musste ein anderer Beruf her. Die Arbeitsagentur vermittelte ihm eine zweijährige Umschulung zum Automobilkaufmann im Berufsförderungswerk in Bad Vilbel. Über ein Praktikum wurde er Verkäufer bei BMW und war bald für die Marke Mini zuständig. Heute, nur ein paar Jahre später, leitet er die vier hessischen Mini-Filialen mit zwölf Mitarbeitern und verkauft 200 Autos im Jahr. Auf dem Sockel der kleinen Oscar-Statue auf seinem Schreibtisch steht: Erfolgreichster Mini-Verkäufer Deutschlands.

50 Berufe werden in Bad Vilbel ausgebildet

So erfolgreich und reibungslos kann berufliche Rehabilitierung laufen – die Regel ist das aber nicht. Denn am Anfang steht immer die Erkenntnis, dass man den Beruf, für den man sich einmal entschieden hat, nicht mehr ausüben kann. Nach einem Rückenleiden, einem Unfall oder nach einer Operation beginnt die berufliche Laufbahn unter Umständen wieder ganz von vorn.

An diesem neuen Startpunkt kann das Berufsförderungswerk stehen. Es ist einer von mehreren Dienstleistern in Hessen, die für die Träger der beruflichen Rehabilitation, das sind zum Beispiel die Rentenversicherungen und die Arbeitsagentur, Umschulungen anbieten. 800 Patienten kommen jeden Tag in die Hochhäuser des Berufsförderungswerks, immer mit Blick auf die Bankentürme Frankfurts. Hartmut Fuchs, Geschäftsführer des Förderungswerks, erzählt bei einem Rundgang durch die Reha-Einrichtung, dass im Haus in über 50 Berufen ausgebildet wird.

Bürokaufmänner neben Elektrikern

„Wir versuchen, den hessischen Arbeitsmarkt abzubilden.“ Die Lehrräume sehen nicht aus wie in der Schule, sondern es werden für den Beruf typische Arbeitssituationen, zum Beispiel das Büro, nachgestellt. Vor knapp 40 Jahren, als das Berufsförderungswerk gegründet wurde, verstand es sich noch als eine Art Schule. Heute sei man ein Dienstleistungsunternehmen, sagt Fuchs. Organisiert ist es als Verein, jedoch werde es privatwirtschaftlich geführt.

Direkt neben den Bürokaufmännern und -frauen werden innerhalb von zwei Jahren die Elektriker ausgebildet. In dem großen Raum liegen neben schweren Maschinen einige Schweißerbrillen herum. Sogenannte Integrationsmanager betreuen die Patienten und suchen mit ihnen zusammen auch einen Praktikumsplatz. So soll gleich eine Verbindung zum Arbeitsleben hergestellt werden. Das Berufsförderungswerk arbeitet mit vielen Unternehmen zusammen, zum Beispiel mit der Fraport AG. Die Ausbilder und Integrationsmanager werden so immer auf dem neuesten Stand der Technik gehalten. Nach zwei Jahren nimmt die Industrie- und Handelskammer die Abschlussprüfung ab.

70 Prozent bekommen später einen Arbeitsplatz

Die meisten Patienten bekommt das Berufsförderungswerk über die Rentenversicherung Hessen. Die muss in einem ersten Gespräch herausfinden, welcher neue Beruf für den Patienten in Frage kommt. Das sei nicht immer einfach, sagt Reiner Kögel, Referatsleiter für berufliche Rehabilitation bei der Rentenversicherung Hessen: „Das sind natürlich Fragen, mit denen sich niemand gerne befasst.“ Man versuche, an die bisherigen Erfahrungen der Patienten anzuschließen: so werde aus einem Lkw-Fahrer oft ein Speditionskaufmann.

Ob die Entscheidung des Reha-Trägers auf das Berufsförderungswerk fällt, hat mit dessen speziellem Angebot zu tun. Einige Berufe werden nur dort ausgebildet, in anderen Fällen sind die Leistungen für den Patienten zu umfassend, und ihm reicht zum Beispiel eine Umschulung beim Bildungswerk der deutschen Wirtschaft. Denn in Bad Vilbel können die Patienten auch noch weiterhin psychologisch und medizinisch betreut werden. Laut Geschäftsführer Fuchs kämen inzwischen ein Drittel der Patienten mit psy-chischen Erkrankungen, nur wenige mehr seien es mit den klassischen Skelett- und Muskelerkrankungen. Die Quote derer, die nach der Reha wieder einen Arbeitsplatz fänden, liege bei mehr als 70 Prozent. Bei den Mechatronikern liege sie sogar bei nahezu 100 Prozent.

Für die komplizierten Fälle

Wer nicht pendeln kann, kann in das hauseigene Internat einziehen. Pro Tag und Patient kostet das gesamte Angebot den Rehabilitationsträger 55 Euro – Kosten, die wenn möglich vermieden werden. So sei das Berufsförderungswerk nicht für jeden geeignet, sagt Kögel. „Das ist eher etwas für die komplizierteren Fälle.“

Der erfolgreiche Autoverkäufer Crespi war sicher nicht einer dieser komplizierteren Fälle. Doch er erinnert sich, dass er mit seiner Motivation in seiner damaligen Ausbildungsklasse eher allein dastand. „Es liegt sehr an einem selbst, ob man später wieder einen Job findet. Ich habe das Praktikum als Bühne genutzt, um mich gut zu präsentieren.“ Zunächst habe er es seltsam gefunden, mit Ende 20 noch einmal die Schulbank zu drücken. Crespi weiß, dass er sein Verkaufstalent vermutlich nie entdeckt hätte, wenn ihn nicht das Rückenleiden aus der Werkstatt geholt hätte. Dennoch ist er davon überzeugt, dass er auch in seinem alten Beruf glücklich geworden wäre.

Quelle: F.A.Z.

 
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