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De-Cix in Frankfurt : Am Internetknoten zieht erstmals ein Roboter die Strippen

  • -Aktualisiert am

Strippenzieher: Daniel Melzer, Technik-Chef des Netzknotenbetreibers De-Cix, mit neuem Hochleistungsrechner. Bild: Frank Röth

Der Betreiber des weltweit größten Internetknotens wächst weiter. Er feiert mit einem Umzug nicht nur eine technische Meisterleistung, sondern hat seit Kurzem auch einen neuen Mitarbeiter.

          Die physische Seite des Internets wird in Käfigen gehalten. „Cages“ nennen Fachleute die einzelnen Einheiten in den Gebäuden von Rechenzentren, die mit Stahlgittern, Schlössern und Kameras gesichert sind. Daniel Melzer, Technik-Chef des Frankfurter Internetknoten-Betreibers De-Cix, darf alle Barrieren überwinden, dahinter zeigt er eine Art Weltneuheit: Erstmals lässt sich die Betreibergesellschaft des weltweit größten Netzknotens von einem Roboter unterstützen. Aufgabe der ferngesteuerten Maschine ist es, den Kunden Tag und Nacht die gewünschten Verbindungen zwischen den verschiedenen Datennetzen des Internets herzustellen.

          Rein praktisch funktioniert das, indem der buchgroße Roboter auf einer hinter Glas liegenden Schalttafel, Melzer spricht vom „Meet-me-Raum“, hin- und herfährt und die Anschlüsse einzelner Kabel, sogenannte Patches, umsteckt. Schon werden die Daten des Auftraggebers in das gewünschte Netz weitergeleitet. Die Befehle dazu werden der Maschine weitab von ihrem Standort im Gallus in der Firmenzentrale von De-Cix am Osthafen gegeben.

          Das neue De-Cix-Rechenzentrum.

          „Bislang musste jedes Mal ein Techniker kommen, um eine ganz neue Verbindung einzurichten oder zu überprüfen, warum ein Kunde über einen zu langsamen Datenfluss klagt. Darüber konnten schon einmal ein paar Stunden vergehen“, erläutert Melzer den Fortschritt. Jetzt könne De-Cix rund um die Uhr und prompt jeden Kundenwunsch erfüllen.

          200 Quadratmeter großer „Käfig“ mit neuester Technik

          Der neue Roboter, von dem es auf der Welt bislang nur den einen gibt, steht in einem Rechenzentrum an der Kleyerstraße im Frankfurter Stadtteil Gallus. De-Cix hat sich auf dem jüngst eröffneten „Campus Kleyer 90“ in einem der Rechenzentren des Konzerns Equinix eingemietet und einen knapp 200 Quadratmeter großen „Käfig“ mit neuester Technik eingerichtet. Anders als sonst ist der neue Standort keine Erweiterung des Frankfurter Internetknotens, der in Wahrheit aus gut einem Dutzend Schnittstellen allein in Frankfurt besteht. Diesmal handelt es sich um einen Umzug, De-Cix hat die Daten und Verbindungen von einem Drittel seiner Kunden von einem kaum hundert Meter entfernten Datacenter verlegt. „Es ist abzusehen, dass das alte Rechenzentrum demnächst einer Wohnbebauung weichen muss“, sagt Melzer. Und: „Wir sind damit auch ein Stück näher an die Kunden herangerückt.“

          In dem alten Fabrikgebäude an der Kleyerstraße sind auf mehreren Etagen Rechenzentren untergebracht, auch in der Nachbarschaft stehen ganze Hallen voller Hochleistungsrechner, die mit Daten von Telekommunikationskonzernen und Banken und Internetkonzernen wie Facebook, Google oder Amazon gefüttert werden. Das Gallus ist neben dem Ostend sowie Rödelheim und neuerdings Sossenheim ein wichtiger Standort der Branche.

          So einfach das Wort Umzug klingt, so komplex war im konkreten Fall die Aufgabe. „Wir haben das im laufenden Betrieb gemacht. Die Anschlüsse der Kunden durften höchstens für ein paar Minuten unterbrochen werden“, sagt Melzer. Monate habe es deshalb gedauert, am neuen Standort die Technik zu installieren und so zu verschalten und zu programmieren, dass rund 500 Kunden danach wieder an den richtigen Netzverbindungen hängen; das sind ein Drittel der Unternehmen, für die De-Cix Verbindungen schafft. Erst nach und nach wurden die alten Server abgeschaltet. „Es war der größte Umzug in unserer Unternehmensgeschichte“, sagt der Technikchef.

          Nicht nur technisch auf hohem Niveau, sondern auch optisch ansprechend: Glasfaserkabel im neuen De-Cix-Rechenzentrum.

          Es ergab sich auch die Gelegenheit, auf die neueste Technik umzustellen: Das sind neben dem Roboter beispielsweise dünnere und weniger Glasfaserkabel, durch die aber noch größere Datenmengen noch schneller durchgeleitet werden können. Dazu Steckplatten, im Fachjargon Chassis, die immer größere Anschlussraten aufnehmen. Bis zu 48 Terabyte Datenmenge kann eines der neuen Elemente durchleiten, die vorhergehende Generation hatte ihren Maximalwert bei acht Terabyte. Zum Vergleich: 48 Terabyte entspricht der Datenmenge von 9600 Stunden Film in Kinoqualität. Wie viel die neue Ausstattung und der Umzug insgesamt gekostet haben, will De-Cix nicht sagen. Melzer spricht jedoch von einem „soliden siebenstelligen Betrag“.

          Am liebsten an jedem Autobahnkreuz ein Netzknoten

          De-Cix betreibt nicht nur in Frankfurt den weltweit größten Internetknoten, die Betreiberfirma gleichen Namens ist zudem international an dreizehn Standorten aktiv. Überall verfolgt das Unternehmen, das dem Eco-Verband der Internetwirtschaft gehört, dasselbe Ziel: Es stellt Verbindungen zwischen den einzelnen Datennetzen her, aus denen das Internet besteht, und ermöglicht so einen schnellen Datenverkehr.

          Dabei treten die Deutschen als neutrale Dienstleister auf, die unabhängig sind von Telekom- und Internetunternehmen. Diese Leistung ist gefragt: Die Datenmengen, die durch die De-Cix-Schnittstellen laufen, erreichen immer neue Rekorde, die Kundenzahl liegt bei mehr als 1500, und die Erlöse steigen weiter. 2017 erreichte der Gesamtumsatz aller dreizehn Standorte laut De-Cix 31,8 Millionen Euro. Er lag damit neun Prozent über den Erlösen des Vorjahres. Das Betriebsergebnis wird mit 900.000 Euro beziffert. Frankfurt ist der mit Abstand wichtigste Standort für De-Cix, das Auslandsgeschäft trug im vergangenen Jahr zehn Prozent zum Gesamtumsatz bei; das war ein Plus von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Vor allem die steigende Kundenzahl an den noch neuen De-Cix-Knoten in New York und Madrid trugen zu diesem Anstieg bei. 2017 ist die Firma in Indien neu angetreten, wo reichlich Wachstum zu erwarten sei.

          „Unser Anspruch ist es, dort zu sein, wo unsere Kunden uns brauchen“, sagt Ivo Ivanov, neben De-Cix-Gründer Harald Summa Geschäftsführer und zuständig für das internationale Geschäft. Asien, der arabische Raum und auch Afrika sind Regionen, in denen De-Cix große Zuwächse erwartet, da Internet- und Datennutzung weiter zunehmen werden. Gemessen am technischen Fortschritt, gehen Summa und Ivanov davon aus, dass die Zahl regional verteilter Rechenzentren steigt. Das werde an den enormen Datenmengen liegen, die bald per Mobilfunkstandard 5G verschickt werden könnten. Auch mache etwa das autonome Fahren eine noch schnellere Verfügbarkeit von Daten notwendig. Rechenzentren und damit auch die De-Cix-Verbindungen würden voraussichtlich näher an die Orte des Geschehens rücken. „An jedem Autobahnkreuz ein De-Cix“, lautet Summas Vision. (ing.)

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