Das erste Quartal war noch nicht vorbei, da konnte Thomas Keßler das Jahr 2006 schon als Erfolg verbuchen. So viele Aufträge hatte der Geschäftsführer der Dywidag Bau GmbH in den ersten Monaten akquiriert, daß das Jahressoll der von ihm geleiteten Niederlassung Hochbau in Frankfurt erfüllt war. Dazu trug vor allem der in der Branche heißbegehrte Zuschlag für den Bau des Ikea-Möbelhauses im Frankfurter Stadtteil Nieder-Eschbach bei. Der Bau eines Altenpflegeheims, einer Kindertagesstätte und einer Grundschule in Frankfurt sowie der Umbau des Kommunalen Gebietsrechenzentrums in Wiesbaden haben einen guten Start ins zweite Quartal beschert.
Der Erfolg ist schwer erarbeitet. Hinter Keßler und seinen Mitarbeitern liegen harte Zeiten und bittere Erfahrungen. Im Februar vorigen Jahres hatte die Walter Bau AG Insolvenz angemeldet. Aufträge gingen verloren, Baustellen mußten geräumt werden. So drohte auch der traditionsreiche Name Dywidag endgültig zu verschwinden, der nach der Übernahme des Unternehmens durch Walter ohnehin nur noch als klein geschriebener Zusatz („vereinigt mit Dywidag“) auf den Bauschildern geführt wurde. Und wäre alles seinen gewohnten Gang gegangen, der Namenszusatz wäre eines Tages kurzerhand von Walter mit der Begründung gestrichen worden, er sei zu umständlich.
Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter
Doch der Kollaps des Walter-Konzerns brachte eine unerwartete Wende. In der Krise erwiesen sich jene Kundenbeziehungen als stabil, die auf alte Dywidag-Zeiten zurückgingen. Der Anstoß, im Neuanfang auf den alten Namen zurückzugreifen, kam von außen. „Ohne die Zugkraft des Namens hätten wir es nicht geschafft“, meint Keßler heute. Noch wichtiger sei die Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter gewesen. Sie seien bei Bedarf auch am Wochenende im Büro erschienen. Sie hätten das aus eigenem Antrieb getan, niemand habe sie dazu anhalten müssen. Auch die langjährige Erfahrung von Dywidag-Mitarbeitern im Umgang mit dem Möbelriesen Ikea, für den demnächst das zehnte Haus errichtet wird, hat zum Erfolg beigetragen.
Allerdings konnte nur ein kleiner Teil der alten Mannschaft seine Anpassungsfähigkeit an die neuen Zeiten beweisen. Die Frankfurter Niederlassung Schlüsselfertigbau sah sich gezwungen, binnen weniger Monate die Mitarbeiterzahl von 240 auf 80 zu reduzieren. Einen Vorteil habe die neue Struktur, meint Keßler. Das Unternehmen sei jetzt in der Lage, auch kleinere Aufträge anzunehmen. Ein wenig trauert Keßler allerdings doch den Dimensionen von einst nach. Wehmut beschleicht den nüchternen Geschäftsführer beim Blick auf das Schicksal vieler ehemals stolzer Bauunternehmen in Deutschland. Namen wie Holzmann sind verschwunden, andere in ausländischer Hand. Geblieben sind Hochtief und Bilfinger Berger.
„Das Geschäft zieht an“
Mit Blick auf seine Niederlassung äußert sich Keßler auch für die nächsten Jahre optimistisch. Was die Statistiker für die Branche im ganzen Land registrieren, kann der Geschäftsführer bestätigen: „Das Geschäft zieht an.“ Keßler setzt verstärkt auf Wohnungsbau. Gerade erst hat er den Zuschlag für Projekte in Frankfurt und Wiesbaden erhalten. 80 Prozent der Aufträge im Vorjahr, in dem man 17 Millionen Euro umgesetzt habe, seien auf dieses Marktsegment entfallen.
Nach einem turbulenten Jahr scheint sich nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die organisatorische Position der Niederlassung zu stabilisieren. Den Überblick zu behalten war schwer: Der Insolvenzverwalter der Walter Bau AG hatte eine Dywidag Bauholding gegründet. Darin waren die profitablen deutschen Hochbau- und Ingenieurbau-Niederlassungen als Dywidag Bau GmbH zusammengeführt worden. Diese Gesellschaft ging wiederum an die Strabag AG in Köln. Die Strabag hat ihrerseits zum 1. März dieses Jahres ihren kompletten Hoch- und Ingenieurbau in Deutschland an Züblin veräußert, um sich in Deutschland ganz auf Straßen- und Tiefbau zu konzentrieren. Die Strabag Holding mit Sitz in Wien ist wiederum Mehrheitsaktionärin von Züblin.
Symbolisches Kapital in Namen
Nach Ansicht von Keßler ergänzen sich die Kompetenzen von Züblin und Dywidag gut. Zwischenzeitlich war der Geschäftsführer in Sorge, daß der Name Dywidag, der sich als Heilsbringer erwiesen hat, wieder gefährdet sein könnte. Die Erfahrung lehrt, daß beim Umbau von Großunternehmen auf solche Feinheiten und vermeintliche Sentimentalitäten oft keine Rücksicht genommen wird. Dabei läßt sich am Beispiel der Frankfurter Niederlassung ablesen, wieviel symbolisches Kapital in Namen steckt, das im Nu echtes Geld wert sein kann. Mittlerweile hat Keßler den Vorstand in Stuttgart offenbar überzeugen können. „Wir wollen am Standort Frankfurt als Dywidag bestehenbleiben.“

