22.02.2007 · Bei den Genossenschaftsbanken heißt es, die Direktbank Diba bezahle Mitarbeiter schlechter als die Filialbanken. Dagegen wehrt sich das zur ING Groep zählende Frankfurter Institut. Und die Gewerkschaft Verdi springt der Diba bei.
Von Christian Siedenbiedel„In manchen Städten wird ja schon behauptet, wer zur Direktbank gehe, der trage zur Verwüstung der Region bei.“ Die Manager bei der ING-Diba, der schnell wachsenden Direktbank mit Sitz in der Nähe des Frankfurter Messegeländes, sind richtig verärgert. Wer erfolgreich sei, der habe immer Neider, klagen sie. Besonders stark empfinden sie das zur Zeit in Frankfurt - die anderen Banken versuchten offenbar bewusst, sie in der Öffentlichkeit zu diffamieren.
Nein, nein, sagt die Gegenseite. Man wolle, wenn die Diba überall gelobt werde, nur auch über die Schattenseiten mal ein Wort verlieren. Vor allem aus dem Kreis der Volks- und Raiffeisenbanken, bei denen Tarifverhandlungen bevorstehen, kommt zurzeit immer mal wieder Kritik. Die Mitarbeiter bei der Diba, so sagte zuletzt der Präsident des Genossenschaftsverbands Frankfurt, Walter Weinkauf, würden schlechter bezahlt als ihre Kollegen bei den Filialbanken - um bis 800 Euro im Monat, bei vergleichbaren Leistungen etwa als Kreditsachbearbeiter. Auch Volksbankchefs hatten sich zuvor ähnlich geäußert. Fast, als wollten sie sagen: Kein Wunder, dass die Tagesgeldzinsen da höher sein können.
Haustarifvertrag mit Verdi
Bei der Diba ist man erbost: „Da werden Tätigkeiten miteinander verglichen, die nicht dieselben sind“, sagt Abteilungsdirektorin Christine Stürtz-Deligiannis. Die Diba habe mit der Gewerkschaft Verdi einen Haustarifvertrag vereinbart, der auf die besonderen Anforderungen in einer Direktbank eingehe. Anders als viele andere Direktbanken habe man dabei die Beschäftigten im Call-Center ausdrücklich mit in den Tarif einbezogen. Im Gegenzug sei die Gewerkschaft der Bank entgegengekommen, was die Arbeitszeiten betrifft.
Beispielsweise sei bei der Direktbank der Samstag in bestimmten Abteilungen ein normaler Arbeitstag, so dass man dort nicht die gleichen Samstagszuschläge zahlen könne wie eine Filialbank. Insgesamt aber lege man sehr viel Wert auf eine gute Behandlung der Mitarbeiter, von der Rücksicht auf Mütter, deren Kinder krank würden, über die betriebliche Altersversorgung bis hin zum Bildungsurlaub. Außerdem habe die Diba bewusst darauf verzichtet, einen Teil des Tarifgehalts erfolgsabhängig zu gestalten, was für Genossenschaftsbanken gefordert werde.
Beim konkreten Beispiel „Kreditsachbearbeiter“ stellt sich der Streit so dar: Es ist offenbar nicht zu leugnen, dass jemand, der einer solchen Tarifgruppe zugeordnet ist, nach dem allgemeinen Bankentarif mehr bekommt als nach dem Haustarifvertrag der Diba. Allerdings: Es ist offenbar nicht eindeutig, wer in diese Gruppe gehört. Vor allem beim allgemeinen Bankentarif ist die Gruppe dieser Mitarbeiter nur durch Tätigkeitsbeschreibungen umrissen, die Interpretationsspielraum zulassen. Im Haustarifvertrag der Diba hat man die Definition bestimmter gefasst hinsichtlich Ausbildung und Berufserfahrung.
„Da werden Äpfel mit Birnen verglichen“
Aus Sicht der Diba-Manager sieht es nun so aus: In den Filialbanken gibt es Kreditsachbearbeiter, die erhebliche Entscheidungskompetenz haben und dafür Erfahrungen in der Kreditvergabe benötigen. In der Direktbank, in der mit elektronischen Scoringverfahren gearbeitet werde, sei die Aufgabe eines Kreditsachbearbeiters damit nicht vergleichbar, weil sie eine stärker ausführende Tätigkeit sei. „Da werden Äpfel mit Birnen verglichen“, meint Stürtz-Deligiannis. Zu Untermauerung der Tatsache, dass sie im Durchschnitt nicht schlechter entlohnten, hat die Bank die durchschnittlichen Personalkosten je Mitarbeiter ausrechnen lassen. Dabei komme man, auf Basis des Geschäftsberichts, auf 46.000 Euro je Mitarbeiter, die Volksbanken lägen bei etwa 45.000 Euro, die Sparkassen nur bei rund 42.000 Euro. „Wir haben die besseren Leute - und die muss man besser bezahlen“, behauptet die Diba.
Rückendeckung bekommt die Direktbank in diesem Streit von der Gewerkschaft Verdi. Die protestiert keinesfalls, dass die Diba ihre Mitarbeiter ausbeute - im Gegenteil. Gewerkschaftssekretär Dieter Braner sagt, Haustarifverträge, wie man einen mit der Diba abgeschlossen habe, stellten die Mitarbeiter immer besser als nach dem Branchentarifvertrag, im Extremfall seien die Konditionen höchstens gleichwertig. „Schlechter bezahlt werden die Mitarbeiter bei Direktbanken, die außerhalb des Tarifs stehen“, meint Braner. Solche gebe es durchaus, und die Gewerkschaft versuche dagegen zu kämpfen. Bei der Diba aber habe man zwar ein Zugeständnis gemacht, was die Arbeitszeit betreffe. Bei der Bezahlung der Mitarbeiter aber sei das nicht der Fall gewesen.
Gründung im Gewerkschaftsumfeld
Dass die Diba überhaupt einen Haustarifvertrag hat, hat auch etwas damit zu tun, dass sie ursprünglich eine Gründung im Gewerkschaftsumfeld war. Wie die frühere Bank für Gemeinwirtschaft hatte auch die Allgemeine Deutsche Direktbank, die als Gewerkschaftsbriefbank begonnen hatte und aus der die Diba wurde, aus politischen Gründen Vergünstigungen für ihre Mitarbeiter. Doch das ist lange Geschichte. Heute gehört die Diba zum niederländischen ING-Konzern. Der fühlt sich, verständlicherweise, dem einstigen Konzept der Gemeinwirtschaft nicht verpflichtet. Ohnehin ist die Bank in den vergangenen Jahren so stark gewachsen, dass die meisten Mitarbeiter nicht mehr aus jener Tradition kommen. Gleichwohl hat der derzeitige Vorstandschef Ben Tellings, als er Vorgänger Bernhard Hafner ablöste, der Bank zufolge die Devise ausgegeben: „Fair deal“, gegenüber Kunden und Mitarbeitern. Gegen alle Klischees von der Schmalspurbank bilde man in Frankfurt sogar mehr als 100 Leute aus und engagiere sich in einem Programm „50 plus“, das die Wiedereingliederung älterer Arbeitnehmer zum Ziel habe.
Stolz verweist die ING-Diba auf ein Ranking „Deutschlands beste Arbeitgeber“, das unter anderem von der Zeitschrift „Capital“ in Auftrag gegeben worden war. Danach kommt ihr Unternehmen immerhin auf Rang 26 - vor allen anderen Banken, übertroffen höchstens noch von Firmen wie SAP, Microsoft oder Eon. Unter den Unternehmen 500 bis 5000 Mitarbeiter belegte sie sogar Platz 14. Diba-Sprecher Ulrich Ott meinte: „So ein gutes Ergebnis hätten wir sicher nicht erzielt, wenn wir unsere Mitarbeiter zu Dumpinglöhnen beschäftigen würden.“
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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