03.11.2006 · Spätentschlossene Autofahrer und die sogenannte Winterreifenpflicht lassen die Terminbücher der Werkstätten überquellen. Mal eben rasch Reifen wechseln? Keine Chance.
Von Jochen RemmertMit einer Reifenwechselzeit von weniger als acht Sekunden, wie sie Michael Schumacher bislang in der Formel 1 gewohnt war, rechnet niemand, der einen Satz Winterreifen montieren lassen möchte. Wenn ihm im Moment aber ein Termin in vielleicht acht Tagen angeboten wird, reagiert auch der Normalautofahrer mindestens irritiert.
Dabei ist er selbst nicht ganz schuldlos, denn die Nachfrage nach Winterreifen ballt sich in jedem Jahr zur gleichen Zeit - als ob es nie zuvor Winter geworden wäre. Diesmal kommt aber etwas Neues hinzu: die sogenannte Winterreifenpflicht. Die neueste Fassung der Straßenverkehrsordnung fordert, die Ausrüstung - nämlich Reifen und Scheibenwaschanlage - an die Wetterverhältnisse anzupassen, und droht mit einem Bußgeld von bis zu 40 Euro und einem Punkt in der Flensburger Verkehrssünderkartei, wenn Fahrer nicht entsprechend handeln.
„Hervorragendes Wintergeschäft“
Nach Angaben von Jürgen Karpinski, dem Präsidenten des hessischen Kraftfahrzeuggewerbes, sind es aber nicht nur diese Gründe, die die Terminbücher der Werkstätten schon jetzt bersten und Warteschlangen wachsen lassen. Auch die Reifenhersteller seien nicht ausreichend vorbereitet. Denn diese kalkulierten nur mit einer um zehn Prozent höheren Nachfrage und hätten die Produktion der Winterpneus entsprechend gesteigert. Tatsächlich sei aber von einer um ein Viertel erhöhten Nachfrage auszugehen. Karpinski rechnet mit einer weiteren Zuspitzung der Lage.
Tatsächlich schätzt etwa Hersteller Continental den Mehrbedarf wegen der neuen Winterreifen-Vorschrift auf zehn Prozent. Dabei sei aber noch lange nicht gesagt, daß alle Autofahrer auch tatsächlich Winterreifen kauften, heißt es. Gleichwohl berichtet ein Sprecher des Unternehmens, das unter anderem im nordhessischen Korbach produziert, von einem „hervorragenden Wintergeschäft“, das durch ein gutes Abschneiden der eigenen Produkte bei Tests zusätzlich angekurbelt worden sei. Die Nachfrage sie daher so hoch, daß es bei einigen gängigen Reifengrößen in einzelnen Betrieben zu kurzzeitigen Engpässen kommen könne.
Bei Dunlop in Hanau ist von Engpässen nichts bekannt: „Es wäre schlimm, wenn die Industrie sich tatsächlich nicht auf die erhöhte Nachfrage eingestellt hätte“, meint eine Sprecherin. Ihr Haus sei jedenfalls bestens auf das Wintergeschäft eingestellt. Und vom Handel sei bekannt, daß er sich durchaus auf die neue Regelung eingestellt habe. Das bestätigt beispielsweise die Nachfrage bei „Reifen City-Reifenhandel“ in Wiesbaden: „Gute Häuser haben sich einen größeren Vorrat angelegt.“ Dort sind nicht Lücken im Lager das Problem, sondern ein dichtgedrängter Terminkalender. „Mehr geht einfach nicht“, heißt es allenthalben in den Werkstätten.
Versicherungen prüfen auf Fahrlässigkeit
Auch der Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseurhandwerk, in dem nach eigenen Angaben 80 bis 85 Prozent aller Reifenfachbetriebe organisiert sind, berichtet wie Karpinski davon, daß die Industrie die Nachfrage unterschätzt habe und mancher Fachbetrieb bereits jetzt Schwierigkeiten habe, gängige Größen zu bekommen. Allerdings ist das von Landstrich zu Landstrich sehr unterschiedlich, denn beispielsweise in oder an Mittelgebirgen wie dem Taunus liegt die Umrüstquote traditionell höher als im flachen Land, nämlich bei 75 bis 80 Prozent, wie Sprecher Hans-Jürgen Drechsler sagt. Und dort seien auch die Unternehmen auf eine entsprechend hohe Nachfrage besser vorbereitet als anderswo. Beispielsweise im Kölner Raum sei eine Quote von vielleicht 30 bis 35 Prozent anzunehmen - und entsprechend klein die Menge an vorrätigen Winterreifen im einzelnen Unternehmen, meint Drechsler.
Daß es in diesem Jahr offenbar tatsächlich viele Winterreifenmuffel in die Werkstätten treibt, hat auch über die drohenden Bußgeldbescheide und Punkte hinaus gute Gründe, wie Jürgen Karpinski meint. Denn mit der Verordnung müsse womöglich jeder, der wegen fehlender Winterreifen einen Unfall verursache, damit rechnen, daß seine Versicherung erst einmal prüfe, ob da nicht grobe Fahrlässigkeit vorliege. Auch Hans-Jürgen Drechsler vom Reifenhandelsverband rechnet damit, daß die Versicherungen nun noch etwas genauer hinsehen werden.
Die Versicherungswirtschaft rechnet solche Befürchtungen allerdings eher dem Wunsch zu, die Nachfrage noch ein wenig mehr anzuschieben. Mit der Realität habe das nicht viel zu tun, sagt Stephan Schweda, beim Branchenverband zuständig für die Unfall- und Schadenssparte. „Was die Haftpflicht betrifft, ändert sich absolut nichts“, sagt er. Die Ansprüche Geschädigter würden befriedigt.
Bei Schnee sind Sommerreifen verboten
Anders kann es beim eigenen Schaden aussehen, den eigentlich die Vollkaskoversicherung abdecken würde. Wenn sich also beispielsweise jemand mit Sommerreifen auf den Weg in den Winterurlaub macht und mit „Slicks“ über Alpenpässe zu fahren versucht, dann wird jede Versicherung beginnen zu prüfen, ob sie für etwaige Schäden eintreten müßte, wie Schweda weiter sagt. Mit der neuen Winterreifenpflicht habe das aber nichts zu tun. Abgesehen davon seien Fälle dieser Art glücklicherweise die Ausnahme.
Die Versicherungen appellierten an die Autofahrer, an ihre eigene und die Gesundheit anderer Menschen zu denken und entsprechend zu handeln. „Wer nur deshalb Winterreifen aufziehe, weil er kein Bußgeld riskieren will, der hat ohnehin nichts auf der Straße verloren“, meint Schweda.
Eine echte Winterreifenpflicht, wie sie beispielsweise in skandinavischen Ländern gilt, bedeutet der betreffende Passus in der Straßenverkehrsordnung ohnedies nicht, wie von Rechtsexperten der Versicherungswirtschaft zu hören ist. Das gibt auch der Sprecher des Reifenhandelsverbands zu. Wenn jemand nur bei trockener, eis- und schneefreier Fahrbahn im Winter mit Sommerreifen fährt, dann hat er zunächst einmal keine Sanktionen zu befürchten, wie Drechsler sagt. Wenn es aber beginnt zu schneien, dann weist - fast so wie in der Formel 1 - die falsche Reifenwahl den Verlierer aus.