Home
http://www.faz.net/-gzj-12jj4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Arbeitsmarkt in der Rezession Kurzarbeit hilft, ist aber keine Dauerlösung

29.05.2009 ·  Die Vacuumschmelze in Hanau, Lufthansa Cargo und Clariant in Frankfurt: Zahlreiche Unternehmen haben Kurzarbeit eingeführt. Zuletzt sind Neuanmeldungen in Hessen dafür seltener geworden – vielleicht ein gutes Zeichen.

Von Jochen Remmert
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ein Teil dessen, was die Politik mit der Verlängerung der Bezugsdauer für Kurzarbeitergeld erreichen wollte, ist eingetreten. Mehr denn je haben die Unternehmen in Hessen seit Herbst 2008 das Instrument genutzt, um bei der Stammbelegschaften Entlassungen zu vermeiden. Wie allerdings zuletzt auch die Frühjahrsumfrage des Arbeitgeberverbands Hessenmetall ergeben hat, schließt immerhin ein Fünftel der Branchenunternehmen auch einen Stellenabbau in der Stammbelegschaft nicht aus – abgesehen von mehreren tausend Leiharbeitern, die ihre Beschäftigung in den hessischen Metall- und Elektro Branchenbetrieben schon verloren haben.

Wolfgang Huberti, Geschäftsführer und Arbeitsdirektor des Antriebswellen-Spezialisten GKN Driveline Deutschland GmbH mit Sitz in Offenbach, kennt die Vorzüge, aber auch die Grenzen des Instruments Kurzarbeit genau. Seit Januar wird auch in den beiden Offenbacher Werken des Unternehmens, das zum weltweit tätigen Technikkonzern GKN gehört, kurzgearbeitet. 1700 Beschäftigte zählen die beiden Werke zusammen.

Die Planung, wann und wie die Möglichkeiten der Kurzarbeit genutzt werden, geschieht in zwei Schritten. Anhand der eingehenden Kundenabrufe werden die Produktion und der Personalbedarf im nächsten Monat festgelegt, beispielsweise ob drei, vier oder auch fünf Tage Teile der Belegschaft nicht arbeiten. Wochenweise wird dann noch einmal geprüft, ob die Aufträge tatsächlich auf diese Weise abzuarbeiten sind. Bei Bedarf wird feinjustiert, wie Huberti erläutert.

Entlastung um Teil der Personalkosten

Für ihn steht außer Zweifel, dass die Kurzarbeit ein effektives Instrument ist, dass dabei hilft, auf so rasch und so massiv einsetzende Krisen wie die gegenwärtige zu reagieren, wenngleich auch der administrative Aufwand nicht zu unterschätzen sei. Allerdings dürfe man nicht erwarten, dass sich mit der Kurzarbeit auch dann der Abbau der Stammbelegschaft verhindern lasse, wenn sich das Blatt nicht im Laufe des nächsten Jahres wende. Denn die Kurzarbeiterregelung entlaste die Unternehmen eben nur um einen Teil der Personalkosten. Auf Dauer ausbleibende Aufträge seien so nicht zu kompensieren.

Diese Einschätzung teilt die IG Metall. Dort sind die Befürchtungen nach wie vor groß, dass aus den Kurzarbeitern von heute die Arbeitslosen von morgen werden. Beispielsweise konnte die Gewerkschaft beim Autozulieferer Federal Mogul in Wiesbaden den ursprünglich vom Management beabsichtigten Abbau von 436 der 1600 Stammarbeitsplätze zwar erst einmal verhindern. Die Auftragsrückgänge will das Unternehmen nun vorerst mit Kurzarbeit und mit Hilfe der Konjunkturpakete auffangen. Stellen werden trotzdem abgebaut, und betriebsbedingte Kündigungen sind in der Vereinbarung zwischen Geschäftsleitung und Arbeitnehmern auch nicht gänzlich ausgeschlossen, von Mitte 2010 an überhaupt nicht mehr.

Wieviele Kurzarbeiter in Hessen?

Gleichwohl sind viele Unternehmen nach wie vor ernsthaft bemüht, die gegenwärtige Krise zu überstehen, ohne ihre Stammbelegschaft zu dezimieren – mit Hilfe der Kurzarbeit. So gingen von Oktober des vergangenen Jahres bis April 2009 bei den Arbeitsagenturen in Hessen nach und nach Kurzarbeitsanzeigen für 166.000 Beschäftigte ein. Dabei ist allerdings zu beachten, dass damit noch nicht gesagt ist, wie viele davon tatsächlich kurzarbeiten. Die Anzeige erlaubt es Unternehmen, das Instrument jeweils nur für kurze Zeit in Anspruch zu nehmen oder auch gar nicht, wenn sich beispielsweise unverhofft ein neuer großer Auftrag einstellt.

Auch die Vacuumschmelze in Hanau hofft, mit der Kurzarbeit die Stammbelegschaft von 1400 Männern und Frauen halten zu können, um nach dem Ende der Krise rasch wieder die Nachfrage nach veredelten Werkstoffen, Magnetsystemen und anderen Produkten befriedigen zu können, wie ein Unternehmenssprecher sagt. Dabei ist dort die Organisation der Kurzarbeit auch deshalb eine anspruchsvolle Managementaufgabe, weil für bestimmte Produkte die Nachfrage zwar zurückgegangen ist, für andere aber stabil bleibt oder sogar steigt. Es sei also stetig zu prüfen, welche der Abteilungen auf Kurzarbeit zu setzen sind und welche nicht. „Das geht nicht nach dem Gießkannenprinzip“, erläutert der Sprecher.

Weniger Neuanzeigen für Kurzarbeit im Mai

Mit Kurzarbeit versuchen auch die Frachtflieger der Lufthansa Cargo, den dramatischen Einbruch des Luftfrachtaufkommens in den vergangenen Monaten von bis zu 25 Prozent soweit zu kompensieren, dass es nicht zu Personalabbau kommt. Da bei der Frachtbearbeitung eher der Montag und der Dienstag die aufkommensschwächeren Tage sind, pausieren die Mitarbeiter dort vor allem an diesen Tagen. In der Verwaltung hingegen ist freitags Kurzarbeit angesetzt. Allerdings ist bei der Luftfracht weniger die Stückzahl geringer geworden, sondern eher das Gewicht der Sendungen, wie ein Sprecher sagt. Der Arbeitsaufwand ist also in geringerem Maß geschrumpft als das Geschäft selbst. Auch das muss bei der Planung der Kurzarbeit berücksichtigt werden.

Nach ersten Erkenntnissen der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit haben die Neuanzeigen für Kurzarbeit im Mai gegenüber April abgenommen. Bis zum 22. April (also an den ersten 14 von 19 Arbeitstagen) wurden in den Agenturen der Regionaldirektion Hessen 640 Anzeigen für Kurzarbeit erfasst für 13 100 Personen. Für den gesamten Mai sind zwischen 800 und 900 Anzeigen mit zwischen 16.000 und 18.000 Personen zu erwarten, wie weiter heißt. Auch im April war die Zahl der neuen Anzeigen schon geringer gewesen als im März. Ein erfreuliches Anzeichen, wenn auch sicher noch lange nicht das Ende der Krise.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1961, Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr