08.04.2010 · Es untersucht trübe Tinkturen gebrochene Tabletten ebenso wie Salben vom Apotheker um die Ecke. Und im Internet fahndet es nach Arznei-Plagiaten: Das Apotheker-Zentrallabor in Eschborn setzt sich im 40. Jahr für die Sicherheit von Medikamenten ein.
Von Thorsten Winter, EschbornSie mischen Tinkturen, rühren Salben an und stellen Emulsionen her: Mehr als 15 Millionen eigene Arzneimittel geben Apotheker in Deutschland im Jahr an ihre Kunden ab. Und sie lassen die Rezepturen immer öfter auf die Güte hin untersuchen, wie es die Bundesapothekerkammer empfiehlt. So hat das Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker in Eschborn bis Anfang April 2840 solcher Eingaben verzeichnet – nachdem es im gesamten vergangenen Jahr 4051 gewesen waren. Den starken Anstieg wertet das Labor als Hinweis auf ein steigendes Qualitätsbewusstsein, wie Mona Tawab von der wissenschaftlichen Leitung sagt. Doch beschäftigen sich die 40 Mitarbeiter der im 40. Jahr bestehenden Einrichtung nicht nur mit solcherart Qualitätskontrolle.
Zu den Aufgaben zählen auch Reihenuntersuchungen, bei denen alle in der Bundesrepublik zugelassenen Arzneien mit dem gleichen Wirkstoff unter die Lupe genommen werden, zum Beispiel das gängige Schmerzmittel Paracetamol. Das Zentrallabor begutachtet außerdem in Zusammenarbeit mit der ebenfalls in Eschborn ansässigen Arzneimittelkommission der Apothekerschaft von Patienten bemängelte Medikamente: Tabletten, die unerwartet zerbröselt sind, als sie aus der Verpackung gedrückt wurden; Kapseln, die sich farblich voneinander unterscheiden, oder auch eingetrübte Lösungen. Nicht zuletzt untersuchen die Eschborner Verdachtsproben von vorgeblich „rein pflanzlichen“ Arzneimitteln aus dem Ausland, und sie betätigen sich im Internet als Testkäufer, wobei sie auf Arzneimittel-Fälschungen und andere Ungereimtheiten stoßen.
Verbraucherschutz im Vordergrund
Bei den Testkäufen zum Zwecke des Verbraucherschutzes verhalten sich die Analytiker genauso wie ein normaler Kunde. „Wir geben zum Beispiel ,Viagra’ in die Suchmaschine ein und bestellen dann das Mittel über eine der vielen Seiten, die da auftauchen“, erläutert Tawab das Vorgehen. Das Potenzmittel, das vom amerikanischen Pharmakonzern Pfizer stammt, gilt als eines der am häufigsten gefälschten Medikamente und wird auf dem Schwarzmarkt hoch gehandelt. Branchenkennern zufolge kostet ein Kilogramm Viagra-Plagiate rund 90.000 Euro – 1000 Gramm Kokain zum Beispiel gehen dagegen im Durchschnitt für 65.000 Euro weg und dieselbe Menge Heroin für etwa 50.000 Euro. Der Haken daran ist, dass die Fälschungen in vielen Fällen kaum vom Original zu unterscheiden sind, wie Tawab bestätigt. Dabei sei das Plagiat einer Potenzpille nicht wesentlich günstiger als das echte Mittel, sagt der Vorsitzende des hessischen Apothekerverbands, Peter Homann. „Sonst würde der Kunde rasch Verdacht schöpfen.“ Aber die Fälschungen gibt es eben rezeptfrei, ohne einen Arztbesuch.
Aber nicht allein Potenzpillen werden nachgemacht, sondern auch Haarwuchs- und Schlankheitsmittel, Schmerzpillen, Antibiotika und Medikamente gegen Bluthochdruck. Homann: „Alles, womit man Geld verdienen kann, wird gefälscht.“ Bisweilen flattern dem Labor im Ausland kuriose Lieferungen auf den Tisch: so wie jene blauen Pillen aus Großbritannien, die statt in einer üblichen Verpackung in einer Klarsicht-Plastiktüte verschickt worden waren – ohne Beipackzettel oder sonstige Hinweise auf die Inhaltsstoffe, von einem Verfallsdatum ganz zu schweigen.
Innereuropäische Risikoquelle
Aufgrund der Bestellungen im Internet weiß das Zentrallaboratorium, das von den Apothekenkammern der Länder getragen wird, laut Tawab: „Fast alle Fälschungen kommen über illegale Anbieter im Internet nach Deutschland.“ Aus Lateinamerika, Nordafrika, Asien oder auch Kanada. Zugelassene Arznei-Versender gelten dagegen als sicher.
Allerdings bestätigen Ausnahmen die Regel: Wie Tawab berichtet, hat das Zentrallabor einmal bei einem illegalen Anbieter im Internet ein verschreibungspflichtiges Schmerzmittel bestellt und dieses ohne Rezept auch erhalten – von einer offiziellen niederländischen Apotheke. Außerdem enthielt die Packung nur einen niederländischen Beipackzettel, und das bei einem Mittel, das die Atmung lähme und tödlich sei, wenn der Patient es mit Alkohol schlucke. Mithin ist auch der Arzneimittel-Versand innerhalb der Europäischen Union eine Risikoquelle, wie die promovierte Apothekerin zu bedenken gibt.
Re-Importe
Kurt Michler (Kurt.Michler)
- 08.04.2010, 14:19 Uhr