09.05.2010 · Deutschlands Kreativ-Szene trifft sich erstmals in Frankfurt. Vor der Veranstaltung des Art Directors Club äußert sich sein Vorstand Claus Fischer im Interview über den Gipfel der Kreativen, Frankfurts Subkultur und Dinosaurier.
Nächste Woche trifft sich die Elite der Kreativen aus ganz Deutschland zum ADC-Festival in Frankfurt. Mitorganisator Claus Fischer sieht darin einen Schritt zurück zur Werbemetropole. Er äußert sich im Interview über den Gipfel der Kreativen, Frankfurts Subkultur und Dinosaurier.
Deutschlands Kreativ-Szene trifft sich in Frankfurt. Welche Wirkung wird das haben?
Die Wirkung hat schon mit dem Zuschlag für Frankfurt eingesetzt. Das ADC Festival wird nach dem Auftakt 2010 auch 2011 und 2012 in Frankfurt stattfinden. So haben wir wirklich die Chance, Frankfurt als Kreativ-Standort bekannter und vor allem attraktiver zu machen.
Und was soll in den Köpfen der Teilnehmer hängen bleiben?
Bestenfalls die ganze kreative Vielfalt, die man am schönsten an der große ADC-Ausstellung sehen kann. Aber auch das umfangreiche Programm des Kongresses und natürlich die Vielfältigkeit der Stadt. Vor allem aber auch die Idee der Öffnung – weg von der reinen Nabelschau der Branche. Früher war das Festival eine Insider-Angelegenheit, eine reine Leistungsschau der Kreativen. Unser Konzept für die nächsten Jahre ist darauf ausgerichtet, die Leistung von Kreativität auch anderen zu verdeutlichen, der Wirtschaft zu zeigen, was man mit kreativer Kommunikation erreichen kann, und dass Kreativität Relevanz hat.
Warum wird das bisher nicht gesehen?
Kreativität, beispielsweise in der Werbung, wird oft nicht ausreichend als solche wahrgenommen, weil sie nur unbewusst aufgenommen wird. Es ist darum wichtig, dass man sich bewusst macht, was Kreativität erreichen kann, auch im Sinne von strategischen Entscheidungen oder Unternehmensentwicklungen. Unser Ziel ist es, sichtbar zu machen, dass man mit Kreativität, mit neuen Ideen, auch Neues erreichen kann. Zu neuen Ideen gehören auch unterschiedliche und neue Formen von Kommunikation.
Was bedeutet das?
Früher sprach man von Werbung, heute spricht man von Kommunikation. Das tut man, weil es viel breiter gefasst ist, und weil es mit den neuen Medien neue Formen gibt, die zum Teil noch gar nicht in die Markenentwicklung eingeflossen sind. Die Kreativen werden heute mehr und mehr zu Kreativ-Beratern oder kreativen Unternehmensberatern.
Sind die Werber die neuen Unternehmensberater?
Nein eher Kommunikations-Berater, die kreative Strategien entwickeln. Es wäre aber vermessen und der falsche Ansatz zu sagen, dass wir alle die großen Strategen sind, die sich mit Unternehmensberatungen vergleichen wollen.
Welche Herausforderungen gibt es durch die neuen Medien?
Es wird immer schwieriger, das gesamte Spektrum zu bedienen. Aber es bieten sich auch ganz neue Formen der Kommunikation. Das hat ein Umdenken in der Branche ausgelöst. Und es geht einher damit, dass man sich immer neue Wege überlegen muss, um seine Zielgruppen zu erreichen.
Fließt denn insgesamt jetzt mehr Geld in die Werbung, weil es mehr Kanäle zu bedienen gibt?
Im vergangenen Jahr, das haben wir alle zu spüren bekommen, sind die Werbebudgets eher zurückgefahren worden. Der Kunde achtet immer mehr darauf, welchen Kanal er nutzt, Controller prüfen sehr genau, wohin das Geld fließt. Kunden erwarten nicht nur gute Kommunikation, sondern auch die Beratung, wie und wo sie am besten wirkt – auch das bedeutet kreative Unternehmensberatung.
Was heißt das für die Ausbildung?
Früher war der Begriff des Kreativen ganz stark mit der klassischen Werbung verbunden. Das Berufsbild ist heute viel breiter aufgestellt. Natürlich versuchen wir auch Absolventen von Hochschulen wie der Offenbacher HfG zu bekommen, die Mediendesign und Grafik lehren. Aber aus den neuen Disziplinen entwickeln sich auch ganz neue Berufsbilder, es entstehen neue Studiengänge und neue Ausbildungswege. So werden beispielsweise Designer, Szenografen oder Spieleentwickler immer wichtiger.
Und arbeiten diese Spezialisten dann noch als Angestellte in Agenturen oder als freie Einzelkämpfer?
Noch gibt es zwei Spezies: die der Werbeagenturen, die noch nach klassischem Angestelltenmodell arbeiten und sich immer mal nach Bedarf einzelne Kreative oder Teams für bestimmte Aufgaben suchen. Es gibt aber auch schon „Labs“ als lose Zusammenschlüsse von Kreativen. Die haben eine ganz andere Denke, die sind nicht an Unternehmensstrukturen orientiert.
Sind die klassischen Agenturen die Dinosaurier?
Nein, die Systeme bedingen sich gegenseitig, es sind Geschäftsmodelle, die sich ergänzen. Wir als Agentur nutzen auch diese Kreativlabs, indem wir sie in einzelne Prozesse einbinden. Das hat den Vorteil, dass etwas Neues entstehen kann, ohne dass ich eine eigene Abteilung in meinem Unternehmen aufbauen muss. Außerdem habe ich dann kein Personal, das ich das ganze Jahr an mich binden und finanzieren muss.
Warum ist Frankfurt der beste Ort für den ADC-Gipfel?
Weil Frankfurt ein Wirtschaftsstandort ist und ein Ort, der schon aus Tradition für den Gedankenaustausch steht. Für die Börse, die Messe, für den Handel, für neue Ideen, für Wachstum. Da ist Frankfurt ein guter Impulsgeber. Wo sehr viel Wirtschaft ist, sehr viel Kultur und eine lebendige Subkultur. Außerdem ist Frankfurt eine Stadt, die auch an sich selbst, was ihre Stadtentwicklung angeht, einen hohen Anspruch stellt.
Warum hat Frankfurt dann in der Branche einen so schlechten Ruf?
Frankfurt hat vielleicht nicht den Ruf der Kreativhauptstadt. Aber die Ausrichtung des Festivals ist ein wichtiger Schritt, um zu sagen, wir wollen da wieder hin. Wir wollen Frankfurt und die Region attraktiver machen. Zeigen, dass es nicht nur die Glastürme und die Anzugträger gibt, sondern dass Frankfurt viel mehr zu bieten hat: eine hohe Lebensqualität, ein tolles Kulturprogramm. Ich glaube, die Frankfurter sprechen selbst nicht genug darüber, wie gut es hier ist. Es muss bekannter werden, dass Frankfurt eine Vielzahl an tollen Agenturen hat, dass es tolle Aufträge gibt.
Tut Frankfurt genug für die Branche?
Ja, ich finde es toll, dass die Stadt mit dem Kreativ-Gründerzentrum und Mikrokrediten Starthilfen gibt und dass sie überhaupt das Thema Kreativwirtschaft aufnimmt. Es freut mich, dass man erkennt, das Kreativwirtschaft auch ein großes Potential hat – auch wenn es sich hierbei um keine Dax-Unternehmen handelt, sondern um viele kleine und Kleinstunternehmen.
Was würden Sie sich noch wünschen?
Es gab einmal Überlegungen zum Thema Wohnraum für Praktikanten. Ein Praktikanten-Wohnheim wäre gut, denn manche Praktikanten kommen nicht nach Frankfurt, weil ihnen die Lebenshaltungskosten hier zu hoch sind.
Haben Sie einen kreativen Lieblingsort in Frankfurt?
Ja, für mich ist das der Kunstverein Montez. So etwas gibt es nur in Frankfurt.