10.09.2010 · Der Börsenhandel in Frankfurt hat sich seit der ersten Wechselkursfeststellung vor 425 Jahren erheblich gewandelt. Die Bedeutung für die Stadt und den Finanzplatz ist aber noch dieselbe. Heute feiern die Makler Jubiläum.
Von Tim KanningEs ist ein simples Schaubild, mit dem Stefan Mai kürzlich auf einer SPD-Veranstaltung die Funktion der Börse dargestellt hat. Links ist ein wildes Knäuel von Linien zu sehen, in dem von zehn Punkten jeder mit jedem verbunden ist – so sieht nach Worten des Deutsche-Börse-Managers der Kapitalmarkt ohne Börse aus. Rechts hat jeder der zehn Punkte nur eine Verbindungslinie zu einem zentralen Kasten – der ist die Börse.
Als Garant für Transparenz und regulierte Finanzmärkte positioniert sich die Deutsche Börse AG dieser Tage gerne, immer in der Hoffnung, im Zuge der Neuordnung der Finanzmärkte nach der Krise möge für möglichst viele Finanzprodukte der Handel über offizielle zentrale Börsen vorgeschrieben werden. Die großen Blasen sind außerhalb des herkömmlichen Handels entstanden, so das Argument – und wer keine unkontrollierten Übertreibungen will, der muss die Börse nutzen.
Erstmals feste Wechselkurse bestimmt
Es ist eine alte Idee, auf der das Geschäftsmodell bis heute basiert. An diesem Donnerstag war es genau 425 Jahre her, dass sich in Frankfurt erstmals Händler zusammentaten und feste Wechselkurse bestimmten. Die Herbstmesse lief damals wie heute ihre Nachfolgerin Tendence. Kaufleute kamen aus allen Ecken des Reichs und auch aus dem europäischen Ausland zusammen. Zig Währungen und Geldsysteme erschwerten den Handel, Betrügereien und Wucher gehörten zum Tagesgeschäft.
Wie in der von Bernd Baehring zum 400. Jahrestag verfassten Festschrift „Börsenzeiten“ nachzulesen ist, waren es 84 Großkaufleute, die 1585 gemeinsam in einem Brief an den Rat der Stadt forderten, einheitliche Wechselkurse festlegen zu können. Für ungarische Dukaten etwa seien 28,5 Batzen angebracht, für Reichstaler nur 18,5. Dem Antrag wurde stattgegeben, und fortan wurden zu jeder Messe amtliche Münzvergleiche vorgenommen.
1608 hießen die Treffen erstmals „Burs“
Der Finanzplatz Frankfurt nahm Gestalt an. Bald traf man sich häufiger, vor dem Römer oder in dessen Eingangshalle zum Devisenhandel. 1608 wurden die Treffen erstmals „Burs“ – also Börse – genannt. Mit der zunehmenden Bedeutung der Bankiersfamilien wie Metzler nahm im Laufe des Jahrhunderts auch der Wertpapierhandel auf dem Frankfurter Marktplatz zu. Die erste Behausung erhielten die Makler aber erst 1694 im Haus „Großer Braunfels“ am Liebfrauenberg.
Die Börse wurde damals von der Handelskammer getragen. 1872 entschied man sich zum Bau desjenigen Gebäudes, das heute noch am Börsenplatz sowohl den Handelssaal als auch die Industrie- und Handelskammer beherbergt. Der Bau wurde über den Verkauf von Logenplätzen im Handelssaal finanziert. Erst Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab die Industrie- und Handelskammer die Trägerschaft der Frankfurter Wertpapierbörse ab und gründete eine Aktiengesellschaft, die 1992 in Deutsche Börse AG umbenannt wurde. Sie ist seitdem Träger der Frankfurter Wertpapierbörse, wo der Börsenhandel mit Lizenz und unter Aufsicht des Landes Hessens stattfindet.
Handelsplatz durch Banken groß geworden
Bis heute ist die Börse der Nukleus des Finanzplatzes geblieben. Der Handelsplatz ist durch die Banken der Stadt groß geworden, aber vor allem die ausländischen Kreditinstitute haben ihre Deutschlandsitze an den Main gelegt, weil hier die wichtigste Börse Kontinentaleuropas liegt. Entsprechend groß ist immer wieder die Angst, wenn die Deutsche Börse der Stadt zu entgleiten droht. War die Aktiengesellschaft in den ersten Jahren noch im Besitz der hiesigen Banken und Kursmakler, so wurde mit dem eigenen Börsengang 2001 der Aktionärskreis unübersichtlicher – und verlor die Heimatverbundenheit. Vor allem in der Übernahmeschlacht um die London Stock Exchange vor sechs Jahren waren die Befürchtungen groß, die Börse könne über kurz oder lang vom Main an die Themse ziehen.
Als die Pläne scheiterten, kam Reto Francioni an die Spitze, der das Haus bis heute wirtschaftlich erfolgreich führt. Der Parketthandel hat seine einstige Bedeutung aber längst an das Computersystem Xetra verloren. Im August 2010 standen 14,4 Millionen Xetra-Transaktionen 3,5 Millionen auf dem Parkett gegenüber. In zwei Jahren soll das schrumpfende Segment ganz eingestellt werden. Die Deutsche Börse Gruppe verdient ihr Geld ohnehin längst mit einer ganzen Reihe von Dienstleistungen rund um den eigentlichen Handel.
Festliche Reden zum Jubiläum
So merkt manch einer einen schleichenden Exodus. Zwar verlegt die Börse dieser Tage ihre Zentrale nur von Frankfurt nach Eschborn. Doch in mehreren Sparrunden hat das Haus inzwischen schon große Teile nach Prag und an andere Standorte verlagert.
An diesem Freitag wird aber erst einmal gefeiert. Noch vor Börsenstart gibt es festliche Reden von Francioni, dem Chef der Frankfurter Wertpapierbörse Frank Gerstenschläger und Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU). Anschließend läuten alle gemeinsam die traditionelle Börsenglocke. Der erste Handelstag 425 Jahre nach der ersten Kursfeststellung kann dann losgehen.