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20 Jahre nach dem Tod : Herrhausens Nachlass

10.000 Menschen zogen nach seinem Tod durch das Frankfurter Bankenviertel: Alfred Herrhausen. Bild: DPA

Die Verantwortung der Banken in der Globalisierung ist in der Krise ein brandaktuelles Thema. Alfred Herrhausen hat es schon vor mehr als 20 Jahren auf die Agenda gesetzt. Für die heutige Deutsche Bank hat er Grundsteine gelegt.

          Wenn es am Montag dunkel wird, kehrt für einen Moment Ruhe ein im Frankfurter Bankenviertel. Die Krise, die Aktienkurse, die Renditeziele werden für ein paar Stunden außer Acht gelassen, die Blackberrys dürften in den Taschen bleiben. Die Deutsche Bank hat in ihre gute Stube, den Hermann-Josef-Abs-Saal, geladen, zum Gedenken an die schwerste Stunde des Hauses – die Ermordung des einstigen Vorstandssprechers Alfred Herrhausen. In Bad Homburg wird ebenfalls Herrhausens gedacht (Herrhausen-Mord: Eine Explosion, die das Idyll zerstörte)

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf den Tag 20 Jahre ist es her, dass er auf der Fahrt von seinem Wohnhaus in Bad Homburg zu den Doppeltürmen in Frankfurt Opfer eines Bombenattentats wurde. Opfer der Terrorgruppe Rote-Armee-Fraktion. Opfer eines über Leichen gehenden Hasses auf den Kapitalismus – zu dem Herrhausen selbst eine weit reflektiertere Einstellung hatte, als dem Stereotyp Banker oft nachgesagt wird.

          Den Geist zu eigen machen

          Eigentlich hatte er Philosophie, nicht Wirtschaftswissenschaften studieren wollen. Und so prägte er in den vier Jahren, in denen er Deutschlands größtes Kreditinstitut führte, ein ganz eigenes Bild des Spitzenbankers. Was heute als Corporate Social Responsibility in großen Unternehmen zum guten Ton gehört, geht zu einem wesentlichen Teil auf ihn zurück. So regte er an, den ärmsten Entwicklungsländern einen Teil ihrer erdrückenden Schulden zu erlassen, und stieß bei den meisten seiner Kollegen weltweit auf Unverständnis. Weggefährten bescheinigen ihm die Fähigkeit, mit Arbeitern der Daimler-Benz AG, deren Aufsichtsrat er leitete, ebenso problemlos umgehen zu können wie mit Studenten und Schülern.

          Die Deutsche Bank macht sich den Geist Herrhausens auch heute noch gerne zu eigen. Die von dem Kreditinstitut finanzierte Alfred-Herrhausen-Gesellschaft veranstaltet regelmäßig Konferenzen zu den ständig wachsenden Mega-Citys und anderen Herausforderungen der Globalisierung. Wenn die Doppeltürme an der Taunusanlage renoviert sind, wird durch die Lobby wieder niemand gehen können, ohne an der großen Marmorplatte mit Herrhausens Worten vorbeizukommen: „Freiheit – und Offenheit, die damit einhergeht – wird uns nicht geschenkt. Die Menschen müssen darum kämpfen, immer wieder.“

          Gute wirtschaftliche Beziehungen in den Osten

          Die Rede, aus der dieser Satz stammt, konnte der Vorstandssprecher nicht mehr halten. Die Worte sind aber Sinnbild für sein Wirken auch in die Politik hinein. Bei der Öffnung des Ostblocks, die sich kurz vor seinem Tode mit dem Fall der Mauer manifestiert hatte, spielte Herrhausen mit seinen guten wirtschaftlichen Beziehungen zu der Sowjetunion, zu Polen und Ungarn sowie als Berater Helmut Kohls eine wichtige Rolle.

          Vorstandsvorsitzender Josef Ackermann wird die Gedenkveranstaltung am Montagabend nutzen, um über die Verantwortung der Deutschen Bank als globaler Finanzdienstleister zu sprechen, und im Anschluss daran mit jungen Führungskräften des Hauses diskutieren. 300 Gäste sind geladen, Herrhausens Witwe Traudl und ihre Tochter werden ebenso erwartet wie seine Nachfolger an der Bankenspitze Hilmar Kopper und Rolf Breuer.

          10.000 Menschen zogen durch das Bankenviertel

          Unter Herrhausens Leitung sei die Deutsche Bank zum ersten Mal aus dem langen Schatten von Hermann Josef Abs herausgetreten, schrieb der damalige Herausgeber dieser Zeitung, Jürgen Jeske, in einem Nachruf. Herrhausen war der erste an der Spitze des Hauses, der nach Abs’ Ausscheiden aus dem Vorstand 1967 allein das Amt des Sprechers dieses Gremiums übernahm. Er begründete auch den internationalen Anspruch der Bank. Noch in der Woche seiner Ermordung hatte er mit einem Milliardengebot für die Londoner Investmentbank Morgan Grenfell den Grundstein für das internationale Investmentbanking gelegt, durch das die Deutsche Bank heute zu den großen globalen „Spielern“ zählt.

          Auch in Frankfurt und in seiner Gesellschaft hat Herrhausen einen tiefen Eindruck hinterlassen. 10.000 Menschen zogen am Tag nach seinem Tode um die Mittagszeit durch das Bankenviertel. Neben Vertretern der Politik beteiligten sich auch die damaligen Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank und der Commerzbank, Wolfgang Röller und Walter Seipp, an dem Schweigemarsch. Oberbürgermeister Volker Hauff (SPD) nutzte am selben Tag seine Eröffnungsrede des Weihnachtsmarktes, um zur Teilnahme an einer Gedenkandacht im Dom aufzurufen.

          Als Herrhausen zum Neujahrsempfang 1989 der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft gesprochen hatte, waren seine letzten Worte gewesen: „Die Menschheit entwickelt sich weiter.“ Herrhausen selbst hat seinen Teil dazu beigetragen.

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