28.06.2008 · Die Mainmetropole spielt im Dax, dessen zwanzigjähriges Bestehen am Dienstag gefeiert wird, nur eine nachgeordnete Rolle. Auch wenn der Deutsche Aktienindex in Frankfurt berechnet wird: Ein Frankfurter Aktienindex ist er nicht.
Von Manfred KöhlerZum zwanzigjährigen Bestehen des Deutschen Aktienindex ist wieder einmal alles offen. Soviel Bewegung wie lange nicht herrscht in der Bankenwelt, und mit der Deutschen Bank und der Commerzbank stecken die beiden Frankfurter Kreditinstitute, die die Mainmetropole seit Anfang an im Dax vertreten, mittendrin. Immerhin ist diesmal davon die Rede, dass sie selbst andere Kreditinstitute übernehmen – und nicht, dass sie ihrerseits übernommen werden könnten. Aus Frankfurter Sicht kann das nur gut sein.
Denn seit der Dax am 1. Juli 1988 ins Leben gerufen wurde, fielen mit der Metallgesellschaft, Hoechst und der Dresdner Bank bereits drei Frankfurter Unternehmen aus unterschiedlichen Gründen aus diesem zentralen deutschen Börsenbarometer heraus (Fusionen, Umzüge – wie Dax-Adressen verloren gingen ). Nur wenn das Umland einbezogen wird, kommt der wichtigste deutsche Finanzplatz glimpflich davon. Sechs Konzerne aus dem Rhein-Main-Gebiet gehörten dem Dax bei der Gründung an, fünf sind es heute (siehe Grafik oben). Zuletzt rückte 2007 die Merck KGaA aus Darmstadt in den Kreis der wichtigsten börsennotierten Aktiengesellschaften der Bundesrepublik auf.
Zugehörigkeit zum Dax schafft Aufmerksamkeit
Dem Anleger mag es egal sein, wo ein Unternehmen, dessen Aktien er zeichnet, seinen Sitz hat. Doch für die Entwicklung einer Stadt oder einer Region ist das anders. Die Zugehörigkeit zum Dax schafft Aufmerksamkeit. Und Wirtschaftsgeographen haben herausgefunden, dass Unternehmen eher dort investieren, wo sie ihren Sitz haben, als an der Peripherie ihres Geschäftsgebiets, dass sie außerdem ihresgleichen anlocken, dass schließlich um sie herum eine Zuliefererbranche entsteht. Cluster heißt das Ergebnis von alledem neudeutsch. Was allgemein stimmt, gilt noch mehr für Konzerne aus der ersten Reihe. Der Erfolg eines Standorts nährt den Erfolg: Nirgendwo ist das besser zu beobachten als im Frankfurter Bankenviertel, das bei Neuansiedlungen immer noch als Magnet wirkt und zudem eine Heerschar von Rechtsanwälten, Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern ernährt.
So darf es aus Frankfurter Sicht schon bedenklich stimmen, dass der größte Rivale der Mainmetropole, die bayerische Landeshauptstadt, ein weitaus größeres Gewicht im Dax hat. Nicht weniger als acht der 30 Dax-Konzerne haben ihren Sitz in München. Frankfurt liegt sogar hinter Düsseldorf und gerade einmal gleichauf mit Bonn, sonst nicht eben als wirtschaftliches Zentrum bekannt. Generell sind die Dax-Konzerne vor allem im Westen und Süden Deutschlands beheimatet – also dort, wo die Wirtschaftskraft höher ist (siehe Karte).
Geblieben ist die Börse
Geblieben ist über die zwei Jahrzehnten hinweg das große Gewicht der Industrie. Nimmt man den gesamten Ballungsraum in den Blick, so standen 1988 drei Konzernen der Finanzbranche drei Industriekonzerne gegenüber. Heute liegt das Verhältnis bei den Dax-Konzernen aus Rhein-Main bei drei zu zwei. Das konterkariert das gängige Bild vom Rhein-Main-Gebiet als einer vom Dienstleistungssektor geprägten Region. Dass alle Industriekonzerne im weitesten Sinne mit chemischen Prozessen zu tun hatten oder haben, auch Anlagenbauer wie die Metallgesellschaft, zeigt überdies, wie die Region nach wie vor von den Anfänge im Industriezeitalter geprägt ist.
Geblieben ist der Region die Börse. Und so wird am Dienstag nicht irgendwo, sondern auf dem Frankfurter Börsenparkett das zwanzigjährige Bestehen des Dax mit Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) gefeiert. Auch was aus der Börse wird, war zwischenzeitlich einmal ungewiss: Unvergessen sind die gescheiterten Pläne für ein Zusammengehen mit London, bei dem für Frankfurt gerade noch der Handel mit den Werten des längst dahingegangenen Neuen Marktes vorgesehen war. Von solcherlei Bedrohungsszenarien für die Mainmetropole ist im Moment nicht die Rede. So mögen auch andere Regionen stärker im Dax repräsentiert sein als Rhein-Main – gehandelt werden die Werte nach wie vor in allererster Linie in Frankfurt.