Zum Kochen taugt das neueste Produkt aus dem Hause Schott ausnahmsweise nicht. Allerdings lässt sich auf dem Buchdeckel aus Glaskeramik, der am Dienstag der Öffentlichkeit präsentiert wurde, „ohne Bedenken eine bis zu 750 Grad heiße Tasse Kaffee abstellen“, wie Verleger Bertram Schmidt-Friderichs von der Mainzer Universitätsdruckerei versicherte. Darunter verbirgt sich eine 263 Seiten dicke Unternehmenschronik, die mit dem ebenso schlichten wie prägnanten Titel „Schott 1884 - 2009“ die Meilensteine auf dem Weg „vom Glaslabor zum Technologiekonzern“ nachzeichnet. Der eigenwillige Einband aus Ceran macht das aufwendig gestaltete Werk nicht nur zu einer „Weltneuheit“, sondern mit fast zwei Kilogramm Gewicht auch zu vergleichsweise schwerer Kost – darin zu lesen fällt allerdings leicht.
Denn die Geschichte des von Otto Schott, Ernst Abbe sowie Carl und Roderich Zeiss vor 125 Jahren in Jena gegründeten „Glastechnischen Laboratoriums Schott & Genossen“ ist zugleich ein Stück deutscher Industrie- und Zeitgeschichte: mit zwei Weltkriegen, der deutschen Teilung, dem Kalten Krieg und der Wiedervereinigung. Optische Spezialgläser des seit 1952 auch in Mainz angesiedelten Unternehmens wurden 1969 sogar mit auf den Mond genommen, um 600 Millionen Menschen auf der Erde möglichst scharfe Bilder von der Landung der Apollo 11 zeigen zu können. Da im Raumschiff aber nicht eben viel Platz war, ließ man die Kameraausrüstung mit den wertvollen Schott-Objektiven später im Weltall zurück, wo sie von Mondstaub und Geröll begraben womöglich heute noch liegt.
42 Standorte weltweit
Für das Ansehen des Unternehmens, das als Schott AG mit weltweit 42 Standorten und mehr als 17 300 Mitarbeitern im Geschäftsjahr 2007/08 einen Umsatz von gut 2,2 Milliarden Euro erzielte, sind und waren spektakuläre Großaufträge von jeher eine Gewinn. Dazu gehörte Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Herstellung von tonnenschweren und mit einem Durchmesser von 8,2 Metern beeindruckend großen Teleskopspiegeln für die astronomische Forschungsorganisation ESO, die damit von einem Observatorium in Chile aus Objekte noch in mehr als zehn Milliarden Lichtjahren Entfernung erkennen und erfassen wollte.
Heute ist der vor allem in Europa, aber auch in Asien und Nordamerika mit Werken präsente Konzern so aufgestellt, dass er auf vielen Geschäftsfeldern mithalten kann: als Zulieferer faseroptischer Lösungen für die Automobilindustrie etwa, dank der Ceran-Kochflächen in der Hausgeräteindustrie, als Hersteller von Laborgläsern und Pharmaverpackungen sowie in zunehmendem Maße als Anbieter von Solar- und Photovoltaiktechnologien, was trotz eines ersten Dämpfers noch immer als einer der Zukunftsmärkte angesehen wird.
Dabei hat die 2004 gegründete Aktiengesellschaft mit der Carl-Zeiss-Stiftung bis heute nur eine einzige Aktionärin; und eine Veräußerung von Aktien ist grundsätzlich ausgeschlossen.
Ein Buch für jeden „Schottianer“
Das auf Ernst Abbe zurückgehende Stiftungsmodell sorgt nach Angaben von Professor Udo Ungeheuer, Vorsitzender des Vorstands der Schott AG, für eine in der Wirtschaft nicht mehr häufig anzutreffende Unternehmenskultur, bei der „die Verantwortung für Mitarbeiter und Gesellschaft“ einen hohen Stellenwert habe: So fördert man nebenbei Sportvereine und Denkmalschutzprojekte, veranstaltet Musik-Workshops für Jugendliche und organisiert Benefizläufe für Schüler.
Selbstverständlich werde nun auch jedem „Schottianer“ eine eigene Firmenchronik ausgehändigt, kündigte Ungeheuer an. Zunächst allerdings liegt nur die Original-Fassung in deutscher Sprache vor, die noch dazu in klassischer Buchform – also ohne Ceran-Einband – zur Verfügung steht; die englische Version soll nachgereicht werden.
Damit alle Beschäftigten weltweit wissen, wie genau es mit dem Jenaer Laboratorium weitergegangen ist, in dem am 1. September 1884 der erste Glasschmelzofen entzündet worden war. Dem als „distanziert“ beschriebenen Verhältnis zu den nationalsozialistischen Machthabern im Dritten Reich ist in der Chronik ebenso ein Kapitel gewidmet wie der vom Westen aus schwerlich zu verfolgenden Entwicklung des Volkseigenen Betriebs Jena.
„Zug der 41 Glasmacher“
Spektakulär war der 1945 von amerikanischen Soldaten angeführte „Zug der 41 Glasmacher“, die bei ihrer Flucht aus Ostdeutschland „nur das bei sich hatten, was wir in den Köpfen hatten“, wie Erich Schott, der Sohn des Firmengründers, Jahre später sagen sollte. Ihm und seinen Gefolgsleuten gelang es, auf einem Schuttfeld zwischen Rheinallee und Hattenbergstraße in Mainz bis 1952 ein neues Werk aus dem Boden zu stampfen, das auch nach der firmeninternen Wiedervereinigung Stammsitz des weltweit operierenden Technologiekonzerns blieb.
Obwohl sich die von Dieter Kappler, dem langjährigen Pressesprecher der Schott AG, und Co-Autor Jürgen Steiner, Mitarbeiter der PR-Abteilung, verfasste Chronik über weite Strecken wie eine Erfolgsgeschichte liest, war das Industrieunternehmen nicht frei von Krisen, Umbrüchen und für die Mitarbeiter bisweilen schmerzhaften Einschnitten: ob beim Neuanfang in Jena nach der Wende oder in Mainz, als für viele überraschend das Ende der Fernsehröhren-Produktion verkündet wurde. Bisher allerdings ist den Erben von Schott, Abbe und Zeiss noch immer etwas Neues eingefallen, was sich aus Glas herstellen lässt - und sei es auch nur ein Bucheinband aus Glaskeramik in einer Auflage von zunächst einmal 1250 Stück.

