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Wirtschaft in der Landeshauptstadt Wiesbaden hat ein Platzproblem

Der Landeshauptstadt fehlen vor allem neue Büroflächen, die auch energetisch auf dem neuesten Stand sind. Für Geringqualifizierte hat der Arbeitsmarkt vergleichsweise wenig Angebote.

© Kaufhold, Marcus Dienstleistungsviertel: Der R+V-Komplex nahe der Wiesbadener Abraham-Lincoln-Straße - die Versicherung ist großer Arbeitgeber in der Landeshauptstadt.

Städte-Rankings sind gleichermaßen als Gesprächsstoff beliebt wie in ihrer Aussagekraft beschränkt. Und wenn Wiesbaden beim jüngsten Test dieser Art auf Platz 26 in der Disziplin Dynamik landet, muss das die Landeshauptstädter nicht grämen: Selbst eine internationale Wirtschaftsmetropole wie Frankfurt findet sich auf Platz 20 wieder - Magdeburg gewinnt. Die Lösung des Rätsels ist simpel, es geht um Veränderungsraten. Gut entwickelte Standorte haben es schwerer als solche mit großen Defiziten.

Jochen Remmert Folgen:

Ganz aus der Luft gegriffen ist die Vorhaltung, es mangele Wiesbaden an Dynamik, aber nicht. Das Gros der Wiesbadener dürfte dabei zuerst an Projekte wie das Stadtmuseum, die Stadtbahn oder den Neubau der Rhein-Main-Hallen denken, die lange diskutiert, aber nicht entschieden werden (Mehr dazu in der Freitagsausgabe).

Starker Dienstleistungssektor in Wiesbaden

Es gibt auch weniger öffentlichkeitswirksame Hindernisse, die die wirtschaftliche Entwicklung der Landeshauptstadt hemmen. Da ist vor allem der Mangel an neuen Büroflächen, wie Wirtschaftsdezernent Detlev Bendel (CDU) sagt. Er berichtet von Interessenten, die in der Kernstadt Flächen suchten, aber nicht fündig würden. Die verliert Wiesbaden dann auch an Frankfurt, wo kein Mangel an leerstehenden Büroräumen herrscht; 1,7 Millionen Quadratmeter sind dort nicht belegt. Bendel zufolge spielt bei der Standortauswahl inzwischen nicht mehr der Hebesatz der Gewerbesteuer, der in Wiesbaden bei 440 Punkten und in Frankfurt bei 460 liegt, die entscheidende Rolle. Die Unternehmen haben vielmehr die Energiekosten im Auge, weshalb sie nur Flächen wollen, die auf dem neuesten Stand sind, wie der Dezernent weiter sagt. Gebe es tatsächlich einmal neue Bürobauten in Wiesbaden, wie etwa „Büro am Kulturpark“ an der Mainzer Straße, seien diese noch vor Abschluss der Rohbauarbeiten schon wieder fast vollständig vermietet.

Dabei ist Wiesbaden mehr als andere Städte auf Büroflächen angewiesen. Denn von den zirka 124 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten verdienen fast zwei Drittel im Dienstleistungssektor ihr Geld, nur gut 10 Prozent im verarbeitenden Gewerbe und etwa 20 Prozent im Handel, im Gastgewerbe oder im Verkehrssektor. An dieser Gewichtung hat auch der sich über Jahre hinziehende Schwund bei den Versicherungen nichts geändert.

Wiesbaden ist Zentrum geblieben

Allerdings hat die Stadt bei den großen Fusionen der Branche immer wieder den Kürzeren gezogen. Als HDI und Gerling zusammengezogen wurden, schloss die Konzernmutter Talanx den Wiesbadener Standort, 450 Stellen waren verloren. Die DBV übernahm zwar seinerzeit Konkurrentin Winterthur, ging aber dann nach Köln und wurde in die gemeinsame Mutter Axa integriert, was weitere 500 Stellen kostete. Auch beim Zusammenschluss der hessisch-thüringischen Sparkassen-Versicherung mit der in Baden-Württemberg verlor Wiesbaden, der Hauptsitz wurde in Stuttgart angesiedelt. Die Sparkassenversicherung blieb der Landeshaupt aber mit der größten von fünf Niederlassungen erhalten, wo gut 800 Männer und Frauen arbeiten.

Ungeachtet dieses Rückgangs nahm die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Wiesbaden von 120 605 im Dezember 2006 auf 123 748 im Dezember 2011 zu. Wiesbaden ist dabei immer Verwaltungs-, Dienstleistungszentrum geblieben, auch Behördenstadt, inklusive Bundeskriminalamt, Statistisches Bundesamt, Landesamt, der Hochschule Rhein-Main und der Ministerien der Landesregierung. Büro-Areale sind in Wiesbaden gewissermaßen deshalb rar, weil die Stadt im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört wurde. Daher besitzt sie die vielgerühmte Altbausubstanz und Europas größtes zusammenhängendes Villenviertel, aber eben auch viel zu wenig Fläche für neue Bürobauten.

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