http://www.faz.net/-gzg-75yew
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 22.01.2013, 19:51 Uhr

Wintereinbruch und öffentliche Verkehrsmittel Ebbelwei-Express als Eisbrecher

Die ersten Straßenbahnen in Frankfurt fahren wieder. Nun wird aber Kritik an VGF wegen fehlender Ersatzbusse laut.

von , Frankfurt
© Fricke, Helmut Comeback der Senioren: Alte Bahnen befreiten die Leitungen vom Eis.

Bei der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) heißen sie schlicht „Veteranen“: Sechs Museumsstraßenbahnen der Frankfurter Verkehrsbetriebe sind am Dienstag auf den Linien 11 und 16 im Einsatz gewesen, um die sogenannten Rumpfstrecken „freizufahren“. Fahrgäste haben sie dabei nicht befördert. Die mit wenig Elektronik ausgestatteten und darum nicht frostanfälligen Bahnen sollten die Oberleitungen vom Eis befreien, damit auch die modernen Fahrzeuge wieder eingesetzt werden können.

Rainer Schulze Folgen:

Erst am späten Nachmittag ging die Linie 11 zwischen Nied und Fechenheim wieder in Betrieb, auf der Linie 16 wurden Probefahrten absolviert. Am Mittwochmorgen sollen die Linien 14, 15 und 17 folgen, im Laufe des Tages sollen schließlich auch die verbleibenden Strecken 12 und 18 wieder bedient werden. Auch in Darmstadt fuhren die Trams wegen vereister Fahrleitungen gestern nur eingeschränkt.

Mehr zum Thema

Zentimeterdicke Eisschicht auf den Oberleitungen

Die empfindlichen Niederflurwagen der VGF drosseln die Motorleistung, wenn sie zu wenig Strom bekommen. Die alten Bahnen hingegen kommen auch mit geringer Strommenge weiter. „Die Veteranen sind bei dem Wetter geeigneter“, sagt der VGF-Sprecher. Nach dem Eisregen am Sonntag waren 45 Trams mit festgefrorenen Stromabnehmern mitten im Verkehr liegengeblieben. Am Montag und gestern wurden sie von den alten Zügen in die Depots geschleppt.

Dass die Oberleitungen, die eine teils zentimeterdicke Eisschicht ummantelte, am Dienstag immer noch nicht komplett frei waren, begründet VGF-Geschäftsführer Michael Budig mit einer Fehleinschätzung: Um so schnell wie möglich den Betrieb ohne Einschränkungen aufnehmen zu können, habe man sich auf das gesamte Streckennetz konzentriert, statt zunächst nur die wichtigsten Verbindungen freizuhalten und Ersatzbusse einzusetzen.

Jederzeit betriebsbereit

Die Straßenbahn-Linien sind anfälliger als das U-Bahn-Netz. Dieses verläuft teilweise unterirdisch und ist somit geschützt, zudem fahren die U-Bahnen häufiger und verhindern somit ein Zufrieren der Oberleitungen. Bei den Straßenbahnen hingegen erleichterte die am Sonntag besonders niedrige Taktfrequenz die Eisbildung. Auch das Streckennetz der S-Bahnen ist nicht gefährdet, weil die hohe Spannung von 15.000 Volt die Oberleitung erwärmt. Reibungshitze entsteht außerdem durch die rund um die Uhr verkehrenden Fern- und Güterzüge.

Am Dienstag dienten zwei Ebbelwei-Express und vier Bahnen der Fahrzeugtypen L, N, O und P, die in den sechziger und siebziger Jahren üblich waren, zunächst auf den wichtigsten Linien als Spurwagen. Diese Straßenbahnen stehen üblicherweise im Depot im Gutleutviertel und werden für sogenannte Museumsfahrten genutzt. Sie seien aber jederzeit betriebsbereit, sagte der Sprecher .

Keine privaten Busse

Auf der nach Oberrad führenden Linie 16, die den ansonsten relativ schlecht angebunden Stadtteil versorgt, wurden ab Südbahnhof Busse eingesetzt. Dass es auf anderen Routen keinen Ersatzverkehr gab, erklärt die VGF damit, dass ihr weder zusätzliche Fahrzeuge noch Busfahrer zur Verfügung stünden. Der Versuch, kurzfristig noch bei privaten Unternehmen Busse anzumieten, sei gescheitert. „Es ist letztlich eine politische Entscheidung, ob man die VGF für den Extremfall personell und materiell ausstatten will“, sagt der Sprecher. Diese Reserve würde dann aber möglicherweise über Jahre nicht gebraucht.

Für Verkehrsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) ist der Ausfall „außerordentlich misslich, gerade, wenn viele das Auto oder Fahrrad stehen lassen wollen, weil es zu gefährlich ist“, sagte er am Dienstagabend im Verkehrsausschuss. Für die Opposition kritisierte Klaus Oesterling (SPD), dass zu wenig Ersatzbusse führen. Der Nahverkehr sei durch „hoch gezüchtete“ Technik anfällig geworden: „Vielleicht kann man sich beim Straßenbahnbetrieb in Nowosibirsk erkundigen, wie die durch den Winter kommen.“

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bluttat von München Klassischer Amoklauf ohne politische Motivation

Nach der Schießerei in einem Münchner Einkaufszentrum ist sich die Polizei sicher: Der 18 Jahre alte Täter, ein Deutsch-Iraner, hatte keine politischen Motive, sondern verübte einen Amoklauf. Möglicherweise litt er unter Depressionen. Die Ermittler sehen auch einen Zusammenhang zum Breivik-Attentat in Norwegen vor fünf Jahren. Mehr

23.07.2016, 14:19 Uhr | Gesellschaft
Glacier Pullman Express Der langsamste Schnellzug der Welt

Der Glacier Pullman Express schlängelt sich gemächlich durch die Alpen von St. Moritz bis nach Zermatt. Bei einer Fahrt mit dem Schweizer Zug geht es nicht ums Ziel, sondern um Nostalgie und den atemberaubend schönen Weg. Mehr

26.07.2016, 11:13 Uhr | Reise
Konstablerwache teils gesperrt Herrenloser Koffer sorgt für Polizeieinsatz

Wegen eines herrenlosen Koffers in der B-Ebene hat die Polizei einen Teil der S- und U-Bahn-Station Konstablerwache in Frankfurt gesperrt. Sie zog einen Entschärfer hinzu. Der fand im Koffer - nichts. Mehr

28.07.2016, 20:26 Uhr | Rhein-Main
Wahlen in Amerika Clinton muss sich an die Kandidatur erst gewöhnen

In Philadelphia soll Hillary Clinton offiziell zur Präsidentschaftskandidatin der Demokraten gekürt werden. Bei einem Treffen mit Veteranen sagte sie, daran müsse auch sie sich erst mal gewöhnen. Mehr

26.07.2016, 15:57 Uhr | Politik
Ostdeutschland Heftige Unwetter und Überflutungen in Berlin

Heftige Gewitter, vollgelaufene Keller und ein Scheunenbrand: In Ostdeutschland haben unwetterartige Regenfälle den Verkehr lahmgelegt. Besonders schlimm traf es die Hauptstadt. Mehr

27.07.2016, 23:13 Uhr | Gesellschaft

Schluss um Mitternacht

Von Helmut Schwan

Flughafenbetreiber Fraport fordert mehr Flexibilität bei der Handhabung des Nachtflugverbots. Minister Al-Wazir verspürt aber keine Lust, sich auf diesem Feld Ärger einzuhandeln. Mehr 5 7

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen