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Winfried Hassemer im Porträt : Heiter bis streitbar

Er hatte sich damals um ein Stipendium einer katholischen Studienstiftung beworben, dazu musste er mit dem Strafrechtslehrer ein wissenschaftliches Gespräch führen. Der Professor war offenkundig sehr beeindruckt. Zu der Empfehlung für das Stipendium kam das Angebot an den Zweitsemester, später sein Assistent zu werden. Nach der Studienzeit in Genf nahm Hassemer das Angebot an und wechselte nach Saarbrücken. Er promovierte 1967 über die Hermeneutik im Strafrecht, die Wissenschaft der Auslegung. Fünf Jahre später wurde er in München mit einer Arbeit über „Theorie und Soziologie des Verbrechens“ habilitiert. 1973 berief ihn die juristische Fakultät der Frankfurter Universität auf den Lehrstuhl für Rechtstheorie, Rechtssoziologie, Strafrecht und Strafverfahrensrecht.

Gebiete zwischen Wissenschaft und Praxis des Rechts

Dort ist er geblieben, hat über die Jahre Angebote der Hochschulen aus Bielefeld und München abgelehnt. Er hatte wohl in dieser „so weltoffenen, kulturell spannenden Stadt“ den Ruhepunkt in einem rastlosen Geistesleben gefunden. Dass seine spätere Frau von Hamburg nach Frankfurt kam, trug nicht unwesentlich zur Verankerung bei. Mit Kristiane Weber-Hassemer, Richterin, später Staatssekretärin des damaligen hessischen Justizministers, Grünen-Politikers und Mitglied des Ethikrats Rupert von Plottnitz, kann er sich über Rechtspolitik ebenso intensiv austauschen wie über Kultur und die nächsten Reisen.

Die Lust, immer weiter in die Gebiete zwischen Wissenschaft und Praxis des Rechts vorzudringen, blieb derweil ungebrochen und schlug sich in einer Reihe von Fach-Publikationen und Büchern nieder. Den Sinn von Strafe auszuleuchten, ihre Relevanz in gesellschaftlichen Veränderungen zu bestimmen, war ihm ebenso ein Anliegen wie das, Opfer von Kriminalität vom Schleier der Scham zu befreien. Das gemeinsam mit Jan Philipp Reemtsma, dem entführten Unternehmenserben und Sozialwissenschaftler, verfasste Buch „Verbrechensopfer. Gesetz und Gerechtigkeit“ wurde auch von Nicht-Juristen stark beachtet.

Der europäische Binnenmarkt als neues Feld

Wenn der weltläufige Jurist, Ehrendoktor der Universitäten von Thessaloniki, von Rio de Janeiro, Lissabon, Sevilla und Taipei, sich größeren öffentlichen Auftritten stellt, dann muss ihn die Freude am Diskurs treiben. Wie 2005 auf dem Kirchentag, als er mit dem damaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Wolfgang Huber über das Verhältnis einer freiheitlichen Verfassung und Protestantismus diskutierte. Hassemer nennt es eine Herausforderung, das zu machen, was ihn interessiere. Es ist aber auch ein intellektueller Luxus, den sich ein Mann gönnen kann, dem die Grenzen des materiellen und prozessualen Strafrechts schnell zu eng geworden waren. Spiros Simitis, der 15 Jahre als Beauftragter in Hessen durch seinen Enthusiasmus und seine Beharrlichkeit mithalf, dass Datenschutz ernst genommen wurde, schlug 1991 seinen Frankfurter Professorenkollegen als Nachfolger vor.

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