Home
http://www.faz.net/-gzg-76efp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Windenergie in Hessen Ausbau der Windräder stockt

In ferner Zukunft will Hessen Strom und Wärme nur noch aus erneuerbaren Energien beziehen. Das Ziel steht schon im Gesetz. Aber noch hinkt Hessen bei der Windkraft hinterher.

© dpa Vergrößern Niedrigengergiestandort: In Hessen fehlen noch viele Windräder.

 In Hessen werden künftig viele Wind-Skylines zu sehen sein. 190 Meter oder höher sind die Windräder neuer Generation, die eine bessere Energieausbeute versprechen - die Zwillingstürme der Deutschen Bank in Frankfurt bringen es gerade mal auf 155 Meter. Tausende Rotoren werden sich vermutlich in wenigen Jahrzehnten fast überall im Land drehen, um Strom zu liefern.

Das Ziel der Landesregierung: Bis 2050 soll der komplette Bedarf an Strom und Wärme ohne Öl, Gas, Uran oder Kohle erzeugt werden. Zwei Prozent der Landesfläche sollen für die Windräder reserviert werden. Bisher gibt es nach Auskunft des Umweltministeriums 710 Anlagen im Land, zusammen haben sie eine Leistung von 790 Megawatt - vergleichbar mit der Leistung eines modernen Gas- oder Kohlekraftwerksblocks.

Geld ist da, Investoren gibt es genug

Hessen hinke der Entwicklung in Norddeutschland gewaltig hinterher, sagt Frank Matzen von der Beratungsfirma Ernst & Young. In Niedersachsen - deutscher Spitzenreiter bei der Windenergie - seien inzwischen rund 7000 Megawatt Leistung installiert. Das Ziel der hessischen Landesregierung zu erreichen, werde 21 bis 23 Milliarden Euro kosten, pro Jahr müssten 119 Turbinen gebaut werden. „Der Plan ist ambitioniert“, sagt Matzen. Geld sei aber da, Investoren gebe es genug: Die Energiewende sei ein Makrotrend - „wenn es irgendwo Wachstum gibt, dann dort.“

Allerdings gibt es auch Hindernisse. Im Gegensatz zu Offshore-Anlagen, deren Windräder sich auf dem offenen Meer drehen oder Turbinen, die im norddeutschen Flachland stehen, wo der Wind ungehindert pusten kann, gilt die hessische Landschaft als „Niedrigenergiestandort“. Es seien höhere und damit teurere Masten nötig, sagt Matzen. Seit einigen Jahren gebe es solche Anlagen, die auch mit weniger Wind auskommen.

Keine verbindlichen Regionalpläne

Hinzu komme, dass viele Windräder im Wald errichtet werden müssten, denn gut 40 Prozent von Hessen seien bewaldet. Das allein bringe mehrere Probleme mit sich: Es seien Ausgleichsflächen nötig, Bäume dürften nur von September bis Februar gerodet werden, und eventuell müssten die Anlagen zeitweise aus Rücksicht auf Vögel oder Fledermäuse abgeschaltet werden. Außerdem stehe die Windkraft in Hessen ganz am Anfang - noch gebe es Unsicherheit bei Behörden und Investoren.

Verbindliche Regionalpläne sind für Hessen noch nicht vorhanden. Die Regionalversammlung Nordhessen hatte Ende Januar den Weg zum Bau von bis zu 800 Windrädern in Nord- und Osthessen freigemacht. Der Plan wird nun öffentlich ausgelegt. Ziel sei es, den Plan Ende 2013 endgültig zu beschließen, sagt ein Sprecher. Auch in Mittel- und Südhessen sind die Pläne derzeit noch in Arbeit. Weil noch kein Plan fertig ist, haben die Gemeinden theoretisch noch die Möglichkeit, frei zu entscheiden, wo Windparks gebaut werden. Maßgeblich ist dann das Bundesimmissionsschutzgesetz.

„Überraschungsangriffe“ vermeiden

Claus Brodersen, Geschäftsführer der iTerra Wind, rät dringend zu frühzeitiger und transparenter Planung: „Man muss die Bürger zu Beteiligten machen, nicht zu Betroffenen.“ Auch mit Naturschützern empfiehlt Brodersen offenen Umgang. Das könne schmerzhaft sein, sei aber unumgänglich, um spätere „Überraschungsangriffe“ zu vermeiden. Brodersens Firma hilft bei der Planung und dem Betrieb von Windkraftanlagen und ist seit 2008 auch in Gießen vertreten.

Naturschutzverbände befürworten den Ausbau der Windenergie grundsätzlich. Bedingung sei die optimale Nutzung der Windenergiepotenziale, heißt es in einer Stellungnahme des BUND zum Regionalplan Nordhessen. Der Klimawandel sei eine deutlich größere Gefahr für die Artenvielfalt als die Windenergie. Der schnelle Ausbau sei nötig, selbst wenn die Rotoren für einzelne Vogel- und Fledermausarten ein Risiko darstellten.

Mehr zum Thema

Quelle: LHE

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Leitungsbau Noch 50 Milliarden Euro für das Stromnetz?

Der Bundeswirtschaftsminister hat rechnen lassen. Die Zahlen haben es in sich: Auf die Verbraucher kommen für den Leitungsbau Preisaufschläge von bis zu zwanzig Prozent zu. Mehr Von Andreas Mihm, Berlin/Stendal

23.09.2014, 06:59 Uhr | Wirtschaft
Miele vernetzt den Waschkeller

Miele will grüner werden. Ziel ist, Betreibern von Photovoltaikanlagen eine effizientere Nutzung ihres selbst erzeugten Stroms zu ermöglichen. Mehr

04.09.2014, 17:03 Uhr | Technik-Motor
Industriepark Höchst Weniger Stickoxid aus dem Müllofen

Der BUND und der Industrieparkbetreiber Infraserv haben ihren Streit um die Verbrennungsanlage in Höchst beigelegt. Die Umweltschützer sind zufrieden. Mehr Von Mechthild Harting

24.09.2014, 14:37 Uhr | Rhein-Main
Explosives Methangas soll in Ruanda zu Strom werden

Der Kivu-See in Ruanda enthält eine gefährliche Mixtur aus gelösten Gasen. Ein 200 Millionen Dollar schweres Projekt, finanziert aus privater Hand, soll nun diese Gase in Energie und damit in Profit umwandeln. Die Menschen hoffen auf Strom - und ein besseres Leben. Mehr

03.06.2014, 16:26 Uhr | Wissen
Fondsgesellschaft Pimco im Visier der amerikanischen Börsenaufsicht

Die Ermittlungen der amerikanischen Börsenaufsicht SEC zielen auf die Bewertungsmethoden börsennotierter Fondsanteile. Damit gerät auch der Gründer von Pimco, Bill Gross, zunehmend unter Druck. Mehr Von Norbert Kuls, New York

24.09.2014, 18:08 Uhr | Finanzen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 08.02.2013, 15:25 Uhr

Auf das Erdgas kommt es an

Von Manfred Köhler

In Frankfurt ist es so: Die Lasten tragen diejenigen, die mit Erdgas heizen, weil allein an ihnen der städtische Versorger Mainova noch richtig verdient. Sie finanzieren mithin die defizitären Bäder wie auch Bahnen und Busse. Mehr 2