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Wilfried Kujath im Porträt Herr Kujath und sein Traum vom Glück

 ·  Er war Jockey, seit mehr als zwanzig Jahren ist er Trainer. Wilfried Kujath hat die großen Zeiten des Galoppsports miterlebt und sich in den schlechten arrangiert. Die Zügel schleifen zu lassen, kommt für ihn nicht in Frage.

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Der wabernde Nebel hat die Frankfurter Skyline verschluckt, der Wind führt Regen mit sich, der Morgen graut. Wilfried Kujath schließt die Tür auf, wie jeden Morgen seit 24 Jahren, im Sommer um 5.30 Uhr, im Winter um 7.30 Uhr. Drinnen wird er schon erwartet, erwartungsvoll strecken sich ihm die Köpfe entgegen. Kujath ist ein Lehrer, sein Klassenraum ist ein Pferdestall. Seine derzeit 14 Schüler haben die Nacht auf Stroh und Heu verbracht.

Der irischstämmige Teacher ist unruhig wie ein Kind, das am frühen Morgen Mätzchen macht. „Das ist vielleicht ein Kasper“, sagt Kujath. Unter seinen Schützlingen hat der Galoppertrainer faule und fleißige, brave und schwierige, motivierte und übermotivierte. „Kein Tag ist wie der andere“, sagt Kujath, der seinen Tag im Stall immer mit Kaffee und Zigaretten beginnt. „Mindestens ein Sorgenkind habe ich immer“, fährt er fort. Eines der Pferde hinkt plötzlich vorne links, ein anderes zwickt es dort, ein weiteres frisst schlecht und ein viertes hustet, vielleicht hat es Fieber. Seinen Lehrplan muss der 59 Jahre alte Trainer immer wieder umschmeißen.

Der Chef packt mit an

Seit 1989 betreibt Kujath einen Stall auf der Frankfurter Rennbahn, zuvor war er 15 Jahre lang Jockey. Sein Gewicht aus dieser Zeit hat der schmächtige Mann mit den markanten Zügen gehalten: 58 Kilogramm. Wenn Renntage waren früher, schwitzte er so lange in der Sauna, bis er mit 53 Kilogramm an den Start gehen konnte.

Rolli, ein Frankfurter Vertreter einer seltenen ungarischen Hütehundrasse, schreitet aufmerksam die Pferdeboxen ab. Und Kujath läuft so flotten Schrittes durch seinen Stall, dass es schwerfällt, ihm zu folgen. Jeder Handgriff sitzt, flugs ist eine Mistgabel gepackt und eine Box ausgemistet, der Sitz der Hufeisen von Wallach Flying Blue überprüft: Der Chef packt mit an. Fast täglich sitzt er auch selbst im Sattel. Für eine Dosis vom Rausch der Geschwindigkeit? Für das Gefühl auf dem Pferderücken, wenn die gewaltigen Muskeln unter einem arbeiten? Die besten Galopper legen 1000 Meter in einer Minute zurück. Kujath denkt nicht in den Kategorien Spaß oder Vergnügen. Es ist harte Arbeit. Er will sehen, wie seine Pferde „gehen“, wie sie sich verhalten, wie sie lernen.

Das Pferdematerial spielt nicht mehr in der ersten Liga

Knapp weist Kujath seine drei Mitarbeiter - Arbeitsreiter heißen sie in dieser Szene - jetzt an, in welcher Reihenfolge sie die Vollblüter heute auf die Rennbahn führen sollen. Einer der Reiter hat seinen Sohn dabei, bringt ihn später von der Rennbahn aus in den Kindergarten. Für die Pferde, vierbeinige Hochleistungssportler, sei die Arbeit auf der Gras- oder Sandbahn „wie morgendliches Joggen“, erklärt Kujath. Obelisk, ein brauner Riese, wird bereit gemacht für seinen Arbeitstag. Der Wallach ist Kujaths bestes Pferd im Stall. Sieben Siege schaffte er in der vergangenen Saison, lief damit 30000 Euro ein. Insgesamt verdienten Kujaths Pferde in der Saison 2012 etwas mehr als 52000 Euro, vor zehn Jahren waren es noch 184000 Euro. Ein Trainer bekommt zehn Prozent der Gewinnsumme.

Kujath spielt mit seinem Pferdematerial nicht mehr in der ersten Liga des deutschen Galoppsports. Die Zeiten sind schwierig. Prognosen für die neue Saison abzugeben, hat er sich schon lange abgewöhnt. „Es kommt immer anders, als man denkt. Das Beste ist: den Kopf frei machen und trainieren.“ Coups, mit denen kein Experte gerechnet hat, wechseln sich ab mit bösen Überraschungen. So viele Faktoren spielen schließlich im Rennverlauf eine Rolle, machen den Reiz des Turfsports aus. „Wenn ein Mercedes gegen einen Lada antritt, ist die Sache klar. Aber wenn der Benz eine kaputte Benzinpumpe hat, gewinnt der Lada“, sagt Kujath. In seiner Branche sind nur Siege eine Währung. Man könne alles falsch machen und mit Glück gewinnen, und man könne alles richtig machen und doch nur Fünfter werden, sagt Kujath. „Wer gewinnt, hat recht.“

Das Pferd gewinnt nur, wenn man nicht gewinnen will

So denken auch die Pferdebesitzer, die ihre edlen Tiere in Kujaths Trainerhände geben. Manche rufen täglich an, machen Druck. Kujath lässt die Zügel nicht schleifen. Er weiß, dass ein Rennpferd „sehr schnell zu verderben ist. So ähnlich wie ein Kind, das am ersten Schultag mit Ohrfeigen begrüßt wird. Das macht künftig auch nicht mehr gerne mit.“ Es gebe Pferde, die seien im Training stark und wenn sie vor dem Rennen die Lautsprecherdurchsagen hörten, gehe gar nichts mehr. Ein gutes Pferd sei cool und belastbar, dürfe seine Energie nicht sinnlos verpulvern - und werde erst in der Startbox zu einem richtigen Rennpferd. „Meine alte Lulea“, sagt Kujath, das sei so eine. Die neunjährige Stute ist schon zigmal in Baden-Baden gelaufen, dem deutschen Mekka des Galoppsports. „Die muss man so reiten, dass sie denkt, es ist nur Spaß, man wolle gar nicht gewinnen“, erzählt Kujath. „Wenn sie vorne ist, denkt sie, es ist vorbei, und hält an.“ Im vergangenen Jahr gewann Lulea ein Rennen in Baden-Baden. Solche Siege fallen auch auf den Trainer zurück, in der Wahrnehmung der Branche und in der Statistik.

Die Flugzeuge donnern tief über das Dach, das Radio dudelt. Der Pfad vor dem Stall ist von Regen und von den Hufen zu einem einzigen Morast zerwühlt. Wenn es auf das Frühjahr zugeht, werden die Trainingsritte intensiver, werden auch Rennsituationen simuliert, die Kopf-an-Kopf-Momente zum Beispiel. Jedes Tier wird täglich bewegt, 365 Tage im Jahr. Anschließend geht es für „die Ferrari unter den Pferden“ (Kujath) knapp eine Stunde lang in den mechanisch in Gang gehaltenen Führring, zum Abkühlen. Früher hat der Trainer noch extra Personal gebraucht, das die Galopper nach dem Training im Kreis herumführte. Heute kommt er mit insgesamt wenigen Kräften aus, die er auf Stundenbasis beschäftigt. Jede Einsparung ist willkommen. In die Ferien ist Kujath schon lange nicht mehr gefahren. Wie auch? Keine Zeit. „Ich bin aber auch nicht so der Urlaubstyp“, sagt er.

Auf die fetten Jahre folgte der Verfall

Kujath hat Rennpferde im Kopf. Das hatte er immer schon. Als Kind ist er in der Baumschule seines Onkels geritten, zuerst auf einem Schaf, dann auf einem Pony. Als vor seiner Realschule ein Plakat hängt, das auf einen Renntag in Köln hinweist, bekniet er seinen Vater, mit ihm hinzufahren. Als er zum ersten Mal die Rennpferde an ihm vorbeisprengen sieht, hört, fühlt, ist es passiert: „Ich will Jockey werden“, verkündet er und verwirklicht später diesen Plan, zum Leidwesen seiner Eltern. Knapp 200 Siege sammelt er als Jockey - und wird übergangslos Trainer, übernimmt einen verwaisten Stall in Frankfurt „mit ein paar alten Eseln drin“, wie er sich grinsend erinnert. Es geht schnell bergauf. Bei einem Gruppe-I-Rennen erläuft eines seiner Pferde einmal eine Siegprämie von 900000 Mark. Heute steht Kujath als Trainer bei 380 Siegen.

Kujath hat die fetten Jahre erlebt, in den achtziger Jahren und auch etwas später noch, und nun seit vielen Jahren den Verfall. Der deutsche Galoppsport hat sich in seiner Krise eingerichtet, es gibt wenige Anzeichen für eine Besserung. Die Zeiten sind schlecht. Die Erlöse aus dem Wettgeschäft, jahrzehntelang das Schmiermittel des Galoppsportbetriebs, versickern längst in den Tiefen des Internets. Die Zeiten, als an Renntagen nur die Pforten der Rennbahn geöffnet werden mussten und die Leute in Scharen kamen, sind vorbei. In ganz Deutschland sind derzeit rund 1000 Pferde weniger im Training als noch vor zehn Jahren. Der Leerstand von Boxen ist auch bei den anderen drei Trainern, die es in Frankfurt noch gibt, immens. Wirtschaftskrisen kommen direkt in den Rennpferdställen an.

Ein teures Hobby mit Gewinn

1200 Euro zahlen Wilfried Kujath die Rennpferdbesitzer jeden Monat für Box, Training, Futter, die Nutzung der Bahn, den Hufschmied. „Es ist ein teures Hobby“, sagt Kujath und hält seine Kaffeezufuhr hoch. „Aber eines, wo man etwas zurückbekommen kann.“ Nur gibt es in den unteren Rennklassen hierzulande immer weniger Preisgeld zu verdienen, für einen Sieg manchmal nur 1000 Euro. Und das bei den hohen Fixkosten je Rennpferd.

Viele Trainer, auch Kujath, melden ihre Pferde bei Rennen in Frankreich an, dem gelobten Land der Galopper. Wegen der großen Anzahl an Rennbahnen und lukrativeren Rennen: Jeden Tag finden dort welche statt, nicht nur am Wochenende wie hierzulande. Ein zwiespältiges Geschäft. Denn die vielen Dienstfahrten über die Grenze mit den Pferdetranportern schaden den verbliebenen deutschen Rennbahnen, auf denen in manchen Wettbewerben nur noch sechs Galopper starten.

Mit Pferden kann man nicht reden

Ein Spitzenpferd von Rang hat Kujath derzeit nicht im Stall, eine Galopp-Saga made in Frankfurt wie die von Danedream ist nicht in Sicht. Die unscheinbare Stute wurde vor drei Jahren in Iffezheim für schlappe 9000 Euro ersteigert und lief später als Siegerin der größten Rennen der Welt mehr als 3,5 Millionen Euro ein. „Das ist natürlich ein Sechser im Lotto“, sagt Kujath in seiner trockenen, immer ruhig-abgeklärten Art. Für den gebürtigen Rheinländer bedeutet Erfolg schon: „Wenn es sich lohnt“. Vor zwei Jahren sei es um die Existenz gegangen, erzählt er dann. Mit nur noch acht Pferden im Stall. Am Monatsende sei zu jener Zeit nichts übrig geblieben - schwer zu verdauen für einen, der einmal Herr über 40 Vollblüter in zwei Stallgebäuden gewesen ist.

Bis über siebzig, meint Kujath, könne man den Job auf jeden Fall ausüben: die Pferde fitter, schneller, leistungsstärker und erfolgreicher machen; leider kann man nicht mit ihnen reden. Tausende Kilometer im Jahr reisen. An den Renntagen Jockeys, die nie zuvor auf diesen Tieren saßen, in wenigen Sätzen instruieren, wie das Pferd im Rennen zu positionieren ist. Noch lange werde sie ihm nicht zu viel, die tägliche Arbeit im Stall, auf der Trainingsbahn. Auch Schreibtischtätigkeiten gehören zum Job. Die Pferde für die Rennen melden, finanziell und logistisch planen, die Konkurrenz beobachten, Rechnungen stellen, Rechnungen bezahlen. Nachmittags zwischen 16 und 18 Uhr geht es wieder in den Stall: Pferdepflege ist angesagt. Jeden Tag. „Es kribbelt immer noch ein kleines bisschen“, sagt Kujath.

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Von Matthias Alexander

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