Home
http://www.faz.net/-gzg-7766o
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Wilfried Kujath im Porträt Herr Kujath und sein Traum vom Glück

Er war Jockey, seit mehr als zwanzig Jahren ist er Trainer. Wilfried Kujath hat die großen Zeiten des Galoppsports miterlebt und sich in den schlechten arrangiert. Die Zügel schleifen zu lassen, kommt für ihn nicht in Frage.

© Wonge Bergmann Vergrößern Trainer und Trainierte: Wilfried Kujath in seinem Stall an der Galopprennbahn in Frankfurt-Niederrad

Der wabernde Nebel hat die Frankfurter Skyline verschluckt, der Wind führt Regen mit sich, der Morgen graut. Wilfried Kujath schließt die Tür auf, wie jeden Morgen seit 24 Jahren, im Sommer um 5.30 Uhr, im Winter um 7.30 Uhr. Drinnen wird er schon erwartet, erwartungsvoll strecken sich ihm die Köpfe entgegen. Kujath ist ein Lehrer, sein Klassenraum ist ein Pferdestall. Seine derzeit 14 Schüler haben die Nacht auf Stroh und Heu verbracht.

Der irischstämmige Teacher ist unruhig wie ein Kind, das am frühen Morgen Mätzchen macht. „Das ist vielleicht ein Kasper“, sagt Kujath. Unter seinen Schützlingen hat der Galoppertrainer faule und fleißige, brave und schwierige, motivierte und übermotivierte. „Kein Tag ist wie der andere“, sagt Kujath, der seinen Tag im Stall immer mit Kaffee und Zigaretten beginnt. „Mindestens ein Sorgenkind habe ich immer“, fährt er fort. Eines der Pferde hinkt plötzlich vorne links, ein anderes zwickt es dort, ein weiteres frisst schlecht und ein viertes hustet, vielleicht hat es Fieber. Seinen Lehrplan muss der 59 Jahre alte Trainer immer wieder umschmeißen.

Der Chef packt mit an

Seit 1989 betreibt Kujath einen Stall auf der Frankfurter Rennbahn, zuvor war er 15 Jahre lang Jockey. Sein Gewicht aus dieser Zeit hat der schmächtige Mann mit den markanten Zügen gehalten: 58 Kilogramm. Wenn Renntage waren früher, schwitzte er so lange in der Sauna, bis er mit 53 Kilogramm an den Start gehen konnte.

Rolli, ein Frankfurter Vertreter einer seltenen ungarischen Hütehundrasse, schreitet aufmerksam die Pferdeboxen ab. Und Kujath läuft so flotten Schrittes durch seinen Stall, dass es schwerfällt, ihm zu folgen. Jeder Handgriff sitzt, flugs ist eine Mistgabel gepackt und eine Box ausgemistet, der Sitz der Hufeisen von Wallach Flying Blue überprüft: Der Chef packt mit an. Fast täglich sitzt er auch selbst im Sattel. Für eine Dosis vom Rausch der Geschwindigkeit? Für das Gefühl auf dem Pferderücken, wenn die gewaltigen Muskeln unter einem arbeiten? Die besten Galopper legen 1000 Meter in einer Minute zurück. Kujath denkt nicht in den Kategorien Spaß oder Vergnügen. Es ist harte Arbeit. Er will sehen, wie seine Pferde „gehen“, wie sie sich verhalten, wie sie lernen.

Das Pferdematerial spielt nicht mehr in der ersten Liga

Knapp weist Kujath seine drei Mitarbeiter - Arbeitsreiter heißen sie in dieser Szene - jetzt an, in welcher Reihenfolge sie die Vollblüter heute auf die Rennbahn führen sollen. Einer der Reiter hat seinen Sohn dabei, bringt ihn später von der Rennbahn aus in den Kindergarten. Für die Pferde, vierbeinige Hochleistungssportler, sei die Arbeit auf der Gras- oder Sandbahn „wie morgendliches Joggen“, erklärt Kujath. Obelisk, ein brauner Riese, wird bereit gemacht für seinen Arbeitstag. Der Wallach ist Kujaths bestes Pferd im Stall. Sieben Siege schaffte er in der vergangenen Saison, lief damit 30000 Euro ein. Insgesamt verdienten Kujaths Pferde in der Saison 2012 etwas mehr als 52000 Euro, vor zehn Jahren waren es noch 184000 Euro. Ein Trainer bekommt zehn Prozent der Gewinnsumme.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Pferdetrainer in Frankfurt Unser Leben war immer der Rennsport

Der Pferdesport verlässt Frankfurt: Heinz Hesse ist einer von zwei Pferdetrainern, die noch in der Stadt weilen. Er kümmert sich seit Jahrzehnten in Sachsenhausen um die vierbeinigen Athleten. Jetzt fühlt er sich vom Hof gejagt. Mehr Von Richard Becker, Frankfurt

26.03.2015, 15:02 Uhr | Rhein-Main
Japan Wenn Pferde und Schafe Fenster putzen

Ein Hotel in Japan lässt seine Fassade alle Jahre wieder von Fensterputzern im Tierkreiszeichen-Kostüm reinigen. Dieses Jahr: Ein Pferd und ein Schaf. Mehr

22.12.2014, 12:32 Uhr | Gesellschaft
Mailand-San Remo Degenkolb gewinnt den Radklassiker

Nach sieben Stunden im Sattel schreibt John Degenkolb Geschichte. Er gewinnt den Radklassiker Mailand-San Remo – als vierter Deutscher. Ein Landsmann hat nicht so viel Glück und stürzt kurz vor dem Ziel. Mehr

22.03.2015, 18:15 Uhr | Sport
Edelrasse Lusitano Perfekte Pferde aus Portugal

Einmal im Jahr ist das kleine Dorf Golega Zentrum der portugiesischen Pferdewelt. Zur nationalen Pferdemesse kommen Reiter, Händler und natürlich Pferde. Verkaufsschlager ist die Edelrasse Lusitano, von der es mittlerweile mehr als genug Pferde gibt. Mehr

08.12.2014, 14:08 Uhr | Gesellschaft
Premier League Arsenal siegt ohne Özil und Mertesacker

Nach dem Aus in der Champions League gewinnt Arsenal in der englischen Liga in Newcastle. Die Weltmeister Özil und Mertesacker fehlen dabei. Eine kuriose Fehlentscheidung trifft der Schiedsrichter in Manchester. Mehr

21.03.2015, 18:41 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 23.02.2013, 16:38 Uhr

Teure Hochzeit

Von Ingrid Karb

Der Zusammenschluss der Kliniken wird teuer für die Stadt Frankfurt und den Main-Taunus-Kreis. Bleibt zu hoffen, dass das Geld ausreicht, damit die Diskussion über kommunale Kliniken nicht neu hochkocht. Mehr