http://www.faz.net/-gzg-74f8d
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.11.2012, 17:40 Uhr

Wildschweine in Hessen Die graue Gefahr

Wildschweine profitieren vom Klimawandel, auch in Hessen ist ihre Zahl stark gestiegen. Landwirte klagen über kahlgefressene Maisfelder, Autofahrer müssen auf der Hut sein.

von Kathrin Klette, Hessen
© dapd Wenn die Rotte erst einmal in Fahrt ist, sollte man sich ihr nicht in den Weg stellen.

Wildschweine haben derzeit kein gutes Image. Für Landwirte sind sie ein Ärgernis, weil sie ganze Felder leerfressen. Für Autofahrer sind sie eine Gefahr, wenn sie plötzlich auf der Straße auftauchen. Und Waldspaziergänger versetzen sie bei plötzlichen Begegnungen in Angst und Schrecken. Nicht ohne Grund, denn die bis zu 150 Kilogramm schweren Tiere können durchaus gefährlich sein. Nur Klaus Röther, Sprecher des Landesjagdverbandes Hessen, kann resümieren: Dieser Herbst ist ein guter Herbst - vor allem wegen der Wildschweine.

Ruft man Röther am Abend an, erreicht man ihn im Wald. Schon als Teenager ging er mit den anderen Männern aus seinem nordhessischen Heimatdorf Gehau auf die Treibjagd. In der Nähe von Marburg hat Röther mit Sohn und Schwiegertochter ein 440 Hektar großes Waldstück gepachtet. Wenn Vollmond ist, bleibt er manchmal bis nachts um halb eins im Forst, um Wildschweine zu schießen. Die Jagdsaison geht immer bis zum Frühling des kommenden Jahres, und wenn es eine gute Saison ist, werden er und seine Kollegen bis dahin etwa 35 Wildschweine erlegt haben. Bislang, sagt er, hätten sie 15 Tiere zur Strecke gebracht, und das sei erst der Anfang.

„Schäden in bislang nicht bekanntem Ausmaß“

In den vergangenen Jahren haben sich die Wildschweine auch in Hessen rasant vermehrt, in gleichem Umfang steigen die Probleme. Etwa 2000 Tiere wurden in der vergangenen Saison bei Unfällen im Straßenverkehr getötet - zehn Mal mehr als zehn Jahre zuvor. Im Herbst ist die Gefahr für Unfälle besonders groß, da die Tiere dann verstärkt Futter suchen, um sich Fettreserven für den Winter anzufressen.

Laut dem Landesjagdverband leben in Hessen derzeit zwischen 150000 und 180000 Wildschweine. Die 78000 im Straßenverkehr oder bei der Jagd getöteten Tiere waren 2008/2009 bisheriger Rekord; diesmal könnten es laut Landwirtschaftsministerin Lucia Puttrich (CDU) rund 60000 werden. In der Landwirtschaft verursachten die Tiere „Schäden in bislang nicht bekanntem Ausmaß“, sagte sie kürzlich.

Reichlich Futter für die Wildschweine

Wie ist die enorme Vermehrung der Wildschweine zu erklären? Spricht man mit Klaus Röther und hört man sich beim Bund für Umwelt und Naturschutz und dem Naturschutzbund um, dann heißt es: Den Wildschweinen fehlten die natürlichen Feinde, die Luchse und die Wölfe. Zudem profitieren sie von der fortschreitenden Erderwärmung. Früher regulierten strenge Winter die Population auf natürliche Weise. War der Boden gefroren, fanden die Tiere keine Nahrung, und vor allem junge, kranke und schwache Tiere verendeten. Inzwischen sind aber lange, frostige Winter die Ausnahme. Wildschweine leben heute deshalb auch in Regionen, in die sie früher kaum vordrangen, im Norden Skandinaviens zum Beispiel oder in manchen Höhenlagen Österreichs.

Generell folgt die Arterhaltung der Tiere einem einfachen Prinzip: Je üppiger das Nahrungsangebot, um so zahlreicher der Nachwuchs - und zu fressen gibt es für Wildschweine derzeit reichlich.

Bis zu zwölf Frischlinge in einem Wurf

So hat sich durch den verstärkten Anbau von Mais, zum Beispiel im Ried und in der Wetterau, für Wildschweine eine zusätzliche Nahrungsquelle ergeben. Wichtiger bleibt aber die angestammte Heimat von Sus scrofa, der Wald. Er bedeckt 40 Prozent Hessens. Dort hat sich in den vergangenen Jahren das Angebot an Eicheln und Bucheckern, der Lieblingsmahlzeit der Wildschweine, deutlich verbessert.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wolf in Nordhessen gesichtet Wirbel um vermeintlichen Wolf in Kassel

Kaum ist erstmals seit Jahren wieder ein lebender Wolf in Hessen nachgewiesen worden, löst ein vermeintliches Exemplar einen Polizeieinsatz aus - mitten in Kassel. Mehr

22.04.2016, 15:15 Uhr | Rhein-Main
Video Gesetzentwurf: Mit Models gegen Magersucht

In den letzten Jahren haben große Modelagenturen vermehrt extrem dünne Mädchen unter Vertrag genommen. Magersucht und Essstörung sind oft die Folge. Ein Gesetzentwurf in Kalifornien soll nun die Arbeitsbedingungen von Models verbessern. Viele ehemalige Models haben sich für ein solches Gesetz starkgemacht. Mehr

07.04.2016, 18:31 Uhr | Stil
AKW Biblis Unglaubliche juristische Fehler

Im Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags ist ein Streit um Verantwortung für Biblis-Abschaltung ausgebrochen. Die Opposition hält den Abschlussbericht für inakzeptabel. Mehr Von Ralf Euler, Wiesbaden

21.04.2016, 10:38 Uhr | Rhein-Main
Video Seekühe wieder in Freiheit

Vor ihrer Entlassung in ihren natürlichen Lebensraum in Peru hatten Biologen vom Amazon Rescue Centre die Tiere vor Jägern gerettet. Mehr

24.04.2016, 15:18 Uhr | Gesellschaft
DDR-Reaktor Rheinsberg Blockwarte am Barockschloss

Deutschlands ältester Reaktor steht in Rheinsberg. Zu DDR-Zeiten ging er ans Netz, zur Wende wurde er abgeschaltet, die Gebäude wurden ausgeweidet. FAZ.NET zeigt Bilder eines denkmalgeschützten Atomkraftwerks. Mehr

04.05.2016, 08:36 Uhr | Wirtschaft

Nicht ohne politische Mitstreiter

Von Michael Hierholzer

Ina Hartwig soll die neue Kulturdezernentin in Frankfurt werden, wenn es nach der SPD geht. Dass sie politisch unerfahren ist, könnte auf dem Posten seine Schwierigkeiten bergen. Mehr 0

Abonnieren Sie unsere Rhein-Main Newsletter

  • Newsletter auswählen

    Newsletter auswählen