Home
http://www.faz.net/-gzg-74f8d
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Wildschweine in Hessen Die graue Gefahr

Wildschweine profitieren vom Klimawandel, auch in Hessen ist ihre Zahl stark gestiegen. Landwirte klagen über kahlgefressene Maisfelder, Autofahrer müssen auf der Hut sein.

© dapd Wenn die Rotte erst einmal in Fahrt ist, sollte man sich ihr nicht in den Weg stellen.

Wildschweine haben derzeit kein gutes Image. Für Landwirte sind sie ein Ärgernis, weil sie ganze Felder leerfressen. Für Autofahrer sind sie eine Gefahr, wenn sie plötzlich auf der Straße auftauchen. Und Waldspaziergänger versetzen sie bei plötzlichen Begegnungen in Angst und Schrecken. Nicht ohne Grund, denn die bis zu 150 Kilogramm schweren Tiere können durchaus gefährlich sein. Nur Klaus Röther, Sprecher des Landesjagdverbandes Hessen, kann resümieren: Dieser Herbst ist ein guter Herbst - vor allem wegen der Wildschweine.

Ruft man Röther am Abend an, erreicht man ihn im Wald. Schon als Teenager ging er mit den anderen Männern aus seinem nordhessischen Heimatdorf Gehau auf die Treibjagd. In der Nähe von Marburg hat Röther mit Sohn und Schwiegertochter ein 440 Hektar großes Waldstück gepachtet. Wenn Vollmond ist, bleibt er manchmal bis nachts um halb eins im Forst, um Wildschweine zu schießen. Die Jagdsaison geht immer bis zum Frühling des kommenden Jahres, und wenn es eine gute Saison ist, werden er und seine Kollegen bis dahin etwa 35 Wildschweine erlegt haben. Bislang, sagt er, hätten sie 15 Tiere zur Strecke gebracht, und das sei erst der Anfang.

„Schäden in bislang nicht bekanntem Ausmaß“

In den vergangenen Jahren haben sich die Wildschweine auch in Hessen rasant vermehrt, in gleichem Umfang steigen die Probleme. Etwa 2000 Tiere wurden in der vergangenen Saison bei Unfällen im Straßenverkehr getötet - zehn Mal mehr als zehn Jahre zuvor. Im Herbst ist die Gefahr für Unfälle besonders groß, da die Tiere dann verstärkt Futter suchen, um sich Fettreserven für den Winter anzufressen.

Laut dem Landesjagdverband leben in Hessen derzeit zwischen 150000 und 180000 Wildschweine. Die 78000 im Straßenverkehr oder bei der Jagd getöteten Tiere waren 2008/2009 bisheriger Rekord; diesmal könnten es laut Landwirtschaftsministerin Lucia Puttrich (CDU) rund 60000 werden. In der Landwirtschaft verursachten die Tiere „Schäden in bislang nicht bekanntem Ausmaß“, sagte sie kürzlich.

Reichlich Futter für die Wildschweine

Wie ist die enorme Vermehrung der Wildschweine zu erklären? Spricht man mit Klaus Röther und hört man sich beim Bund für Umwelt und Naturschutz und dem Naturschutzbund um, dann heißt es: Den Wildschweinen fehlten die natürlichen Feinde, die Luchse und die Wölfe. Zudem profitieren sie von der fortschreitenden Erderwärmung. Früher regulierten strenge Winter die Population auf natürliche Weise. War der Boden gefroren, fanden die Tiere keine Nahrung, und vor allem junge, kranke und schwache Tiere verendeten. Inzwischen sind aber lange, frostige Winter die Ausnahme. Wildschweine leben heute deshalb auch in Regionen, in die sie früher kaum vordrangen, im Norden Skandinaviens zum Beispiel oder in manchen Höhenlagen Österreichs.

Generell folgt die Arterhaltung der Tiere einem einfachen Prinzip: Je üppiger das Nahrungsangebot, um so zahlreicher der Nachwuchs - und zu fressen gibt es für Wildschweine derzeit reichlich.

Bis zu zwölf Frischlinge in einem Wurf

So hat sich durch den verstärkten Anbau von Mais, zum Beispiel im Ried und in der Wetterau, für Wildschweine eine zusätzliche Nahrungsquelle ergeben. Wichtiger bleibt aber die angestammte Heimat von Sus scrofa, der Wald. Er bedeckt 40 Prozent Hessens. Dort hat sich in den vergangenen Jahren das Angebot an Eicheln und Bucheckern, der Lieblingsmahlzeit der Wildschweine, deutlich verbessert.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Frankfurt Entenfamilie verirrt sich und watschelt zur Polizei

Ungewöhnlichen Besuch hat eine Frankfurter Polizeiwache empfangen können: Eine Entenfamilie saß vor ihrer Tür. Ob sie ihr Revier wegen einer mangelhaften Wassergüte verlassen hat, ist unklar. Der Nabu ist mit vielen Gewässern derweil unzufrieden. Mehr

22.06.2015, 15:24 Uhr | Rhein-Main
Coole Sache Nachrichten im Rap-Style

Nachrichten im Rap-Stil: Die Sendung NewzBeat im ugandischen Fernsehen ist zum Hit geworden. Vor allem junge Leute interessieren sich dank Beat und Rhymes wieder vermehrt fürs aktuelle Geschehen. Der strengen Zensur in dem ostafrikanischen Land ist NewzBeat bislang entkommen. Mehr

11.06.2015, 17:19 Uhr | Feuilleton
Bouffier vor Biblis-Ausschuss Der Bund bestimmte das Was, Wie und Wann

Hessen treffe keine Schuld: Ministerpräsident Bouffier und seine ehemalige Umweltministerin haben vor dem Untersuchungsausschuss zur fehlerhaften Abschaltung des Kernkraftwerks Biblis ausgesagt. Mehr

26.06.2015, 16:05 Uhr | Rhein-Main
Wilde Jagd in Hongkong Wildschwein stürmt Einkaufszentrum

Ein Wildschwein hat in Hongkong Kunden und Mitarbeiter eines Einkaufszentrums erschreckt. In einem Geschäft ist es durch die Decke gebrochen. Nach einigen Stunden konnte es betäubt und eingefangen werden. Mehr

11.05.2015, 17:21 Uhr | Gesellschaft
Direktor des Zirkus Knie Unsere Elefanten sind anhängliche Tiere

Im Odenwald tötet ein Elefant einen Passanten, jetzt verbietet Hessen Wildtiere in Zirkussen. Der Chef des Zirkus Charles Knie widerspricht heftig. Er sagt, den Tieren gehe es gut dort. Mehr

23.06.2015, 20:12 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.11.2012, 17:40 Uhr

Ein Paukenschlag

Von Heike Lattka

Die Wahl von Albrecht Kündiger zum Bürgermeister, sorgt in Kelkheim für Aufsehen. Nach 65 Jahren stellt die CDU nicht mehr den Rathauschef. Für die CDU wäre ein Phase des Umbruchs nicht das Schlechteste. Mehr 2