Wildschweine haben derzeit kein gutes Image. Für Landwirte sind sie ein Ärgernis, weil sie ganze Felder leerfressen. Für Autofahrer sind sie eine Gefahr, wenn sie plötzlich auf der Straße auftauchen. Und Waldspaziergänger versetzen sie bei plötzlichen Begegnungen in Angst und Schrecken. Nicht ohne Grund, denn die bis zu 150 Kilogramm schweren Tiere können durchaus gefährlich sein. Nur Klaus Röther, Sprecher des Landesjagdverbandes Hessen, kann resümieren: Dieser Herbst ist ein guter Herbst - vor allem wegen der Wildschweine.
Ruft man Röther am Abend an, erreicht man ihn im Wald. Schon als Teenager ging er mit den anderen Männern aus seinem nordhessischen Heimatdorf Gehau auf die Treibjagd. In der Nähe von Marburg hat Röther mit Sohn und Schwiegertochter ein 440 Hektar großes Waldstück gepachtet. Wenn Vollmond ist, bleibt er manchmal bis nachts um halb eins im Forst, um Wildschweine zu schießen. Die Jagdsaison geht immer bis zum Frühling des kommenden Jahres, und wenn es eine gute Saison ist, werden er und seine Kollegen bis dahin etwa 35 Wildschweine erlegt haben. Bislang, sagt er, hätten sie 15 Tiere zur Strecke gebracht, und das sei erst der Anfang.
„Schäden in bislang nicht bekanntem Ausmaß“
In den vergangenen Jahren haben sich die Wildschweine auch in Hessen rasant vermehrt, in gleichem Umfang steigen die Probleme. Etwa 2000 Tiere wurden in der vergangenen Saison bei Unfällen im Straßenverkehr getötet - zehn Mal mehr als zehn Jahre zuvor. Im Herbst ist die Gefahr für Unfälle besonders groß, da die Tiere dann verstärkt Futter suchen, um sich Fettreserven für den Winter anzufressen.
Laut dem Landesjagdverband leben in Hessen derzeit zwischen 150000 und 180000 Wildschweine. Die 78000 im Straßenverkehr oder bei der Jagd getöteten Tiere waren 2008/2009 bisheriger Rekord; diesmal könnten es laut Landwirtschaftsministerin Lucia Puttrich (CDU) rund 60000 werden. In der Landwirtschaft verursachten die Tiere „Schäden in bislang nicht bekanntem Ausmaß“, sagte sie kürzlich.
Reichlich Futter für die Wildschweine
Wie ist die enorme Vermehrung der Wildschweine zu erklären? Spricht man mit Klaus Röther und hört man sich beim Bund für Umwelt und Naturschutz und dem Naturschutzbund um, dann heißt es: Den Wildschweinen fehlten die natürlichen Feinde, die Luchse und die Wölfe. Zudem profitieren sie von der fortschreitenden Erderwärmung. Früher regulierten strenge Winter die Population auf natürliche Weise. War der Boden gefroren, fanden die Tiere keine Nahrung, und vor allem junge, kranke und schwache Tiere verendeten. Inzwischen sind aber lange, frostige Winter die Ausnahme. Wildschweine leben heute deshalb auch in Regionen, in die sie früher kaum vordrangen, im Norden Skandinaviens zum Beispiel oder in manchen Höhenlagen Österreichs.
Generell folgt die Arterhaltung der Tiere einem einfachen Prinzip: Je üppiger das Nahrungsangebot, um so zahlreicher der Nachwuchs - und zu fressen gibt es für Wildschweine derzeit reichlich.
Bis zu zwölf Frischlinge in einem Wurf
So hat sich durch den verstärkten Anbau von Mais, zum Beispiel im Ried und in der Wetterau, für Wildschweine eine zusätzliche Nahrungsquelle ergeben. Wichtiger bleibt aber die angestammte Heimat von Sus scrofa, der Wald. Er bedeckt 40 Prozent Hessens. Dort hat sich in den vergangenen Jahren das Angebot an Eicheln und Bucheckern, der Lieblingsmahlzeit der Wildschweine, deutlich verbessert.
Trugen bis Mitte der achtziger Jahre Buchen und Eichen nur etwa alle fünf Jahre besonders viele Früchte, ist dies inzwischen jedes zweite Jahr der Fall. Dank dieses reichhaltigen Nahrungsangebots werden weibliche Wildschweine, die Bachen, früher geschlechtsreif. Statt einmal werfen sie inzwischen durchaus zweimal im Jahr und dann auch mehr Frischlinge als früher - bis zu zwölf auf einmal. Beim Landesjagdverband spricht man deshalb schon von einer „explosionsartigen Vermehrung“: Manche Rotten vermehrten sich innerhalb eines Jahres um bis zu 300 Prozent, sagt Klaus Röther.
Das McDonald’s der Wildschweine
Dieses Jahr sei die Versorgungslage mit Eicheln und Bucheckern jedoch minimal, sagt er. Die Wildschweine müssen sich deshalb auf den Weg machen, um Nahrung zu suchen. Und die finden sie meist in der Nähe des Menschen. Vor allem Biomülltonnen und Komposthaufen locken die Tiere an, da sie dort eiweißhaltige Würmer, Larven und Insekten aufstöbern. Das sei, so heißt es, das McDonald’s der Wildschweine.
Man könnte annehmen, dass Berthold Langenhorst als Pressesprecher vom Nabu-Landesverband es ablehnt, Wildschweine zu erschießen. Er hält jedoch die Jagd durchaus für sinnvoll - wenn sie ökologisch betrieben werde. Seit seiner Jugend streunt Langenhorst durch den Wald und beobachtet Tiere. Auch heute ist er noch viel unterwegs: im Vogelsberg, im Taunus, in der Rhön. Wildschweine, sagt er, hätten einen würzig-scharfen Geruch, fast wie Maggi, seien fast blind, könnten dafür aber gut hören und riechen. Den Menschen aber kann das Tier im übertragenen Sinn gar nicht riechen, weshalb es eigentlich Abstand hält, auch, weil es ohnehin eher scheu ist. Wildschweine legen es nicht auf Konfrontationen an. Nur Bachen mit Frischlingen werden schnell aggressiv.
Keine Angst mehr vor Zweibeinern
Doch das Borstenvieh hat die Angst vor den Zweibeinern verloren, nachdem es ihnen auf seinen Streifzügen zu den Biotonnen und Komposthaufen begegnet ist. Immer öfter wagen sich die Tiere mittlerweile in die zivilisierte Welt vor. So demolierte vor einigen Wochen im mittelhessischen Fernwald ein Wildschwein den Ausstellungsraum eines Autohauses; in Wiesbaden störte eine Rotte einen 25-Stunden-Lauf und grub anschließend den Kurpark um. Auch durch Spaziergänger und Jäger im Wald habe das Wildschwein mehr Kontakt zu Menschen, sagt Langenhorst. Der Naturschützer hält deshalb drei bis vier Treibjagden im Jahr, bei denen die Waidmänner mit Hunden, den natürlichen Feinden der Wildschweine, loszögen, für schonender, als wenn einzelne Jäger das ganze Jahr durch den Wald pirschten.
Begegnet der Spaziergänger, der nichts Arges im Schilde führt, einem Wildschwein, sei es am besten, sich langsam und unauffällig zurückzuziehen, rät Jäger Klaus Röther. Fühlen sich Wildschweine gestört, können sie panisch werden und angreifen. Dann sollte man am besten auf einen Baum, einen Hochsitz oder in ein Haus flüchten. Keinesfalls sollte man die Tiere verscheuchen.
Da hilft nur eins: Vollbremsung und Lenkrad festhalten
Begegnet einem als Autofahrer ein solches Exemplar auf der Straße, hilft laut dem ADAC nur eins: eine Vollbremsung und dabei das Lenkrad festhalten. Keinesfalls sollte man versuchen auszuweichen. Zu groß sei die Gefahr, in den Gegenverkehr oder von der Straße zu geraten. Ist es zu einem Unfall gekommen, muss die Polizei angerufen werden, die dann den Jagdpächter informiert.
Wer meint, er könne sich für einen Blechschaden mit einem Wildbraten schadlos halten, der irrt. Verspeist werden darf nur das Wildschwein, das ein Jäger geschossen hat. Das ist durchaus schmackhaft. Vor allem die Lende, sagt Klaus Röther, sei zart. Am liebsten esse er dazu Bratkartoffeln und Salat.
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