In Frankfurt gehören die Häuser an den Einkaufstraßen zum großen Teil institutionellen Anlegern wie Fonds oder Versicherungen. Im Wiesbadener Einzelhandel hingegen spielen die Rentiers nach wie vor eine große Rolle. Die Läden an der Kirchgasse beispielsweise befinden sich zu zwei Dritteln im Eigentum von Privatleuten. Sie können sich glücklich schätzen. Denn ihre Einkaufsmeile gehört seit vier Jahren zu den zehn meistbesuchten in Deutschland. Das ergeben jedenfalls die Zählungen, die das Maklerhaus Jones Lang Lasalle regelmäßig in Auftrag gibt. Im vergangenen Jahr belegte die Zeil mit 13.035 Passanten je Stunde den dritten Platz. Die Kirchgasse kam mit 11.100 Menschen auf Rang acht.
Das war nicht immer so. Der Durchschnitt der zurückliegenden zehn Jahre lang bei nur 4350 Passanten. „Wiesbaden hat die Attraktivität der Innenstadt gesteigert“, konstatiert Christopher Wunderlich. Und mit der Passantenfrequenz steigen auch die Mieten.
Nur an Toplagen interessiert
An der Kirchgasse liegen sie in der Spitze bei 140 Euro je Quadratmeter. Doch was die Hauseigentümer freut, schadet der Vielfalt. Weil die alteingesessenen Geschäftsleute die hohen Preise nicht zahlen können, nimmt die sogenannte Filialisierung unaufhörlich zu. Die Verkaufsflächen an der 700 Meter langen Einkaufstraße sind zu 80 Prozent in der Hand von Ketten.
Deren Vertreter seien in der Regel von vornherein auf absolute Toplagen festgelegt, sagt Wunderlich. In Wiesbaden interessierten sie sich ausschließlich für die Kirchgasse. Dort sind Mieterwechsel zwar relativ selten, aber in einigen Fällen hat die Zielstrebigkeit der Bewerber sich gelohnt. Ein Fachgeschäft namens Rituals wirbt seit kurzem für orientalisch inspirierte Körperpflege. Handgemachte Kosmetik gibt es neuerdings in der Nachbarschaft bei Lush.
Für Kontinuität sorgen Karstadt und Galeria Kaufhof
Auf der anderen Straßenseite hat sich das italienische Bekleidungsunternehmen Calzedonia mit seiner Marke Tezenis niedergelassen. Dort wird vor allem Wäsche angeboten. Gerade ist auch Claire’s angekommen, mit Schmuck, Accessoires, Geschenken und Mode für Jugendliche.
Für Kontinuität sorgen Karstadt und Galeria Kaufhof. Das wegen seiner orangefarbenen Fassade gern geschmähte Luisenforum ist nicht immer gleichmäßig und gut besucht. Es behauptet sich aber inzwischen seit mehr als drei Jahren. Gerade zieht Saturn ein. Die Kirchgasse findet ihre nördliche Fortsetzung in der Langgasse. Hier liegt die Spitzenmiete nur noch bei 85 Euro. Und Leerstände sind keine Seltenheit. Immerhin hat sich gerade ein neuer Laden mit Damenoberbekleidung angesiedelt. Ernsting’s Family bietet seit kurzem preiswerte Bekleidung. Mit 2800 Quadratmetern ist Sportarena nach wie vor Hauptanker dieser Lage.
Stirnrunzeln bei Reno
Aufwind verspürt die Marktstraße. Sie verbindet Kirch- und Langgasse mit Marktplatz und Dernschen Höfen. Die Spitzenmieten betragen dort 100 Euro. Der Herrenausstatter Walbusch hat sich hier kürzlich ebenso niedergelassen wie Butlers mit Wohnaccessoires und Möbeln.
Auf eine positive Resonanz sind die im vergangenen Jahr eröffneten Dernschen Höfe gegenüber vom Rathaus gestoßen. Stirnrunzeln löst angesichts des edlen Ambientes bei manchem Passanten der Billiganbieter Reno aus. Es heißt, die Kette wolle ihre Schuhe künftig in besseren Lagen anbieten - und Wiesbaden sei der Anfang.
In den zurückliegenden Jahren habe es an geeigneten Konzepten gemangelt
Kronleuchter und helle Landhausmöbel prägen das Maison du Pain. Das in Frankfurt schon mit drei Filialen vertretene Backhaus repräsentiert mit Kaffee, Wein und Törtchen die gehobene französische Lebensart und erfreut sich trotz relativ hoher Preise eines großen Zuspruchs.
Auch am Marktplatz tut sich etwas. Neuerdings werden dort Küchen der Marke Bulthaup verkauft. Peter Hahn und Brigitte von Boch bieten Mode für Damen und Herren. Die Bekleidungsbranche ist gerade dabei, an der Wilhelmstraße stärker Fuß zu fassen. Künftig sind dort die Marken Strenesse, Windsor, Basler und Marina Rinaldi vertreten.
In den zurückliegenden Jahren habe es an geeigneten Konzepten gemangelt. Doch jetzt versuche die Wilhelmstraße mit Erfolg, sich dem „Frankfurter Pendant Goethestraße“ anzunähern, meinen die Fachleute von Jones Lang Lasalle. Doch dieser gutgemeinte Vergleich dürfte in der Landeshauptstadt nicht gut ankommen. Denn die Wilhelmstraße ist nicht nur viel breiter und länger als die Goethestraße. Sie gilt in all ihrer Pracht als „die Rue“ schlechthin. Tatsächlich zählt sie zu den wenigen unverwechselbaren Einkaufsstraßen der Region.