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Frankfurter Bahnhofsviertel : Wie Heroin nach Frankfurt kam

  • -Aktualisiert am

Wie sich die Bilder gleichen: Süchtige, die sich 1989 in der Taunusanlage Heroin spritzen Bild: Marcus Darryl Hirthe

Gedacht war es als Hustensaft, später überschwemmt die Droge das Bahnhofsviertel: Die Suchtforscher Hans-Volker Happel und Heino Stöver erläutern, warum Heroin in Frankfurt immer noch so präsent ist.

          Frankfurt und Heroin – warum hängt das so stark zusammen?

          Happel: Frankfurt war eine der ersten Städte in Deutschland, in der Heroin konsumiert wurde. Über den Flughafen und die große Militärpräsenz der Amerikaner kam relativ schnell viel Heroin herein. Neben Hamburg und Berlin ist Frankfurt bis heute einer der großen Heroin-Hotspots.

          Wann tauchte Heroin in Frankfurt auf?

          Happel: Es gab eine Vorbereitungsphase für das Heroin: In den sechziger Jahren trafen sich junge Leute zum Kiffen und Gitarrespielen auf der sogenannten Haschwiese beim Hilton Hotel. Von der Bevölkerung wurden sie „Gammler“ genannt, Vorläufer der Hippie-Bewegung. Später wurden dann auch erste Stoffe gespritzt, zum Beispiel die Berliner Tinke. Das war ein Opiumgemisch, das in den sechziger Jahren vor allem aus Osteuropa nach Frankfurt kam.

          Wie kamen die Abhängigen an den Stoff?

          Stöver: Apotheken hatten damals noch nicht dieselben Sicherheitsvorkehrungen wie heute. Die Süchtigen brachen in die Apotheken ein und stahlen sich ihren Stoff. Es gab eine erstaunlich hohe Expertise, was Opiate und Drogen anging. Ende der sechziger Jahre tauchte dann Heroin auf.

          Wie kam es dazu?

          Happel: Amerikanische GIs, die aus Vietnam nach Deutschland kamen, begannen sowohl den Bedarf als auch das Angebot anzuregen. Wenn damals Pay-Day bei den Soldaten war, gab es auf der Haschwiese regelrechte Jahrmarktszenerien: Die Soldaten kamen mit großen Lastern zur Wiese gefahren, kauften sich Stoff und fuhren wieder weg.

          Amerikanische GIs waren die ersten Heroin-Konsumenten in Frankfurt?

          Stöver: Heroin kam damals vor allem aus Südostasien. Es wurde im Goldenen Dreieck und in Kambodscha produziert. Man schätzt, dass jeder vierte GI im Vietnam-Krieg heroinabhängig war. Während ihrer Erholungsphasen rauchten die Soldaten Heroin – ein feines, weißes Pulver. Es war sehr günstig und hat vor allem keine Spuren hinterlassen. Man hat damals angenommen, dass man vom Rauchen nicht abhängig wird.

          Stammte die Droge ursprünglich aus Asien?

          Heino Stöver, Sozialwissenschaftler, leitet das Institut für Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences.
          Heino Stöver, Sozialwissenschaftler, leitet das Institut für Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences. : Bild: Wolfgang Eilmes

          Stöver: Der deutsche Konzern Bayer entwickelte Ende des 19. Jahrhunderts den Stoff als Hustenmittel. Es war in Europa und den Vereinigten Staaten ein probates und angepriesenes Mittel. Später nutzten Ärzte Heroin als gesündere Alternative bei Morphinabhängigkeit, die es nach den europäischen Kriegen bei vielen Soldaten gab. Die englische Ärzteschaft befürwortete zum Beispiel den Einsatz von Heroin sehr. Die haben gesagt: „Wenn jemand besser mit Heroin funktionieren kann als mit Morphium, dann soll man Heroin geben.“

          Wie kam es dann dazu, dass Heroin in Deutschland gesetzlich verboten wurde?

          Stöver: Das Ironische war: Die Deutschen waren lange der größte Alkaloid-Produzent.

          ... ein Oberbegriff für Opiate, wie zum Beispiel Morphium ...

          Sie haben damals den Weltmarkt beherrscht. Die Amerikaner wollten Opiate unters Strafrecht bringen. Darüber waren die deutschen Konzerne nicht sehr erfreut. Erst durch den Versailler Vertrag wurden die Deutschen verpflichtet, Opiate unter strenge Kontrolle zu stellen. Das deutsche Opiumgesetz von 1929 wurde also nur unter Druck erlassen.

          Wann spielten Drogen in Deutschland wieder eine Rolle?

          Stöver: Ab Mitte der sechziger Jahre mit dem Aufkommen von Cannabis und später LSD gab es wieder verstärkten Drogenkonsum. In der Jugend- und Subkultur wurden Drogen mythisch aufgeladen. Spiritualität war in der Szene sehr wichtig. Mit Hilfe der Substanzen wollte man sein Bewusstsein und damit auch die Gesellschaft verändern. Auch Heroin wurde in diesem Zusammenhang stark mystifiziert.

          Wie wurde Heroin in Deutschland konsumiert?

          Happel: Es wurde vor allem gespritzt. Das lag zum einen an der Gewöhnung durch die Berliner Tinke und zum anderen daran, dass es sehr teuer war und der Stoff schon früh stark gemischt wurde. Dadurch war es weniger rein, und mit einer Injektion konnte man eine stärkere Wirkung erreichen.

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