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Veröffentlicht: 04.06.2017, 08:29 Uhr

Frankfurter Kunstverein Andere Wirklichkeiten in knallbunten Farben

Halluzinogene Drogen, tantrischer Sex, abgeschobene Alte: Arbeiten von Melanie Bonajo sind jetzt im Steinernen Haus des Frankfurter Kunstvereins zu sehen.

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© ©Melanie Bonajo/Collection Bonnefantenmuseum Sex, Schamanentum, weibliche Macht: Filmstill aus Melanie Bonajos „Night Soil #2, Economy of Love“, 2015

Keine Furcht vor fröhlichen Farben. Bonbonbunte Folien verwandeln das einfallende Tageslicht in schimmernde Sphären, in leuchtenden Tönen erstrahlen die Installationen, in deren Zentrum stets ein Videobildschirm steht, ein Raum gar gefällt sich in purem Pink. Eine feminine Anmutung umfängt die Besucher, flauschige Textilien gehören zu den Accessoires, das Ambiente ist dazu angetan, sich darin wohl zu fühlen, auch wenn es hart an der Grenze zum Kitschigen inszeniert ist. Melanie Bonajo schafft jeweils eine einladende Umgebung, eine Situation, der sich hinzugeben nicht schwerfällt, ein Angebot, das auszuschlagen hieße, der Neugier, die es unweigerlich weckt, zu entsagen.

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Arbeiten der niederländischen Künstlerin werden vom 1. Juni an im Steinernen Haus des Frankfurter Kunstvereins gezeigt. Im Mittelpunkt steht die zwischen 2014 und 2016 entstandene Trilogie „Night Soil“ aus der Sammlung des Maastrichter Bonnefantenmuseums. Darin geht es um alternative Lebensentwürfe. Und seit langem zum ersten Mal nicht nur um eine formale oder nostalgische Auseinandersetzung mit den Subkulturen der sechziger Jahre, sondern um deren inhaltliche Aneignung unter den veränderten Bedingungen der Gegenwart.

Spiritualität ohne Dogmen

Ein in den Farben des späten Abends schillerndes Beduinenzelt mit üppigen Sitzkissen ist der Schauplatz, der Vorführort des Videofilms „Fake Paradise“, der ersten Arbeit der dreiteiligen Serie. Es geht um Ayahuasca, einen Pflanzensud, den Bewohner unterschiedlicher Ethnien des Amazonasgebiets seit Jahrhunderten herstellen, um psychedelische Erfahrungen zu machen. Die Identität mit der Pflanze spielt dabei eine entscheidende Rolle: Wer die „Medizin“ nimmt, soll eins werden mit der Vegetation, der Landschaft, wird nach Auffassung derer, die Ayahuasca zum Zentrum einer Religion erhoben haben, in einen Zustand versetzt, der sich grundlegend vom Alltagsbewusstsein unterscheidet.

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Die andere Realität schiebt sich im Video stets vor die vermeintlich einzig wahre. Melanie Bonajo geht es hier wie in ihren anderen Arbeiten vornehmlich um den weiblichen Aspekt von Erfahrungen, die kulturhistorisch zumeist mit Männern verbunden wurden. Aber sie fragt vor allem nach den Möglichkeiten, einer auf Produktion und Konsum fußenden Lebensweise zu entfliehen.

Insofern knüpft sie an die Hippie-Bewegung an, die einst den LSD-Guru Timothy Leary zu einem ihrer Leitfiguren erkor. Im Unterschied zu den leistungssteigernden Drogen, die in den achtziger Jahren bei Bankern wie Künstlern gleichermaßen in Mode kamen, standen die halluzinogenen Substanzen einst für eine Abkehr von allen bürgerlichen Zwängen. Und eine Spiritualität ohne Dogmen.

Keinen Dualismus

Auch die zweite Arbeit der Trilogie, „Economy of Love“, führt zurück zu einer Idee, die in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts artikuliert wurde: die Befreiung der Sexualität, zuvörderst der weiblichen. Junge Frauen aus Brooklyn, „sex workers“, haben sich zu einer Bewegung zusammengeschlossen, die von der subversiven Kraft der sexuellen Energie beider Geschlechter überzeugt ist, vor allem aber die weibliche Sexualität als Macht begreift, die alles überstrahlt. Zeitaufwendige tantrische Praktiken werden geübt, um zu Orgasmen zu gelangen, die den gesamten Körper in Ekstase versetzen.

In „Nocturnal Gardening“ schließlich, der dritten Arbeit aus dieser Serie, wird beschrieben, wie sich Menschen auf andere als ausbeuterische Art der Natur nähern können: Angelehnt an Vorstellungen indigener Völker, zeigt Bonajo Formen der Landnutzung, in der die Erde als göttliches Wesen begriffen wird. Mensch und Natur, so die Utopie, die auf uralte Mythen zurückgreift, sollen keinen Dualismus mehr bilden.

Filme sind nicht so komfortabel konsumierbar

„Progress vs. Regress“ ist der Titel einer großen Installation, die sich mit alten Leuten und der digitalen Technologie gleichermaßen auseinandersetzt. Der Raum ist in kaltes blaues Licht getaucht, einige Rollstühle stehen bereit, in die sich die Besucher setzen können, Leuchtröhren an den Rädern blinken unaufhörlich. In einem Videofilm werden Senioren, die weder als Produzenten noch als Konsumenten wirtschaftlich interessant sind, mit den Phänomenen der aktuellen Computer- und Smartphone-Applikationen konfrontiert.

Hier wie in ihren anderen Arbeiten entwickelt die Künstlerin eine Fülle von Bildern, in denen sich Dokumentation und Fiktion verbinden. Es bleiben viele Rätsel, auch was den Titel der Ausstellung, „Single Mother Songs from the End of Nature“ angeht. Die Filme sind nicht so komfortabel konsumierbar wie die Umgebung, in die sie eingebettet sind. Auch wenn es in ihnen oft ebenso bunt zugeht.

Die Ausstellung ist im Frankfurter Kunstverein, Markt 44, vom 1. Juni bis 27. August zu sehen. Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 19, Donnerstag bis 21 Uhr.

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Von Matthias Alexander

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