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Veröffentlicht: 15.01.2013, 19:41 Uhr

Wenn eine Mutter ihr Kind verliert Ein Mädchen, wie schön

Die Mutter ist in der vierzehnten Woche schwanger, als sie von der Behinderung ihrer Tochter erfährt. Wahrscheinlich werde das Kind noch im Mutterleib sterben, sagen die Ärzte. Chronik eines Abschieds.

© Bergmann, Wonge Trauer und Zuversicht: Chanel setzt sich für die Verschönerung des Sternenkinder-Grabes ein, in dem auch ihre Tochter bestattet ist.

Nur hinter dem Fenster im zweiten Stock brennt noch Licht, gelb und warm. Chanel läuft in der Wohnung auf und ab, sie findet keinen Schlaf. Sie setzt sich auf das Sofa, steht wieder auf, fasst sich an die Schläfen, ihr ist heiß. Dann geht sie doch wieder ins Bett, allein, ihr Freund ist noch auf der Arbeit. Sie träumt unruhig bis zum Morgengrauen.

Als Chanel aus dem Bad kommt, ist Sven schon müde von der Nachtschicht ins Bett gefallen. In ihrer rechten Hand hält sie ein kleines Plastikteil, legt es auf den Nachttisch neben ihn und spricht leise seinen Namen. Er blinzelt und versteht erst nicht, bis er im Halbdunkel den Schnuller erkennt, lächelt und weiterschläft. Es ist Mittwoch, der 11.Juli 2012, für Chanel und Sven der erste Tag als werdende Eltern.

Schwangerschaftsübelkeit, nicht ungewöhnlich

Der Bauch wächst und mit ihm die Freude. Es ist ein Wunschkind, auch wenn die Eltern erst seit fünf Monaten ein Paar sind. Ob es ein Mädchen oder ein Junge wird, das wissen sie noch nicht. Die ersten Hemdchen, die sie kaufen, sind himmelblau.

Dann muss Chanel zum ersten Mal ins Krankenhaus nach Höchst, Schwangerschaftsübelkeit, nicht ungewöhnlich. Sven kommt oft vorbei und hält ihre Hand, da sagt Chanel: „Ich glaube, es wird ein Mädchen.“ Einen Namen hat sie auch schon - Alisha. Sven zögert erst ein bisschen, doch als seine Freundin ihre Hand auf den Bauch legt und immer wieder diesen Namen nennt, sagt er: „Das ist ein schöner Name.“ Alisha heißt: die kleine Prinzessin. Es ist die neunte Schwangerschaftswoche.

In der 14. Woche entdeckt der Arzt Wasseransammlungen im Nacken

Abends singt die Mutter manchmal für ihr Kind: There’s no need to be afraid, I will sing with you my friend, come on, come on - Du brauchst keine Angst haben, ich singe mit dir, meine Kleine, komm schon, komm schon. Dann: ein erster Tritt. Es ist, als tanze das Kind zur Melodie, ganz lebendig und doch erst ein paar Monate alt. Chanel geht regelmäßig zu ihrem Frauenarzt, der ist zufrieden mit der Entwicklung, und die Eltern sehen zum ersten Mal ihr Kind, grau schattiert und leicht verschwommen, auf dem Monitor des Arztes.

An einem Donnerstag, es ist die 14.Woche, hat Chanel wieder einen Termin bei ihm. Der Arzt verteilt das kühle Gel auf ihrem Bauch, fährt wie immer mit dem Ultraschallgerät auf der leichten Wölbung auf und ab und erklärt: hier ein Fuß, da ein Arm, und das kleine Herz pocht. An einer Stelle stockt er, schiebt das Messgerät ein paar Zentimeter nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links. Er sagt nichts. Chanel fragt: „Warum sind Sie so still?“ Der Arzt antwortet knapp: „Das sieht nicht so gut aus.“ Noch quälend lange 30Minuten fährt er mit dem Ultraschallgerät über Chanels Bauch. Nach der Untersuchung sagt der Arzt hinter seinem Schreibtisch: „Denken Sie daran, Sie wollen ein gesundes Kind.“ Er habe im Nacken des Fötus Wasseransammlungen entdeckt. Das deute auf eine schwere Behinderung hin. „An Ihrer Stelle würde ich abbrechen“, sagt der Arzt.

Die Mutter will vorbereitet sein

Chanel und Sven fahren ins Bürgerhospital, auf die Station der Pränataldiagnostik. Sie wollen eine zweite Meinung. Chanel wird lange von einer Ärztin untersucht. Bald stellt auch sie fest, das Kind wird behindert sein. Sie rät nicht: „Machen Sie es weg“, sondern fragt: „Wie stehen Sie zu einer Behinderung?“ Der Oberarzt kommt ins Zimmer und sticht mit einer Nadel in Chanels Bauchdecke, um Fruchtwasser zu entnehmen. Die werdende Mutter kann wieder nach Hause. In drei Tagen soll sie erfahren, welche Behinderung ihr Kind hat.

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