Das Museum der hundert Tage hat mit einem Besucherrekord gestern um 20 Uhr in Kassel für fünf Jahre seine Türen geschlossen. 860.000 Besucher hatten die Weltausstellung zeitgenössischer Kunst bis dahin gesehen. Hinzu kamen einige tausend Presse- und Fachbesucher. Das waren 110.000 Besucher oder vierzehn Prozent mehr als vor fünf Jahren. Nahezu ein Drittel der Besucher der Documenta 13 war jünger als 30 Jahre, die durchschnittliche Besuchszeit ist auf drei Tage gestiegen. Die Zahl der verkauften Dauerkarten nahm um 112 Prozent auf 12.500 zu.
Vom 9. Juni an hatte die Leiterin der Ausstellung, Carolyn Christov-Bakargiev, mehr als 300 Künstler und andere Teilnehmer ihre Arbeiten an mehr als 60 Ausstellungsorten in Kassel sowie an den Außenstandorten Kabul, Kairo-Alexandria und Banff zeigen lassen. Zum ersten Mal hatte die Documenta ihren Standort während der Ausstellungszeit erweitert und zeitgleich eine Ausstellung in Kabul veranstaltet. Vom 20. Juni bis zum 19. Juli hatten mehr als 27000 Besucher die Ausstellung der Documenta 13 in den Bagh-e-Babur-Gärten und dem Queenspalace gesehen. Es war eines der herausragenden Ereignisse in der Post-Taliban-Ära.
Besuche, „um dabei das Empfinden von Zeitdruck zu brechen“
Für die Besucher, sagte Carolyn Christov-Bakargiev, die wegen ihres auf Deutsch offenbar schwer auszusprechenden Namens vielfach CCB genannt wurde, zum Abschluss, „war die Documenta 13 keine Tagesveranstaltung. Die Ausstellung hat für die Besucher vielmehr eine Form von lebender Kultur repräsentiert, die zum Leben der Menschen gehört und in wiederholten Besuchen erkundet wird, um dabei das Empfinden von Zeitdruck zu brechen, die Zeit und das Empfinden von Kunst befreien zu lassen.“
Ohne Frage hat die Ausstellung die Besucher angesprochen und immer wiederkehren lassen. Davon zeugten nicht nur die Warteschlangen, die sich bis zum letzten Tag in einem großen Bogen über den barocken Friedrichsplatz oder in Schleifen im Kulturbahnhof bildeten. Vor allem die Zahl der etwa 12.500 Dauerkarten zeigt, dass so viele Besucher wie noch nie zuvor wiederkehrten und während der 100 Tage immer stets Neues zu entdecken fanden oder an ihre Lieblingsorte zurückkehrten. Die Documenta 12 vor fünf Jahren hatte - zum Vergleich - 5700 Dauergäste an sich binden können. Die große Zahl an Dauerkarten zeigt auch: Nicht nur die Documenta ist nach beinahe 60 Jahren in Kassel angekommen, sondern die Kasseler und ihre unmittelbaren Nachbarn, die vor allem die Dauerkarten gekauft haben dürften, sind auf der Documenta angekommen.
In Kassel begannen die Deutschen den Anschluss an die Zeit zu finden
Bis dorthin war es ein weiter Weg. Arnold Bode hatte die erste Documenta 1955 parallel zur Bundesgartenschau in Kassel arrangiert. Die Gartenbauausstellung, die bewusst in der besonders schwer zerstörten Stadt ein Zeichen des Wiederauflebens setzen sollte, mag Bode gehofft haben, werde genügend Besucher anziehen, die auch noch Zeit haben würden neben den Blumen jene Kunst zu betrachten, die die Nationalsozialisten einst als entartet aus Deutschland verbannt hatten. Bodes Konzept ging auf. In Kassel begannen die Deutschen den Anschluss an die Zeit zu finden. Es blieb nicht bei einer Documenta, deren Name wohl die Pluralbildung des Wortes Documentum ist. Es gibt also weder Documentae, noch Documentas oder Dokumenten, sondern allein Documenta-Ausstellungen.
Diese zum Erfolg zu führen ist stets von neuem eine Herausforderung, denn jedes Ereignis läuft Gefahr, in die Jahre zu kommen und sich darüber mit den Jahren zu verlieren. Diesem Schicksal konnte die Documenta bisher entgehen. Mit jeder Ausstellung hat sich die Documenta von neuem erfinden müssen. Anders ließe sich der Erfolg nicht erklären, obschon auch die Demographie der Exhibition in die Hände spielt. Nicht nur die Jungen mögen die Weltkunstausstellung. Immer mehr Silber-, Golden- oder Best-Agers jenseits der 50 scheinen Zeit und Geld zu haben, zu einer Ausstellung wie dieser aufzubrechen und dort zu verweilen. Die Reifen und Reichen buchen teurere Hotels für längere Zeit, wie die Statistik der Beherbergungsbetriebe belegt.
Theaster Gates machte das Hugenottenhaus wieder begehbar
Die Documenta hatte die Stadt erfasst. Von den alten Lagerhallen auf der Nordseite des früheren Hauptbahnhofs, der seit langem als Kulturbahnhof firmiert, bis hinunter in versteckte Winkel der im Ursprung barocken Karlsaue, die später von Elementen des englischen Landschaftsgartens überformt wurde, waren Objekte in und außerhalb von Räumen zu erleben.
Die Ausstellung ließ die Gäste, aber vor allem die Kasseler vergessene Orte neu entdecken, wie das dem Verfall preisgegebene Hugenottenhaus, das zwar erst aus dem frühen 19. Jahrhundert stammt, aber doch eine lebendige Erinnerung an die barocke Stadterweiterung sein könnte, als das calvinistische Kassel den Glaubensflüchtlingen aus Frankreich nach dem Dreißigjährigen Krieg eine neue Heimat bot. Theaster Gates machte das Hugenottenhaus mit Hilfe von Arbeitslosen aus Kassel und von Arbeitern aus Chicago wieder begehbar und erlebbar. Solche Projekte wiederum machten die Documenta erfahrbar und verstehbar.
„Wie sich die Bilder gleichen“
Das gilt mehr noch für die Arbeit des Libanesen Rabih Mroué. Er zeigte Videos von Menschen aus dem aktuellen Alltag in Syrien, die mit ihrem Mobiltelefon filmten, wie Scharfschützen, aber auch ein Panzer auf sie zielten und schossen. Die Filmenden ließen nicht von ihrem Tun ab. Sie liefen nicht weg, sondern filmten bis zum Ende, so als wäre die Szene doch nur medial vermittelt und als könnte sie der Schuss durch das Objektiv und über den Bildschirm nicht treffen.
Nicht zuletzt das Motto der Documenta 13, „Collaps and Recovery“, war in Verbindung mit der Documena-Stadt Kassel ein Grund für den Erfolg der Weltkunstschau. Denn die Spuren der Zerstörung sind in Kassel nicht zu leugnen. Erschreckend und faszinierend war der Vergleich der Städte Kassel und Kabul, wo eine Parallel-Ausstellung organisiert war. „Wie sich die Bilder gleichen“, dachte der irritierte Betrachter vielfach, nicht wissend, an welchem Ort er sich befand.
Nun wird es wieder ruhiger in Kassel auf dem Friedrichsplatz, am Kulturbahnhof und in der Karlsaue. Doch das gehört zur Documenta. Auch sie muss immer wieder vergehen, um neu zu werden, wenn sie Bestand haben soll. „Collaps and Recovery“ ist ihr Konzept. Dass die Ausstellung aber in einer aktuellen Form wiederkehren wird, ist ebenso wenig eine Frage wie ihr Standort Kassel, an dem allein sie entstehen und sich immer wieder neu entfalten kann.