Sie ist vorbereitet. Nennen wir sie Ines, die Strampler, Wickelkommode und Wiege gekauft hat und die mit großer Vorfreude der Geburt ihres Kindes entgegen sieht. Doch die Akademikerin will ihre Stelle in einer Versicherung nicht aufgeben. Mit dem Arbeitgeber ist deshalb schon vereinbart, nach der einjährigen Pause, die finanziell durch das Elterngeld gut überbrückt werden kann, kommt sie wieder. Allerdings mit dem Ziel, nicht wieder voll, sondern weniger zu arbeiten als bisher.
Ines will Zeit haben für ihr Kind. Zu bedenken ist auch, die Kindertagesstätte in der Nachbarschaft, in der sie erst einmal einen Platz bekommen müsste, hat nur bis 17 Uhr geöffnet. Das wäre mit Vollzeit nicht hinzubekommen, weiß Ines und geht deshalb in Teilzeit - freilich nicht gegen ihren Willen.
Gefährlicher Trend
Wie Ines organisieren sich auch in Hessen immer mehr Schwangere. „Die Frauen sind dankbar, einen Job in Teilzeit angeboten zu bekommen“, fasst Helga Landgraf, Vorsitzende der DGB-Frauen in Frankfurt, ihre Erfahrungen zusammen, die sie bitter nennt. Dabei können doch die Meldungen der Bundesagentur für Arbeit und des Statistischen Landesamts auf den ersten Blick jede Frauenpolitikerin nur fröhlich stimmen: So viele Frauen wie derzeit haben noch nie in Deutschland gearbeitet. In Hessen lag im Jahr 2009 die so genannten Erwerbstätigenquote bei 65,2 Prozent, im Jahr 2000 nur bei 58,6 Prozent. Das Statistische Landesamt, das sich auf die Befragung im Zuge des Mikrozensus stützt, beziffert die Zahl der berufstätigen Frauen sogar auf fast 70 Prozent. Die andere Seite dieses Trends: Die Zahl der Vollzeit-Stellen für Frauen nimmt seit Jahren kontinuierlich ab, in Hessen allein in zehn Jahren um rund 35.000. Demgegenüber sind 100.000 Teilzeitstellen hinzugekommen.
„Die Frauen scheinen in der ,Teilzeitfalle‘ gefangen zu sein“, heißt es deshalb im Bericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Die Hanauer Frauenbeauftragte Imke Meyer erläutert, warum dieser Trend ihrer Ansicht nach gefährlich ist. Das 2001 eingeführte Bundesteilzeitgesetz ermöglicht, die Arbeitszeit zu reduzieren. „Das ist ja auch gut“, sagt sie, doch es gebe keinen Anspruch, eines Tages wieder auf eine volle Stelle zurückzukehren oder auch nur die Stundenzahl zu erhöhen.
„Maßlose Unkenntnis“
Männer reduzierten meist nur für wenige Jahre ihre Arbeitszeit und kehrten dann in den Vollerwerb zurück. Frauen blieben von sich aus häufig sehr lange „in Teilzeit“. Und wenn sie danach überhaupt wieder ganz berufstätig werden wollten, kämen sie nicht mehr in die volle Berufstätigkeit zurück.
Meyer spricht auch deswegen von einer „Falle“, weil die Frauen „aus maßloser Unkenntnis“ im Alter dann nur eine „Teilzeitrente“ hätten. Angesichts der Tatsache, dass die Hälfte der Frauen mit verminderter Arbeitszeit monatlich weniger als 800 Euro brutto verdienten, erhielten sie später Renten, von denen sie nicht leben könnten. Die Hanauer Frauenbeauftragte weist zudem auf das neue Unterhaltsrecht hin. Es sichere Frauen nach einer Scheidung keinen Anspruch mehr zu, wenn das Kind älter als vier Jahre sei. Vielen drohe eines Tages die Altersarmut.
Schuld sei eine deutsche Tradition
Laut hessischem Sozialministerium sind Teilzeitstellen, bezogen auf den Bruttostundenlohn, um 19Prozent schlechter bezahlt als Vollzeit-Arbeitsplätze. Angesichts der Tatsache, dass Frauen ohnehin für die gleiche Tätigkeit im Durchschnitt 23 Prozent weniger als Männer verdienten, hat Staatssekretärin Petra Müller-Klepper (CDU) zum heutigen Internationalen Frauentag gefordert, Chancengleichheit müsse sich auch in der Entlohnung widerspiegeln.
Vor dem Hintergrund eines drohenden Fachkräftemangels rät die Agentur für Arbeit in Frankfurt, zumindest die Stunden der Teilzeit arbeitenden Frauen aufzustocken. Da könnten Potentiale erschlossen werden. Schließlich arbeiteten derzeit mehr als ein Drittel aller Frauen in Teilzeit, das Statistische Landesamt beziffert ihren Anteil sogar auf fast 50 Prozent.
Die Gründe sieht die Hanauer Frauenbeauftragte vor allem in einer deutschen Tradition. Die Gesellschaft nehme die Entscheidung der Frauen „ohne Diskussion als richtig hin“. Doch Meyer meint auch, die Hürden für die Vereinbarkeit von Beruf und Familien seien immer noch zu hoch. Das zeige sich vor allem daran, wann die Betreuungseinrichtungen geöffnet seien, wann man einen Arzt aufsuchen oder in Ämtern und Schulen einen Termin vereinbaren könne. Wenn man das bedenke, sei „die Teilzeit der Frauen nicht so freiwillig, wie es sich immer anhört“.
Nennen wir sie Ines....
Daniel Mietke (FocusTurnier)
- 08.03.2012, 11:04 Uhr