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Weingut im Rheingau : Einblicke ins Riesling-Land

Klare Linien, viel Licht: Johannes Leitz im neuen Probierraum Bild: Wonge Bergmann

Johannes Leitz ist ein Qualitätsfanatiker, sein Weingut gehört im Rheingau zu den besten. Angefangen hat Leitz jedoch ganz klein, früh setzte er auf Export. Jetzt öffnet er das Gut auch für Kunden.

          Vor dem Grundstück donnern immer wieder Lastwagen vorbei, dahinter verlaufen Bahnschienen. Der weite, langgestreckte Raum, den man über eine breite Stahltreppe erreicht, atmet Ruhe. Stirnwand und Seitenfront sind bodentief verglast, aus den Fenstern fällt der Blick ins Grüne. Die Möblierung ist sparsam, mit einem mächtigen Holztisch in der Mitte, die Wände sind weiß. In eine Seitenwand ist ein großer Kühlschrank eingelassen. In einem Eck ist eine Bar eingerichtet, die Flaschen mit Spirituosen gehören zu den wenigen Farbtupfern ringsum: die Probierstube im Weingut Leitz in Geisenheim. „Ich wollte das hier nicht verspielt haben“, sagt Johannes Leitz.

          Jacqueline Vogt

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vor ein paar Wochen hat Leitz den Raum eröffnet. Erstmals seit vielen Jahren haben Weinfreunde Gelegenheit, bei Leitz direkt zu kosten und zu kaufen. Auf dem Grundstück in Geisenheim, wo Leitz 2010 begonnen hat, eine neue Kellerei errichten zu lassen, ist jetzt die Produktion der ehemals fünf Standorte des Betriebs, von der Traubenannahme bis zum Versand geschieht alles dort. Auf dem neuen Areal sagt Leitz, habe er die Gelegenheit ergreifen wollen, seine Produkte auch zu präsentieren.

          Durchbruch mit 1990er Jahrgang

          In der Vergangenheit, als Familienwohnhaus und Gut nicht getrennt, die Kinder klein gewesen und er noch öfter gereist sei, als er das immer noch tue, habe dazu weder Zeit noch Möglichkeit bestanden. Für die Nutzung des Probierraums, zu dem auch eine Küche gehört, schweben ihm kulinarische Veranstaltungen vor, die darin stattfinden könnten. Der Freund von Gins und Mescals träumt von Abenden mit Gast-Bartendern, die regelmäßig im Weingut auftreten könnten. Noch ist das aber Zukunftsmusik, eine von vielen Ideen auf der Agenda eines Mannes, der in diesem Jahr schon mehr als 40 Flugreisen gemacht hat.

          Die Geschichte des familieneigenen Weinguts, gegründet in Rüdesheim, reicht ins 18. Jahrhundert zurück. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört, von Johannes Leitz’ Großvater neu aufgebaut, von seinem Vater bis zu dessen frühem Tod und dann von seiner Mutter als Nebenerwerbsbetrieb geführt.

          Johannes Leitz, Jahrgang 1964, trat Mitte der achtziger Jahre in die Firma ein, nach einer Ausbildung zum Winzermeister. Er habe das unter Prämisse getan, „so gut zu sein, dass keiner mehr an meinen Weinen vorbeikommt“, hat er dieser Zeitung einmal erzählt. Seinen Durchbruch erlebte er mit seinem 1990er Jahrgang und der Berichterstattung darüber. Leitz baut ausschließlich Riesling an und aus, von trocken bis edelsüß.

          Nicht nur ein Qualitätsfanatiker

          Er kann lange und anschaulich über Bodenbeschaffenheiten und ihre Widerspiegelung im Wein sprechen, er war einer der Ersten im Rheingau, der mit heute verbreiteten Methoden arbeitete, ließ zwischen den Rebzeilen wachsen, was da wachsen wollte, reduzierte den Wuchs der Beeren und den Ertrag. Er hat mit drei Hektar angefangen, seine ersten Weine hat er in dem Blumengeschäft angeboten, das seine Mutter besaß. Heute gehören dem Weingut Leitz 40 Hektar, davon allein zehn am Rüdesheimer Berg.

          Die Top-Produkte des Betriebs sind die trockenen Weine aus den Lagen Rüdesheimer Berg Schlossberg, Rüdesheimer Berg Rottland und Rüdesheimer Berg Kaisersteinfels; seinem 2015er Berg Schlossberg Ehrenfels bescheinigten Weinmagazine ein ausgewogenes Spiel von Süße und Säure, ausgewogene mineralische Noten und zarte exotische Aromen, nannten ihn einen Parade-Riesling. Leitz ist aber nicht nur ein Qualitätsfanatiker. Er hat seinen Betrieb, der zuerst klein war, systematisch aufgebaut. Er hat früh auf den Export gesetzt, auf die Vermarktung im Ausland, im englischsprachigen Raum vor allem und speziell den Vereinigten Staaten von Amerika, dieser Tage war er auf einer Weinmesse in China, nicht das erste Mal.

          Weine als Essensbegleiter

          Die deutschen Weinnamen hat er für Amerika ins Englische übersetzt, sein Riesling Rüdesheimer Drachenstein zum Beispiel heißt fürs Ausland Dragonstone, dafür heißt der „Eins-Zwei-Dry“ auch hierzulande so. Sein neuestes Produkt, ein alkoholfreier Riesling, hat er „Eins-Zwei-Zero“ genannt. Diesem Tropfen, der in einem spezialisierten Betrieb in Rheinhessen entalkoholisiert wird, will Leitz demnächst eine perlende Variante folgen lassen. Leitz’ Wein ohne Alkohol schmeckt wie der alkoholhaltige „Eins-Zwei-Dry“, den er den Einstiegswein in seine Produktpalette nennt, gut mit Geflügel und zu Fisch mit hellen Saucen, auch mit fruchtig-scharfen asiatischen Speisen.

          Leitz hat ein Faible für die Gastronomie, er ist mit vielen Restaurantbetreibern und Köchen befreundet. Er sieht seine Weine gerne als Essensbegleiter, für jeden gibt es auf der Internetseite seines Betriebes Hinweise, wozu er sich besonders gut mache.

          Die Spätlese Magdalenenkreuz etwa wird zu Gerichten mit Chili und exotischen Gewürzen wie Sternanis und Koriander empfohlen oder zu Apfelstrudel mit Vanillesauce. Tatsächlich, und das ist eine Empfehlung zum Nachschmecken, paart sie sich auch mit einer nicht zu pfefferbetonten Salami und mit einem Leberwurstbrot sehr gut.

          Hören, wie es schmeckt: Der Besuch bei Johannes Leitz ist Teil einer Reihe kulinarischer Streifzüge der Sonntagszeitung gemeinsam mit dem Hörfunksender hr2 Kultur. Die Probierstube im Weingut, Rüdesheimer Straße 8A in Geisenheim, Telefon: 0 67 22/9 99 91 00, ist montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr, samstags bis 14 Uhr für Verkostung und Verkauf geöffnet.

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