Viele Schulen weisen die Darstellung von Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) zurück, die Lehrerversorgung werde zum nächsten Schuljahr auf 101 Prozent steigen. Die angekündigte Erhöhung um 0,75 Prozentpunkte beruhe größtenteils auf einer veränderten Anrechnung der Arbeit von Studienreferendaren. Der Beitrag der Referendare zum Unterricht soll vom Schuljahr 2012/2013 an nicht mehr mit 6,4 Stunden, sondern mit acht Stunden wöchentlich bewertet werden. Nach Berechnungen der Schulen kann es deshalb sogar sein, dass Bildungsstätten, die viele Referendare haben, nach den Sommerferien unter dem Strich weniger Lehrerstunden zugewiesen bekommen als bisher.
Die Ministerin, die Ende des Monats aus dem Amt scheidet, hatte angekündigt, die Lehrerversorgung in Hessen bis zum Ablauf der Legislaturperiode auf 105Prozent zu steigern. Dies würde bedeuten, dass jede Schule fünf Prozent mehr Lehrerstunden zugewiesen bekäme, als zur Abdeckung des Pflichtunterrichts nötig wäre. Die zusätzlichen Stunden sollen die Schulen nach eigenem Ermessen verwenden dürfen, zum Beispiel für individuelle Förderung oder besondere Angebote, die das jeweilige Schulprofil stärken. Zu diesem Schuljahr hatte die Landesregierung die Lehrerversorgung von 100 auf 100,25 Prozent erhöht.
Wieder abgefangen
Für das Frankfurter Heinrich-von-Gagern-Gymnasium etwa bedeutet die nunmehr in Aussicht gestellte Steigerung um 0,75 Prozentpunkte einen Zuschlag von 10,7 Lehrerstunden je Woche. Allerdings gingen durch die erhöhte Anrechnung der Referendare zugleich 16,5 Stunden verloren, sagt Direktor Thomas Mausbach. Unter dem Strich stünden also 5,8 Lehrerstunden weniger zur Verfügung. Die Zuweisung liege sogar um 2,2 Stunden unter dem Wert für 100 Prozent Unterrichtsversorgung bei gleichbleibender Anrechnung der Referendare.
Für die Darmstädter Georg-Büchner-Schule sei die angekündigte Erhöhung der Lehrerzuweisung ein „Nullsummenspiel“, sagt der stellvertretende Leiter Jürgen Reeg. Wenn die Leistung der acht Referendare, die an seiner Schule im ersten Halbjahr ausgebildet würden, mit 1,6 Stunden zusätzlich berechnet werde, „wird die Mehrzuweisung geradewegs wieder abgefangen“. Schulen mit sehr vielen Referendaren könnten sich sogar verschlechtern.
Nicht nur mit Referendaren zu erreichen
Auch Landtagsopposition und Lehrerverbände werfen dem Kultusministerium „Tricksen und Schönrechnen“ vor. Nach einer Kalkulation der Grünen-Fraktion stehen durch die veränderte Anrechnung der Referendare in Hessen „auf dem Papier über 200 Stellen zusätzlich zur Verfügung, ohne dass sich an der Unterrichtsabdeckung irgendetwas geändert hätte“, wie der Abgeordnete Mathias Wagner sagt. Die SPD-Abgeordnete Heike Habermann bestätigt die Berechnung der Grünen. Henzler versuche, durch Tricks „wenigstens in die Nähe der versprochenen 105-prozentigen Lehrerversorgung zu kommen“.
Das Kultusministerium weist die Vorwürfe zurück. Grundlage für die erhöhte Anrechnung der Referendare sei das neue Lehrerbildungsgesetz mit seiner stärkeren Praxisorientierung. Die Unterrichtsverpflichtung für Referendare betrage in den Hauptsemestern zehn bis zwölf Stunden wöchentlich, also mehr, als den Schulen bei der Lehrerzuweisung angerechnet werde.
Nur mit Referendaren seien die von Henzler vorgegebenen Ziele, das Schulprofil zu schärfen und Schüler individuell zu fördern, aber nicht zu erreichen, sagt Schulleiter Thomas Mausbach. Er bietet sogar an, dass das Gagern-Gymnasium „im Sinne der Eigenverantwortlichkeit der Schule“ auf die erhöhte Lehrerzuweisung verzichten und bei 100,25 Prozent bleiben könne. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass dann auch die Anrechnung der Referendare auf dem alten Stand bleibe und nicht auf acht Stunden erhöht werde.