25.01.2006 · "Wir stehen mit begrenzten Ressourcen vor unbegrenzten Problemen." Was dieser Tage ein Experimental-Psychologe und Unternehmensberater vor einer großen Runde von Hoteliers als Quintessenz eines langen ...
"Wir stehen mit begrenzten Ressourcen vor unbegrenzten Problemen." Was dieser Tage ein Experimental-Psychologe und Unternehmensberater vor einer großen Runde von Hoteliers als Quintessenz eines langen Vortrags über die Notwendigkeit von steter Veränderung formulierte, kann man mit wenigen Abstrichen gut und gerne auf die Schulpolitik übertragen: Wo immer ein Loch gestopft wurde in den vergangenen Jahren, tat sich bald ein neues auf. Jetzt hat Kultusministerin Karin Wolff (CDU) angekündigt, statt des brüchig gewordenen Gewebes ganz neuen Stoff zu verwenden und den Schulen so viel Eigenständigkeit zuzugestehen, wie sie noch nie hatten. Das wiederum klingt so gut und richtig wie lange nichts aus diesem Ministerium.
Eine "Kultur der Verantwortlichkeit" solle im Bildungswesen etabliert und den Schulleitern solle die Möglichkeit gegeben werden, ihre Einrichtungen in hohem Maße unabhängig zu führen, so die Ministerin mit Lehrerinnen-Vergangenheit. Der Unterricht soll in zeitlichen und thematischen Blöcken stattfinden können. Vorerst jede zweite, später jede Pädagogenstelle sollen die Schulen künftig selbst und ohne auf die Rangliste achten zu müssen, besetzen können. Statt wochenweise soll die Stundentafel auf Jahresfrist gesehen erfüllt werden können. Die Form des Unterrichts wird ebenfalls der pädgogischen Leitung der Schule anheimgestellt. Solche Konzepte kennt man bisher vor allem von Schulen mit besonderer pädagogischer Prägung und insgesamt von Privatschulen.
Daß nun offenbar versucht wird, Freiheiten wie in nichtstaatlich geführten Bildungseinrichtungen auch in den öffentlichen zu etablieren, ist nur folgerichtig. Der Zulauf, den private Schulen haben, sei diesen gegönnt; Eltern, die für den Schulbesuch ihrer Kinder erst Steuern und dann noch Monatsbeiträge zahlen, haben dafür meist gewichtige Gründe. Schulpolitik aber darf dem Trend nicht tatenlos zusehen, wie überhaupt gehandelt werden muß angesichts von nicht nur demographischen Veränderungen.
Nun wendet zwar die Opposition im Landtag ein, in der Schulpolitik seien in Hessen viel zu viele Baustellen gleichzeitig offen, das ist ein Argument, das man nicht von der Hand weisen kann. Andererseits ist in allen politischen Lagern unumstritten, daß über den Erfolg oder Nichterfolg von Umsteuerungen und Reformen im Bildungswesen in Zeiträumen von mindestens zehn Jahren entschieden wird. Irgendwann muß man beginnen zu rechnen, zumal in diesem Falle niemandem Schaden oder Nachteil zu drohen scheint, sondern die Intitiative aus dem Hause Karin Wolffs mit der Überschrift "Vorteile" versehen werden kann. JACQUELINE VOGT