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Freitag, 10. Februar 2012
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Vor dem SPD-Parteitag Noch sitzt Andrea Ypsilanti fest im Sattel

28.03.2008 ·  Andere hätte der Sturm der Entrüstung nach einem Debakel wie dem gescheiterten Versuch, eine von der Linken tolerierte rot-grüne Koalition aufzustellen, hinweggefegt. Andrea Ypsilanti aber hält die Zügel bei der Hessen-SPD noch fest. Auch weil sich kein Nachfolger aufdrängt.

Von Ralf Euler und Claus Peter Müller
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Die Geschichte hat das Zeug zu einem spannenden Entwicklungsroman. „Andrea Ypsilantis Lehrjahre, oder: Wie die hessische SPD es schaffte, einen Wahlerfolg binnen sechs Wochen in eine nahezu vernichtende Niederlage zu verwandeln“. Doch noch bevor dieses für Politstrategen überaus interessante Werk erschienen ist, hat die sozialdemokratische Landesvorsitzende und Fraktionschefin im Landtag bereits die Vorarbeiten für den zweiten Band aufgenommen: „Andrea Ypsilanti – Aufstieg, Absturz und Wiedergeburt“.

Tatsächlich hält die Fünfzigjährige, die ihre Partei am 27. Januar aus dem Tal der Tränen bis fast auf den Gipfel der Macht geführt hat, die Zügel in der SPD noch fest in der Hand. Andere hätte der Sturm der Entrüstung nach einem ähnlichen Debakel wie dem gescheiterten Versuch, eine von der Linkspartei tolerierte rot-grüne Minderheitsregierung aufzustellen, aus dem Sattel gefegt. Auch die Delegierten des Sonderparteitags am Samstag in Hanau werden der Parteichefin aller Voraussicht nach den Rücken stärken.

Die innere Zerrissenheit der Partei

Dass Ypsilanti bereit gewesen sei, für die Abwahl Roland Kochs einen Wortbruch in Kauf zu nehmen und gemeinsame Sache mit der Partei „Die Linke“ zu machen, sei angesichts dieses großen strategischen Ziels und der Hoffnung auf eine sozialere Politik in Hessen entschuldbar, hießt es in weiten Teilen der Partei. Dass das Experiment am Ende schrecklich schiefgegangen sei, hätten vor allem andere zu verantworten: die Abgeordnete Dagmar Metzger, die es vorgezogen habe, bei der entscheidenden Fraktionssitzung im Skiurlaub zu sein, und der stellvertretende Partei- und Fraktionschef Jürgen Walter, der Ypsilanti bewusst ins offene Messer habe laufen lassen.

Eine offene Aussprache über Fehler, Defizite und Intrigantentum in der Parteiführung können sich die in Hanau versammelten Genossen schon deshalb nicht erlauben, weil damit die innere Zerrissenheit der Partei für jedermann erkennbar würde. Ypsilanti wird aber wahrscheinlich auch deshalb noch am Tag danach fest im Sattel sitzen, weil sich keine andere Führungspersönlichkeit anbietet; bisher jedenfalls nicht.

„Grandke hätte zweimal unser Spitzenkandidat werden können“

In Südhessen drängt sich niemand auf. Zwar wurde in der Partei aufmerksam registriert, dass der frühere Offenbacher Oberbürgermeister Gerhard Grandke zum ersten Mal seit seinem Wechsel in die Wirtschaft vor zwei Jahren wieder das Wort bei einem Parteitag ergriff, doch die Chancen auf ein Comeback des rührigen Pragmatikers und Strippenziehers gelten als gering, zumindest was den Topjob in der Partei und damit womöglich auch in Wiesbaden betrifft. „Grandke hätte zweimal unser Spitzenkandidat werden können, zweimal hat er das Angebot ausgeschlagen, weil er 2003 und jetzt gegen Koch keine Chance sah“, sagt ein führender Sozialdemokrat. „Dass er uns in schwieriger Lage allein gelassen hat, das hat man sich in der Partei gemerkt.“

In Nordhessen verfügt die SPD dagegen über zwei nicht mehr ganz junge Talente, die nach Auffassung vieler auf längere Sicht durchaus das Zeug zum Parteivorsitzenden haben: den Bezirksvorsitzenden und Baunataler Bürgermeister Manfred Schaub und den Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen.

Manfred Schaub, mit 50 Jahren genauso alt wie Ypsilanti, ist Fußballer, ambitioniert und ein begeisterter Kämpfer. In Baunatal südlich von Kassel war er es von Kindestagen an gewohnt, dass es politisch nur einen Sieger gab. Stets war es die SPD; die ist im Norden Volkspartei. Es gibt wohl keinen Vereins- oder Kirchenvorstand in Baunatal, dem kein Sozialdemokrat angehörte. Schaub, der nach dem Abitur 1976 eine Beamtenausbildung bei der Stadt Baunatal begonnen und den Innenministern Herbert Günther und Gerhard Bökel als persönlicher Referent gedient hatte, vertrat seine Heimat von 1995 an als direkt gewählter Abgeordneter im hessischen Parlament.

Nordhesse mit „Giftpfeil im Köcher“?

Am 7. Februar 1999, dem Tag der Landtagswahl, geriet die heile Welt des Sozialdemokraten Schaub aus den Fugen: Die Tatsache, dass in Hessen von nun an die CDU den Ministerpräsidenten stellen sollte, konnte aus seiner Sicht nur ein Versehen der Geschichte sein. Schaub wurde parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion und hatte als solcher, wie seine Gegner sagten, stets „einen Giftpfeil im Köcher“. Vier Jahre später, am 2. Februar 2003, kam es für die Hessen-SPD noch schlimmer: das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte und der Verlust aller Direktmandate – bis auf zwei nordhessische. Manfred Schaub war neben Günter Rudolph aus dem benachbarten Schwalm-Eder-Kreis einer der beiden Standfesten. Aber sein Traum, einem Ministerpräsidenten Bökel im Amt des Innenministers zu dienen, war geplatzt.

Schaub zog sich aus der Landespolitik zurück, wurde 2005 zum Bürgermeister seiner Stadt Baunatal gewählt und gehörte zur Überraschung vieler in der Partei auch nicht dem Schattenkabinett der Parteivorsitzenden Ypsilanti für die Landtagswahl in diesem Jahr an. Mit dem Wahltag aber meldete sich Schaub über die Parteigrenzen hinaus zurück. Der Norden sei wieder rot, verkündete er – und verschwieg, dass er in Wahrheit rot-rot geworden war. Doch das focht ihn nicht an. Unter dem Vorsitz von Schaub fasste der nordhessische Parteivorstand den einstimmigen Beschluss, die SPD müsse „alles“ daransetzen, dass Ypsilanti eine Mehrheit finde und zur Ministerpräsidentin gewählt werde. Dass er jetzt als deren möglicher Nachfolger im Gespräch ist, nimmt er mit Gelassenheit und einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis. Zu unerwünschten Personaldiskussionen will er aber keinen Anlass bieten.

Stoppen, gucken, schießen

Auch der Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen, der ebenfalls dem SPD-Bezirksvorstand angehört, wählt gerne ein Bild aus dem Sport, wenn er eine Maxime seines politischen Handelns erläutert: stoppen, gucken, schießen. Hilgen ist kein Draufgänger. Vom Naturell her fühlte sich der Jurist in den Strukturen der von den Preußen geschaffenen Provinzialverwaltung am wohlsten. Das Amt des Kasseler Regierungspräsidenten, das er bis zum Regierungswechsel 1999 innehatte, war ihm besonders lieb. Als er damals ermuntert wurde, gegen den Kasseler Oberbürgermeister Georg Lewandowski (CDU) anzutreten, winkte er zunächst ab. Dann aber besann er sich und bereitete seinen Erfolg mit aller Konsequenz vor. Er führte seine Partei in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung aus dem Bündnis mit der CDU und wurde vor drei Jahren ins Amt des Oberbürgermeisters gewählt.

Nach außen agiert Hilgen konziliant, innerhalb der SPD ist er eine Respektsperson. Nach der Eroberung des Oberbürgermeisteramts mutmaßten manche, Hilgen könne auch auf Landesebene reüssieren. Er wäre nach Lauritz Lauritzen und Hans Eichel nicht der erste Kasseler Oberbürgermeister, der außerhalb der Stadt Erfolg hätte. Doch befragt nach seinen politischen Zielen, antwortete der Vierundfünfzigjährige bisher stets, er wolle ein weiteres Mal die Direktwahl als Oberbürgermeister gewinnen. Eine Stellungnahme zur Frage, ob er in einem möglichen Konflikt, der in der SPD nach dem Scheitern des Linkskurses der Landesvorsitzenden Ypsilanti entbrennen könnte, Verantwortung zu übernehmen bereit wäre, lässt Hilgen ablehnen: Er wolle in keiner Weise zu Spekulationen beitragen.

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