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Nach Unfall in Australien : Leben bedeutet: Arschbacken zusammenkneifen

  • -Aktualisiert am

Bereit zum Aufbruch: Nach einem Jahr kann Vincent Kast die Unfallklinik verlassen und in eine eigene Wohnung ziehen. Bild: Victor Hedwig

Nach einem Unfall in Australien ist Vincent Kast vom Hals abwärts gelähmt. Ein Jahr hat er im Krankenhaus gelegen. Jetzt macht er sich voller Hoffnung daran, seine Zukunft zu gestalten.

          Als Vincent Kast begreift, dass der Tod nah ist, wird er ganz ruhig. „So also fühlt sich Ertrinken an“, denkt er, während ein Schwarm gelber Fische an ihm vorbeizieht. Vincent will sie berühren, kann aber seine Arme nicht bewegen. Er kämpft gegen die aufkommende Todesangst. Das bisschen Leben, das ihm noch bleibt, will er auskosten. Seine Lunge füllt sich mit Wasser, sein gelähmter Körper trudelt langsam in Richtung Seeboden. „Gleich ist es vorbei“, denkt Vincent und ist dabei seltsam unaufgeregt. „Damals dachte ich, dass ich ein tolles Leben hatte und nichts bereue“, sagt er heute.

          Vincent sitzt im Rollstuhl. Er ist vom Hals abwärts nahezu vollständig gelähmt. Nur seinen linken Arm kann er eingeschränkt bewegen. Seit dem 2. Mai 2016 ist Vincents Leben ein anderes. Kein schlechteres, wie er sagt. Nur eben anders. In wenigen Wochen will der 20 Jahre alte Frankfurter in eine eigene Wohnung ziehen und an der Goethe-Universität Physik studieren. Er will genau so leben wie andere in seinem Alter auch. Er will abends mit Freunden feiern gehen, Mädchen kennenlernen, Nächte durchmachen. „Entweder du steckst den Kopf in den Sand, oder du kneifst die Arschbacken zusammen“, sagt er.

          „Panik verbraucht Sauerstoff“

          Vincent hat sich für das Prinzip „Arschbackenzusammenkneifen“ entschieden. Obwohl er das, streng genommen, gar nicht kann. Sein Körper gehorcht ihm nicht mehr. Das Unglück, das sein Leben verändert, passiert nahe der australischen Stadt Cairns. Vincent ist nach dem Abitur mit einem Rucksack und großen Plänen aufgebrochen. Er will reisen. Will sich und seinen Eltern beweisen, dass er sich etwas aufbauen kann. Er kauft sich ein Flugticket. Das Reiseziel: Sydney. Hier findet er eine Wohnung, später Arbeit, lernt Wellenreiten und Skateboardfahren.

          Er besorgt sich ein altes Auto, klappert die Küsten Australiens ab. Selten schickt er Fotos nach Hause: Vincent im Sonnenuntergang, Vincent beim Wellenreiten. Vincent auf einem hohen Berg. „Ich bin jemand, der Momente verinnerlicht. Ich fotografiere wenig“, sagt er und ist doch froh über die wenigen Bilder aus einem Leben, das er so wohl nie wieder führen wird. Sie zeigen einen braungebrannten Mann. 1,93 Meter groß, breites Lächeln, noch breitere Schultern.

          An einem Maitag im Jahr 2016, kurz vor dem Ende seiner Reise, trifft er sich mit Bekannten an einem Badesee. Die Mädchen wollen sich sonnen, die Jungs sich abkühlen. Vincent springt ins Wasser. Beim Auftauchen schlägt sein Kopf gegen etwas Hartes. Unter Wasser kann er noch einen dumpfen Aufprall hören. Er reißt die Augen auf. Sieht, wie sich seine Hände automatisch aufeinander zubewegen, sich berühren. Nur spüren kann er sie nicht. Vincent verbietet sich die aufkommende Panik. „Panik verbraucht Sauerstoff“, sagt er nüchtern. Stattdessen denkt er über sein Leben nach. Schön war es. Kurz bevor er bewusstlos wird, greift eine Hand nach ihm. Als er wieder vollends zu sich kommt, liegt er am Ufer – sein Kopf wird gestützt von Handtüchern. Seinen Körper spürt er nicht. Mit dem Hubschrauber geht es ins Krankenhaus nach Brisbane.

          Beatmungsgerät statt Luftballons

          Nach der MRT steht fest: Vincent hat sich mehrere Halswirbel gebrochen. Die Ärzte halten das Telefon, während er seinen Eltern in Frankfurt zu erklären versucht, was er selbst noch nicht verstanden hat. Vincents Vater steigt sofort in den nächsten Flieger. 36 Stunden benötigt er, um zu seinem Sohn zu kommen. Der hat Wasser in der Lunge, muss intubiert werden, bekommt Fieber, ist bewegungsunfähig.

          Vier Wochen dauert es, bis Vincent transportfähig ist. Mittlerweile haben ihm die Ärzte eine Trachealkanüle gelegt. In mehreren Operationen wurde außerdem versucht, seinen Nacken zu stabilisieren. Vincent kann in diesen Tagen im australischen Krankenhaus nicht über seine Zukunft nachdenken. Er konzentriert sich nur auf seine Atmung. „Ich habe tagelang nur Sekunden gezählt“, sagt er. Einatmen. Kräfte sammeln. Ausatmen. Nichts ist mehr selbstverständlich. Mit dem Flugzeug geht es über Singapur zurück nach Frankfurt. Eine Odyssee. An sieben verschiedene Beatmungsgeräte wird er während des Transports angeschlossen – eine Tortur für seine schwache Lunge. Sie kollabiert, als er in Frankfurt ankommt.

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