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Veröffentlicht: 20.12.2015, 13:31 Uhr

Julius Wagner „Die Welle zurück aufs Land wird kommen“

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Doch immer mehr Dörfer sind ohne Gasthaus. Wie lässt sich die Entwicklung stoppen? Ein Gespräch mit Julius Wagner, dem Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Hessen.

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© Frank Röth „Die Gastronomie in den ländlichen Regionen hat mit Schwierigkeiten zu kämpfen“: Julius Wagner, Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Hessen

Herr Wagner, mit der Veranstaltungsreihe „Gasthaus trifft Rathaus“ hat Ihr Verband begonnen, Gastronomen, Kommunalpolitiker und Tourismus-Verantwortliche an einen Tisch zu bringen, in unterschiedlichen Regionen in Hessen. Nach neun solcher Treffen in diesem Jahr: Wie ist die vorläufige Bilanz?

Jacqueline Vogt Folgen:

Die Bilanz heißt: Es ist schwierig. Die Gastronomie in den ländlichen Regionen, egal ob im Norden, Süden oder Osten, hat mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen. Es gibt regionale Ausschläge, aber das Gros der Probleme ist immer gleich gelagert: Investitionsstau. Wandel der kommunalen Wohn- und Lebensstrukturen und damit verbunden auch der Gästestrukturen, Rückgang an Gästen. Die Wirte haben Probleme, Mitarbeiter und Nachfolger zu finden. Es gibt große Schwierigkeiten im touristischen Marketing. Das sind die Themen, die uns überall begegnen.

Wie viele Landgasthäuser gibt es in Hessen derzeit?

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Vor sieben, acht Jahren hatten wir 3000 solcher Lokale, die wir als typische Land-Gaststätten bezeichnen. Und seitdem haben wir rund 1400 Betriebe definitiv verloren, das heißt, sie haben zugemacht und wurden nicht wieder neu eröffnet. Die Zahl hat sich also halbiert, es ist dramatisch. Und wir gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung fortsetzt.

Was wäre der Hebel, um etwas zu ändern? Und wo sollte man beginnen?

Der Schlüsselbegriff heißt Innovation. Bei den Wirten auf dem Land herrscht aber zum Teil regelrechte Depression. Die Leute sind frustriert.

Warum denn?

Es gibt ein Auseinanderfallen: Auf der einen Seite die typische, familiengeprägte Gastronomie auf dem Land und auf der anderen Seite die veränderten Erwartungen von Gästen. Mit Publikum nur aus dem Ort kann man auf dem Land heute kein Gasthaus mehr am Leben halten. Und damit Leute auch von außerhalb kommen, muss zum einen die touristische Vermarktung des ländlichen Raumes verbessert werden. Zum anderen braucht die Gastronomie selbst neue Impulse, sie braucht Innovationen. Das geht nur über Qualitätsbewusstsein und mit Besinnung auf das Gute im Regionalen.

Investitionsstau und Notwendigkeit, sich neu zu erfinden, das ist eine unschöne Gleichzeitigkeit. Wie kann ein Wirt sie überwinden?

Was er aus eigener Kraft tun kann, ist in der Regel begrenzt. Die meisten Betriebe auf dem Land sind Eigentum des Betreibers. Das klingt erst einmal gut, heißt aber, dass so gut wie immer das gesamte Kapital in dem Objekt steckt, also auch die Altersvorsorge. Und der Plan, die Immobilie zur Finanzierung des Lebensabends zu verkaufen, wird heute nicht funktionieren. Das führt dazu, dass viele Wirte auch mit 65, 70 Jahren weiterarbeiten. Sie tun das mit Herzblut, aber eben auch, weil es anders gar nicht geht.

Sind sie auch so etwas wie Opfer des Immobilienmarktes?

Ja. Sie können in den Dörfern heute die schönsten Häuser unglaublich günstig kaufen, auch öffentliche Gebäude wie ehemalige Schulen zum Beispiel. Und wenn einer auf dem Land Gastronomie betreiben will: Das muss er mit der Bereitschaft tun, zu investieren, in neue Küchentechnik- und Ausstattung vor allem. Er braucht einen Businessplan, er braucht Zeit und er braucht die Bereitschaft, sich außerhalb der energetischen Zentren auch wirklich niederzulassen, ...

... er braucht ein Konzept...

... ja, und da fängt es an. Man muss sich mit der Region beschäftigen, muss das kulinarisch umsetzen und auch im Ambiente, und es muss zusammenpassen und glaubhaft sein. Regionalität ist kein kurzfristiger Trend, sondern ein Thema, das uns die nächsten Jahre begleiten wird. Das ist eine Sparte der Gastronomie, die sich beständig positiv entwickelt. Aber es muss eben gut gemacht sein.

Um dem Ärztemangel auf dem Land zu begegnen, gibt es eine Reihe von Maßnahmen, bis hin zu Stipendien für Medizinstudenten, die sich später als Hausärzte in ländlichen Regionen niederlassen. Braucht man Förderprogramme für die Gastronomie auf dem Land?

Davon sind wir fest überzeugt. Es gibt ja Förderprogramme für den ländlichen Raum, sie müssen allerdings genauer zugeschnitten werden. Was wir als Hotel- und Gastronomieverband anstreben, ist so etwas wie ein neues Bewusstsein. Es muss wirklich gewollt sein, eine ländliche Kultur, auch eine gastronomische ländliche Kultur, zu bewahren. Von ihr gehen viele soziale Verknüpfungen aus, die lebensnotwendig sind und die nicht verschwinden dürfen. Abgesehen davon: Eine Welle zurück aufs Land wird ganz bestimmt kommen, erste Anzeichen dafür gibt es schon. Und es darf nicht sein, dass bis dahin die gesamte Infrastruktur zerstört ist, dass es keine Ärzte mehr gibt, keinen Einzelhandel, keine Gasthäuser, keine Kirchen, keine Schulen. Je mehr Strukturen kaputt sind, desto schwieriger und teurer wird es, sie später wieder aufzubauen.

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