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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Viel zu organisieren Schuften für den Abi-Ball

 ·  Als ob das Abitur nicht schon Stress genug wäre. Wer im Ball-Komitee mitmacht, muss nebenbei Tickets verkaufen, Räume und Programm organisieren.

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Um zwanzig nach elf steht Caroline Winter immer noch alleine im Foyer des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums am Zoo. Die sportliche junge Frau hat ihre Tasche auf eine Holzbank geworfen, in der Hand hält sie ein Bündel von 400 Papierkarten. Es sind die Tickets für den Abiball. Zwischen 11 und 12 Uhr wollte sie die Karten eigentlich verkaufen, das hatte das Organisations-Komitee auf Facebook angekündigt. Bis jetzt hat sich aber noch keiner ihrer Mitschüler blicken lassen. „Manchmal frage ich mich auch, warum ich das alles mache“, seufzt die Neunzehnjährige. „Aber ich will halt einen schönen Abiball.“

Nachdem alle Prüfungen überstanden sind, feiern die meisten Gymnasien in dieser Woche ihre Abibälle. Dem geht meist eine lange Planung voraus, die Schüler organisieren ihre Abschlussfeiern selbst - parallel zu Lern- und Prüfungsstress. In der Regel sind es kleine Gruppen besonders engagierter Schüler, die sich in den Komitees treffen.

Mündliche Prüfungen gab es auch noch

Im ersten Stock der Ernst-Reuter-Schule I läuft ein junger Mann den Gang hinunter, er trägt einen blauen Bademantel. Eine andere Schülerin sitzt im grünen Pyjama an einem Tisch. Die beiden Abitur-Klassen - weil die Schulzeit auf acht Jahre verkürzt worden ist, stehen 2012 sowohl der zwölfte als auch der dreizehnte Jahrgang vor den Abschlussprüfungen - veranstalten eine Art Motto-Woche, die Schüler müssen sich verkleiden. An diesem Dienstag ist das Thema „Verschlafen”, es folgen die Themen „Assis versus Nerds” und „Overdressed”. Zum Abi gehört längst nicht nur der Ball, es gibt auch den traditionellen Abi-Streich, ein Abi-Buch, ein Abi-T-Shirt, eine Abi-Fahrt - und an der Ernst-Reuter Schule I eben auch die Motto-Woche.

Markus Sopicki ist Mathematiklehrer und Oberstufen-Betreuer, etwas früher am Morgen hat er die Abschlussnoten eingetragen, jetzt sitzt er in einem Konferenzzimmer am Ende des Flurs und beobachtet seine Schüler im Foyer durch die große Glasfassade. Er lacht und meint: „Also an Energie fehlt es ihnen wirklich nicht.“ Immerhin müssten die Abiturienten ja alle noch in die mündlichen Prüfungen, nebenbei träfen sich die besonders Engagierten einmal in der Woche zum Abiball-Komitee. Während der Sitzungen überlegen sie, wo die Feier überhaupt stattfinden soll, diskutieren über Getränkekarte, Menü und Rahmenprogramm, suchen nach möglichen Sponsoren.

Richtig mit anpacken

Neben Sopicki sitzt eine junge Frau - auch sie im Schlafanzug - auf der Stirn eine rosafarbene Schlafbrille, wie man sie im Flugzeug trägt, vor ihr auf dem Tisch ein Smartphone - ebenfalls in rosa. Anja Scharpf ist Mitglied im Abiball-Komitee, sie spricht schnell, ohne Punkt und Komma, es gibt so viele Dinge, die bedacht werden wollen. Gerade haben sich die Schüler für den Saalbau Titus-Forum am Nordwestzentrum entschieden: „Sogar die Tischdecken müssen eine Feuerschutznorm erfüllen”, sagt die Zwanzigjährige und guckt dabei ein wenig ungläubig. Die Teelichter dürfen nicht ungeschützt abbrennen, nun wird es wahrscheinlich Schwimmkerzen in Gläsern geben, auch die Stühle und Tische müssen so aufgebaut werden, dass ausreichend Platz für Fluchtwege bleibt.

Mathelehrer Sopicki hat den Abiturienten schon vor Wochen seine Unterstützung angeboten, der Siebenunddreißigjährige nimmt an den Treffen des Komitees teil, gibt den Schülern Tipps und wird ihnen auch beim Auf- und Abbau helfen: „Ich werde auf jeden Fall ein Handtuch und was zum Umziehen mitnehmen, damit ich richtig anpacken kann”, sagt er und grinst. Anja ist dankbar für die Hilfe, trotzdem bleibt der größte Teil der Arbeit an ihr und ihren Kollegen aus dem Komitee hängen: „Es gibt ständig neue Sachen zu bedenken und zu besprechen - dafür opfern wir echt viel Zeit alle.”

„Muss ich genau so viele Karten kaufen, wie ich bestellt habe?“

Caroline Winter hat die erste Abiball-Karte verkauft. Vom Foyer des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums ist sie in den Pausenhof hinüber gelaufen, jetzt sitzt sie mit vier Mit-Abiturienten in der Sonne auf einer Rundbank, eine Mitstreiterin aus dem Komitee ist dabei, die anderen drei sind wegen der Karten gekommen. 94 Schüler gibt es im Abi-Jahrgang, aus Platzgründen darf erst einmal jeder nur fünf Karten bekommen. Weil aber nicht alle ihr Kontingent ausschöpfen, können manche Schüler auch mehr Freunde und Verwandte mitbringen.

Der nächste Abiturient kommt auf Caroline zu, er trägt eine kurze, rote Sporthose und grinst die Mädchen an. „Muss ich genau so viele Karten kaufen, wie ich bestellt habe?“, fragt er. Wie viele das denn wären, fragt Caroline. „Na acht - für mich, für Oma, Opa, nochmal Opa, Mutter, Vater, Schwester und Tante.“ Ein paar Meter weiter steht ein anderer junger Mann, er hat schon eine Karte gekauft. „Ich habe extra meinen Urlaub umgebucht“, sagt er, „der Ball ist mir echt wichtig“. Entscheidend sei für ihn, dass der ganze Jahrgang noch einmal zusammenkomme, bevor viele sich wahrscheinlich nie wieder sehen - so einen Ball gebe es eben nur ein einziges Mal. Warum weder er noch irgendein anderer Junge sich dann im Komitee engagierten? „Hmm, gute Frage“, sagt er und überlegt kurz. „Ich glaube, das liegt den Mädchen einfach mehr. Das ist vielleicht auch der Traum, einmal Prinzessin zu sein.“

Ein bezahlbarer Raum musste gefunden werden

Ein paar Wochen später, nachmittags um 16 Uhr. Anja und vier ihrer Freundinnen aus dem Abiball-Komitee der Ernst-Reuter-Schule I sitzen an einem Tisch vor der Starbucks-Filiale im Nordwestzentrum. Vor ihnen ein paar Becher Eiskaffee und ein dickes Bündel mit orangenfarbenen Abiball-Karten. Über 500 waren es am Anfang insgesamt, jeder der 180 Schüler darf drei Karten kaufen, jede kostet 21 Euro. Die meisten werden ihre Eltern mitbringen. „Naja, es gibt schon viele, die lieber mehr Karten haben würden. Eine Mitschülerin von uns hat alleine acht Geschwister”, sagt Anja.

In erster Linie sei es aber darum gegangen, einen bezahlbaren Raum zu finden. Der Saalbau Titus-Forum sei zwar etwas klein. „Dafür sind die 21 Euro aber ein fairer Preis”, sagt eine Mitschülerin. Wer sich die Karten trotzdem nicht leisten kann, der bekommt sie günstiger, das wird am Ende mit den Einnahmen verrechnet. Drei bis fünf Mal wird es eine solche Ausnahme geben in diesem Jahr.

Wer putzt am Ende den Saal?

Die Mädchen diskutieren. Der Raum ist gebucht, auch das Catering steht. Es wird Glasnudelsalat geben,Tomatensalat mit Mozzarella und eine Räucherfischplatte: „Wichtig ist, dass die meisten Gerichte vegetarisch sind oder eben halal”, erklärt Nadine, eine von Anjas Mitschülerinnen. Viele Abiturienten kämen nämlich aus muslimischen Familien. Die größten Probleme bereitet dem Komitee aber noch das Programm für den Abend. „Wir haben noch keinen DJ”, sagt eine. „Wie ist das jetzt mit der Salsa-Tanzeinlage?”, fragt eine andere, „und wie machen wir das eigentlich mit dem Sektempfang?“

Anjas größte Sorge ist, dass am Ende alles an ihr und ihren Freundinnen vom Komitee hängen bleibt und sie sich auch noch alleine darum kümmern müssten, die Tische abzubauen und den Saal zu putzen - noch in der Nacht nach dem Ball müssen sie das Titus-Forum wieder an den Hausmeister übergeben. „Na ja, oder dass halt irgendetwas nicht klappt mit der Feier und dass wir dann dafür verantwortlich gemacht werden.” Die anderen Mädchen nicken. Kritisieren könnten alle im Jahrgang nämlich ziemlich gut - ein Lob für ihr Engagement bei der Planung hörten sie dagegen selten: „Dass man auch mal etwas richtig gut gemacht hat, das sagen einem nur wenige - und dass sind auch eigentlich immer dieselben”, sagt eines der Mädchen. Wieder nicken die anderen.

Bei allem Stress und aller Mühe - auf den Ball zu verzichten, auf die Idee kämen die vier jungen Frauen nicht. „Wir kennen uns jetzt alle unser halbes Leben lang”, sagt Anja. „Da muss man sich doch auch richtig voneinander verabschieden.”

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