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Veröffentlicht: 07.01.2013, 23:23 Uhr

Videotheken-Betreiber Und kein Film wird ausgemustert

Seit 22 Jahren kauft Bernd Puschmann für seine Videothek in Frankfurt alles, was auf DVD und Video zu haben ist. Wer will, kann bei ihm auch Klassiker wie „Die Vögel“ ausleihen.

von Moritz Mihm
© Wresch, Jonas Archivar der Daten, Herr der Filme: Bernd Puschmann in seiner Frankfurter Videothek

Bernd Puschmann sieht sich selbst nicht als Filmfanatiker: „Vielleicht einen Film je Woche, mehr gucke ich nicht“, sagt er. In seiner Videothek hat er auch absichtlich keine Cineasten angestellt. Die hätten zwar Ahnung von Filmen, aber in der Regel wenig Interesse am Geschäft. Er selbst kennt sich besser mit den Filmtiteln, Regisseuren und Schauspielern, Einspielergebnissen und Veröffentlichungsterminen aus. Seit 22 Jahren betreibt Puschmann eine Videothek im Frankfurter Nordend. Im Laufe dieser Zeitspanne hat er eine Sammlung mit mehr als 42.000 Filmen aufgebaut, die auf gut 70.000 Videos, DVDs und Bluray-Discs in den Regalen seines Geschäfts namens Video-City stehen. Damit verwaltet er das größte private Filmsortiment im Rhein-Main-Gebiet und eines der größten in ganz Deutschland.

Puschmann urteilt nicht. Er kauft alles, was auf den Markt kommt: egal, ob amerikanischer Blockbuster, britischer B-Movie, französischer Arthouse-Streifen oder iranisches Low-Budget-Projekt. Nur ein paar ganz schlechte amerikanische Horrorfilme der vergangenen Jahre habe er nicht mehr erworben.

„Die Vögel“ inklusive

In seiner Videothek finden sich, gleich hinter dem Gang mit nicht nur amerikanischer Serien, Regale mit russischen und arabischen Produktionen. Das Gros seines Sortiments hat er immer noch im Laden, ein paar Videos habe er aber inzwischen dann doch in den Keller ausquartieren müssen. Die dünnen Datenträgerscheiben DVD und Bluray nehmen eben auch viel weniger Platz weg als eine Videokassette.

Im Gegensatz zur Konkurrenz behält er auch alle Filme im Programm: Die meisten Videotheken sortierten für jede neue DVD, die sie ins Regal stellten, eine alte aus, meistens die, die am seltensten geliehen werde. Das treffe dann häufig alte, aber trotzdem gute Filme, wie zum Beispiel Hitchcocks „Die Vögel“. Egal, wie gut oder schlecht ein Film ist, wie gut oder schlecht er sich verleiht, Puschmann behält ihn im Programm, denn vielleicht kommt eines Tages jemand, der ihn sehen möchte.

Doch auch für Video-City laufen die Geschäfte nicht mehr so gut wie früher. Illegale Streaming-Portale und legale Video-On-Demand-Programme machen das Geschäft der klassischen Videotheken kaputt, wie Puschmann sagt. Früher hätten Videotheken teilweise 20 bis 30 Kopien eines Films gekauft, heute seien es nie mehr als zehn, sagt Puschmann. Allein im vergangenen Jahr schlossen in Deutschland nach Angaben des Video- und Medienfachhandel Deutschland (IVD) 312 Videotheken, im Schnitt sechs je Woche. Puschmanns Geschäft rentiert sich gerade noch so, die große Auswahl ist seine Nische. Bei ihm gebe es viele Filme, die man im Internet nicht bekommen könne, sagt er.

Lieber im Geschäft als daheim

Seine Kunden kommen aus der ganzen Region in sein Geschäft am Sandweg, andere lassen sich mit hohem Aufwand vollkommen unbekannte oder nicht besonders gute Filme schicken, die sie zum Beispiel beim ersten Treffen mit der zukünftigen Frau vor 37 Jahren im Kino gesehen haben, wie Puschmann berichtet. Eine Produktionsfirma ließ sich von ihm das alte Video ihres eigenen Films schicken, um die Tonspur für die neue DVD zu verwenden. Es sind diese Geschichten, die den 67 Jahre alten Filmfachmann weiterarbeiten lassen.

Er könnte längst in Rente gehen, aber was solle er zu Hause? Viele seiner Kunden kenne er schon seit zwanzig Jahren, sagt Puschmann. Heute komme der einzelne Kunde seltener, sei auch wählerischer geworden, habe weniger Zeit für Filme. Woody Allen sehe sein meist bürgerliches Publikum besonders gern. Die größte Herausforderung für ihn und seine Kollegen sei es, Filme zu empfehlen. Das sei schwierig, weil jeder Mensch einen anderen Geschmack habe.

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Seine Mitarbeiter verbringen viel Zeit damit, ihre Filme in den Regalen zu sortieren: nach Schauspielern, Regisseuren, Oscar-Gewinnen und der Aufführung auf kleineren Festivals. Puschmann hingegen ist eher der Archivar: Sobald ein Film in den Medien auftaucht, egal, ob er erst produziert, auf einem kleinen Festival oder in den großen Multiplex-Sälen aufgeführt wird, nimmt er alle verfügbaren Informationen in seine Datenbank auf. In diesem Online-Archiv sind sämtliche Filme zu finden, die er schon im Angebot hat oder haben will, sobald der Film auf DVD erscheint.

Doch die Produktionsfirmen legen den Videotheken immer öfter Steine in den Weg. Gab es früher in der Regel noch Verleihversionen einer DVD vor der Kaufversion, haben einige Firmen inzwischen den Spieß umgedreht: Bevor ein Film in der Videothek verliehen werden darf, gibt es ihn ein paar Wochen ausschließlich als Kaufversion im Laden. Viele Kunden verstünden nicht, dass sie einen Film bei ihm nicht leihen könnten, obwohl sie ihn schon im Laden gesehen hätten, sagt Puschmann.

Keine Abteilung mit „ab 18“-Filmen

Das Erotikgeschäft hat er inzwischen ganz aufgegeben. Die Konkurrenz aus dem Internet ist einfach zu groß. Früher hatte er einen zweiten Laden für Porno- und Erotikfilme. Eine Abteilung mit „ab 18“-Filmen gibt es in seinem Geschäft nicht. Indizierte Filme, die nicht öffentlich beworben werden dürfen, hat er unter der Theke. Wer sie ausleihen möchten, muss gezielt danach fragen.

Video-City ist eine Familien-Videothek, das ist Puschmann wichtig. Das Schöne an einem Laden sei doch, dass man durch die Gänge schlendern, ein Cover aus dem Regal nehmen, die Rückseite lesen, es zurückstellen und weiter suchen könne, um vielleicht etwas zu finden, womit man überhaupt nicht gerechnet habe, wie in einer guten Buchhandlung. Doch auch bei ihm werden Kunden nicht ewig diese Möglichkeit haben. Fünf Jahre gibt er seinem Geschäft noch. Dann, sagt Puschmann, wird auch sein Laden schließen müssen.

Quelle: F.A.Z.

 

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