„Dann schauen wir mal“, sagt Christoph Kober und sein rechter Arm verschwindet bis zur Schulter im Hinterteil von Resi. „Nichts“, stellt er fest, und die Mundwinkel des Landwirts, den Schwanz des zappelnden Rindes fest im Griff, sacken nach unten. Er hatte auf eine Trächtigkeit des Tieres gehofft. „Da muss der Bulle noch mal ran“, murmelt der Bauer, während der Doktor sich schon das nächste Tier vornimmt. Beate, Rosi, Blacky und Maja stehen dicht an dicht, ihre Körper dampfen in der Winterluft, jemand hat die Namen der Rinder in krakeliger Schrift auf Tafeln über ihren Plätzen im Stall geschrieben.
„Solche Betriebe gibt’s nicht mehr viele“, sagt Kober, während er über den Hof zurück zu seinem Auto eilt, den blassgrünen Handschuh vom Arm streift und einen Abschiedsgruß in Richtung Stall ruft. Drei Generationen der Bauernfamilie hantieren dort mit Mistgabel und Schubkarren. Ein zotteliger Schäferhund bellt halbherzig, auf dem Hof liegen festgefrorene Hundehaufen, daneben haben Katzen einen angefressenen Mäusekadaver abgelegt. Von Landidylle keine Spur. „Viele Höfe existieren am Existenzminimum“, sagt Kober, lenkt den silbergrauen Mercedes vom Hof und dreht die Heizung hoch.
Seit 26 Jahren Tierarzt
Es ist ein kalter Samstagmorgen, an dem ständig das Telefon klingelt: Ein Bauer hat nach einer Zwillingsgeburt Schwierigkeiten mit der Nachgeburt einer Kuh, ein anderer will wissen, ob es mit der Besamung noch klappt, und eine Katzenbesitzerin meldet sich für die Sprechstunde am Mittag an. Max sitzt auf dem Rücksitz und quengelt über die Kälte. Er begleitet heute den Vater, weil die Mutter an einer Fortbildung für Zahnärzte teilnimmt.
Seit 26 Jahren ist Kober Tierarzt in Büdingen und Umgebung. Eine lange Zeit, in der sich viel geändert hat. Nach und nach sind die kleinen Höfe aufgegeben worden, der Strukturwandel der Landwirtschaft hat die entlegensten Dörfer erreicht. „Es gibt immer weniger Betriebe mit immer größeren Beständen“, sagt Kober. Deshalb gehe es nicht mehr um einzelne erkrankte Tiere, sondern um wirtschaftlich kalkulierte Bestandsbetreuung. Den Doktor und das liebe Vieh gebe es schon lange nicht mehr.
Fast nur Frauen in den Hörsälen
Von Nutztieren allein könnte er als Arzt nicht leben. Das war einmal anders: Als der gebürtige Münchner 1986 die Praxis in Büdingen übernahm, machten Rinder und Schweine zwei Drittel seines Umsatzes aus, gelegentlich behandelte er auch Kleintiere. Mittlerweile hat sich das Verhältnis umgedreht. Hunde, Katzen und Heimtiere stellen den Hauptteil seiner Patienten, Großtiere machen nur noch ein Drittel seiner Einnahmen aus. Kober bedauert das - und ist damit recht allein. Denn es ist nicht nur der Wandel der Landwirtschaft, der die klassischen Großviehärzte verschwinden lässt. Es mangelt auch schlicht an Nachwuchs. Mancherorts herrscht tierärztlicher Notstand in den Ställen. Zwar ist Veterinärmedizin ein beliebter Studiengang. Doch die meisten Hochschulabsolventen zieht es in Kleintierpraxen, wo die Arbeitszeiten geregelter sind, mit weniger Aufwand mehr Geld zu verdienen und das Verhältnis zum Tier weniger rauh ist.
Hinzu kommt, dass in den Hörsälen der tiermedizinischen Fakultäten vor allem Frauen sitzen - an der Universität Gießen betrug ihr Anteil zu Beginn des vergangenen Semesters knapp 85Prozent. Kober findet das problematisch, plädiert für eine Männerquote im Studiengang und eine Gehaltsanhebung in der Praxis, um die Attraktivität des Berufs für karriereorientierte Männer zu steigern. Die meisten Frauen stünden irgendwann vor der Frage der Familienplanung. „Die aber lässt sich nur selten mit einem 24-Stunden-Job vereinbaren, wie ihn ein Landtierarzt hat.“ Tatsächlich gilt in seinem Beruf: Feierabend Fehlanzeige. Das Handy ist immer an - und es klingelt gerne nachts und am Wochenende.
Jede Menge Richtlinien
Die nächste Station von Kobers Tour ist eine kleine Metzgerei mit eigener Schlachtung in der kleinen Wetteraugemeinde Limeshain. Gestern hat er dort sechs lebende Schweine untersucht. Jetzt hängen die mit einer Säge halbierten Tiere an eisernen Haken im Schlachtraum. Vereinzelt tropft noch dunkelrotes Blut auf die weißen Fließen, in einer Ecke steht eine Plastikschüssel mit Eingeweiden. Kober greift beherzt hinein, untersucht die Gedärme auf Parasiten oder auffällige Veränderungen. Unter seinem Arm klemmt ein langes Messer, in den weißen Gummistiefeln und dem Kittel sieht er selbst ein wenig nach Schlachter aus. Das Veterinäramt hat ihn mit der Fleischbeschau beauftragt, alles wird genau protokolliert.
Mit prüfendem Blick inspiziert der Tierarzt zum Beispiel die Lymphknoten in den Schweinehälften, sucht nach Hinweisen auf Krankheiten und schneidet bei jedem Tier ein Stück des Zwerchfells heraus, das er in kleine Tüten packt. Die Proben werden auf Trichinen untersucht - Muskelparasiten, die für Menschen gefährlich sein können. Das Ergebnis muss abgewartet werden, bevor das Fleisch verarbeitet werden darf, aber es scheint alles in Ordnung zu sein. Kober füllt einige Papiere aus und drückt einen Stempel auf die blutig-nackte Schweinehaut. „EU-Vorgabe“, sagt er, da gebe es jede Menge Richtlinien. Hier haben die Tiere keine Namen, sondern Nummern.
Vorzüge des urbanen Lebens
In der Küche des Metzgers wird Kober erwartet. Man hat dem „Herrn Doktor“ frische Rindswürste warm gemacht. Max, der sieben Jahre alte Sohn, ist schon bei der zweiten Portion, während der Metzger gegen die „blödsinnige EU“ und „den Dicken vom Veterinäramt“ wettert. Später erklärt Kober, dass viele kleine Metzgereien vor der Flut an Vorschriften in Sachen Lebensmittelhygiene und Verbraucherschutz kapituliert hätten. Es blieben industrielle Schlachthöfe, die Fleisch am Fließband liefern.
Einige Hofbesuche später macht Kober sich auf den Rückweg in seine Praxis. Während er über holprige Feldwege und kurvenreiche Landstraßen fährt, sucht er nach weiteren Gründen für den Mangel an Landtierärzten. „Die meisten Studenten kommen heute aus der Stadt und wollen die Vorzüge eines urbanen Lebens nicht für ihren Beruf aufgeben.“ Aber die Arbeitszeiten seien wohl das Hauptproblem. Kober arbeitet 60 bis 80Stunden in der Woche, hinzu kommen Not- und Bereitschaftsdienste.
„Vermutlich wird mein Nachfolger nur noch Kleintiere machen“
Aber es gibt auch Lösungsansätze. Bauernverbände, Bundestierärztekammer und Universitäten bemühen sich, mit Praktika mehr Tierärzte für die Arbeit auf dem Land zu gewinnen. Auch Praxisgemeinschaften oder Kooperationen können dazu beitragen, geregeltere Arbeitszeitmodelle zu realisieren. „So wird wohl die Zukunft aussehen“, meint Kober.
In seiner Praxis ist das Wartezimmer voll. Katzen schauen ängstlich durch die Gitterstäbe der Transportboxen, Hunde mit Halskrausen und bandagierten Pfoten hecheln aufgeregt zu Füßen ihrer Besitzer. Sogar zwei Frettchen warten auf die Impfung. Kober zieht die Gummistiefel aus, tauscht den grünen gegen den weißen Kittel und bespricht sich kurz mit seiner Helferin. Die Kleintierpraxis ist eine andere Welt. Der Nutzen der Tiere liegt nicht in der Milch- oder Fleischleistung. Mancher Vierbeiner ist zum Familienmitglied oder gar zum Menschersatz geworden. „Da bin ich nicht nur Tierarzt, sondern vor allem Psychologe“, sagt Kober.
Zehn Jahre will der 55 Jahre alte Tierarzt etwa noch arbeiten, dann sei es genug. Die Zukunft seiner Praxis sieht er ebenso gelassen wie realistisch: „Vermutlich wird mein Nachfolger nur noch Kleintiere machen.“ Max jedenfalls will nicht in die Fußstapfen des Vaters treten. Er möchte Schlagzeuger werden.