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Vertriebene-Vertreter : Der Bund der Aussterbenden

Jurist, Schnell- und Vielredner: der hessische BdV-Landesvorsitzende Siegbert Ortmann Bild: Michael Kretzer

Die Zahl derjenigen, die nach dem Krieg die Vertreibung aus dem Osten selbst erlebt haben, wird immer kleiner. Das bekommt der Bund der Vertriebenen in Hessen zu spüren. Aufgeben will der Vorsitzende nicht, aber so wie bisher geht es auch nicht weiter.

          Über den Anruf neulich hat sich Siegbert Ortmann kolossal geärgert. Beim Vorsitzenden des Vertriebenen-Bundes in Hessen meldete sich ein etwa 70 Jahre alter Unternehmer, den er nicht kannte. Der Mann behauptete, er brauche dringend Hilfe. Sein Vater sei gestorben und habe ihn zum Alleinerben gemacht. Zu dem Erbe gehöre ein früheres Haus der Familie im Sudetenland, im heutigen Tschechien. Er benötige deshalb möglichst rasch Tipps, wie er seine Ansprüche geltend machen könne. Ortmann war kurz sprachlos. Dann wies er die Bitte ab. „Wir sind keine Rechtsschutzorganisation für Vertriebene“, sagt er. Erst recht nicht für Leute, die sich für die Sache der Heimatvertriebenen erst einsetzen, wenn es um ihr Erbe geht.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wer Siegbert Ortmann, 76 Jahre alt, Jurist, große schwarze Brille, im „Haus der Heimat“ in Wiesbaden so reden hört, ist erstaunt. Denn was der frühere CDU-Landtagsabgeordnete zum Besten gibt, deckt sich nicht mit dem, wofür der Bund der Vertriebenen viele Jahre lang stand. Von Revisionismus und Vergangenheitsfixierung ist bei ihm keine Spur. So hat der Mann, der 1946 mit seinen Eltern und Geschwistern aus dem Örtchen Dobrany im Sudetenland vertrieben wurde, das Thema Entschädigung nach eigenen Worten „längst abgehakt“.

          Damit ist er nicht alleine. Er sagt: „Die Leute, die sagen ,Ich will mein Häuschen wiederhaben‘, sterben aus.“ Ortmann will weder Unrecht aufrechnen noch Vorurteile pflegen. Und auf die Frage, ob der Bund der Vertriebenen demnächst eine Landsmannschaft heimatvertriebener Syrer aufnehmen könnte, antwortet er: „Warum denn nicht? Religion spielt für mich keine Rolle.“

          Beispielhafte Lebensgeschichte

          Um zu verstehen, warum sich der 1940 geborene Jurist in einem Ehrenamt einsetzt, als ginge es um einen Vollzeitjob, muss man seine Lebensgeschichte kennen. Sie steht beispielhaft für viele Deutschstämmige, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen mussten, weil Hitlers „Drittes Reich“ den Krieg verloren und Europa in Schutt und Asche gelegt hatte. Der Anteil überzeugter Nationalsozialisten unter den einst im Osten lebenden Deutschen dürfte damals nicht höher gewesen sein als im Rest der Bevölkerung. Dafür büßten sie für den furchtbaren Krieg und die schrecklichen Verbrechen am härtesten – indem sie fast alles verloren.

          Ortmann, ein Schnell- und Vielredner, der nicht immer genau zuhört, weiß noch, wie es damals war im Sudetenland. Seine Großmutter war Tschechin, die Eltern waren Deutsche. Nach dem von den Nationalsozialisten im Münchner Abkommen erzwungenen „Anschluss“ des Sudetenlands 1938 wurde Ortmanns Vater, ein NS-Parteimitglied, Notar für einen Teil des neuen Reichsgebiets. Der Mann, der später als „Mitläufer“ eingestuft wurde, zog daraufhin mit seiner Frau und Ortmanns älterer Schwester Sonhilde in ein großes Haus in Dobrany. Der Name des Örtchens wurde 1939 durch das frei erfundene „Wiesengrund“ ersetzt. Ortmann schätzt, dass damals etwa 45 Prozent der Einwohner Deutsche waren. Er dürfte einer von wenigen sein, die Wiesengrund als Geburtsort in ihrem Ausweis tragen.

          Sein Vater musste Ende 1941 in den Krieg. Weil er mehrere osteuropäische Sprachen konnte, arbeitete er als Dolmetscher für Armee-Stäbe. Den Krieg verbrachte sein Sohn Siegbert mit Mutter, Schwester und dem jüngeren Bruder Friedrich im Sudetenland.

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