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„Der Prozess“ in Mainz : Verstörende Begegnung mit dem eigenen Selbst

  • -Aktualisiert am

Szene aus „Der Prozess“ am Mainzer Staatstheater Bild: Andreas Etter

Wir sind allein: Als Reise in das Innere des Josef K. zeigt Jakop Ahlbom am Mainzer Staatstheater „Der Prozess“ nach Franz Kafka.

          Die Bühne ist der Star. Was Katrin Bombes ausgeklügelte Bildästhethik im Verbund mit Katrin Wolfermanns Kostümen für diesen eindrucksvollen Kafka-Abend leistet, schmälert zwar die übrigen, vor allem die schauspielerischen Leistungen nicht, ist aber dennoch der dominierende, für die Überzeugungskraft dieser Romanadaption entscheidende Faktor. Dem Regieteam um Jakop Ahlbom, der zusammen mit der Dramaturgin Malin Nagel auch die Textfassung erstellte, ist etwas Seltenes gelungen: die Auflösung und Verwandlung von Kafkas Sprache in Seelenbilder.

          Franz Kafkas Roman „Der Prozess“, schon 1915 entstanden, aber erst zehn Jahre später veröffentlicht, zählt zu den Schlüsseltexten der literarischen Moderne. Die Abhängigkeit des Individuums von anonymen Mächten, die Undurchdringlichkeit der bürokratischen Hierarchien, das gottlose Geworfensein des Menschen in eine ihm feindlich gesinnte Welt, dies und vieles mehr steckt in dem Weg, den der Bankprokurist Josef K. von seiner Verhaftung bis zur Hinrichtung zurücklegt.

          Wie ein übergroßes Kameraobjektiv

          Im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters beginnt und endet dieser Weg im kleinsten und engsten der Guckkästen, die, ineinander verschachtelt, bis an den Bühnenrand gebaut sind. Wie ein übergroßes viereckiges Kameraobjektiv gleiten die Kästen vor und zurück, eröffnen schmale Rampen und enge Räume, in denen sich Menschen in grauen Anzügen bewegen. Alle sehen sie gleich aus, tragen blondes Haar mit strengem Seitenscheitel, ein gesichts- und namenloses Heer von Angestellten. Bisweilen muss man genau hinschauen, ehe man Sebastian Brandes, der den Josef K. als durchaus kämpferische, selbstbewusste Natur verkörpert, unter den geklonten Eben-nicht-Individuen erkennt.

          So wird auch der Ort, an dem Jakop Ahlboms Inszenierung in letzter Konsequenz spielt, erkennbar. Es ist nicht die reale Welt des altösterreichischen Bürokratie-Labyrinths, es ist kein metaphysisch-göttliches Gericht, das uns, wie eine der Interpretationen der berühmten „Türhüter“-Parabel lautet, ganz persönlich haftbar macht für unser verfehltes irdisches Leben. Es ist vielmehr das von Ängsten, Trieben, Sehnsüchten und Schuldgefühlen beherrschte Innere des Josef K. Alles, was er trifft, ist in ihm selbst, es gibt in diesem Mainzer „Prozess“ kein Außen, nur eine knapp zweistündige, unaufhaltsam auf das schlimme Ende zutreibende Begegnung mit dem eigenen Ich.

          Untermalt von drängender Musik (Wim Conradi) und suggestiven Licht- und Videoeffekten, sieht man sich in einen surrealen Albtraum versetzt, ebenso verstörend wie mitreißend. Natürlich sprechen die Figuren immer wieder Kafkas hypertaktisch gewundene Dialoge; kaum ein Satz, der auf der Bühne geäußert wird, steht nicht so oder ähnlich im Roman. Und doch sind es vor allem immer wieder die pantomimischen Bewegungen der Schauspieler, die plausibel sichtbar machen, um was es geht. Da werden Stühle zu Klettergärten, werden Bücher auf dem Kopf balanciert, und kurz vor seinem Ende wird der Körper von Josef K. zu einem konvulsivisch, aber auch überaus akrobatisch zuckenden Etwas. Er hat die Welt des Logos hinter sich gelassen.

          Abgesehen von Monika Dortschy als sinistrem Advokaten im Rollstuhl und Nadja Simchen als Fräulein Bürstner und Mädchen wird dem Ensemble wenig Raum für individuelles Glänzen gegeben, zumal immer wieder Masken die Gesichtszüge verdecken. Alle Akteure stellen sich ganz in den Dienst dieser streng durchgetakteten Inszenierung, die freilich zum Ende hin da und dort ein wenig zu lang die starken Bilder auskostet und die Stringenz der ersten Stunde nicht durchweg hält. Doch das ist ein Nebeneinwand angesichts der Wucht, mit der hier eine mögliche der unendlich vielen Interpretationen von Kafkas „Prozess“ theatralisch umgesetzt wurde.

          Quelle: F.A.Z.

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