07.07.2005 · Frankfurt ohne die Sammlung Bock
Als vor anderthalb Monaten mehrere große Lastwagen vor dem Museum für Moderne Kunst in Frankfurt vorfuhren, fiel das niemandem weiter auf: Daß Kunstwerke aus diesem Haus als begehrte Leihgaben zu Sonderausstellungen reisen, kommt schließlich immer wieder einmal vor. Doch dieses Mal handelte es sich leider keineswegs um business as usual: Bei jenem Transport verließen etwa 500 Gemälde, Objekte und Installationen - wahre Herzstücke der Sammlung darunter - das MMK für immer.
Grandiose Arbeiten von Alighiero e Boetti oder Beat Streuli, die umstrittenen Fotografien von Noritoshi Hirakawa, aber auch Bruce Naumans Schlüsselwerk "Hanging Heads" oder ein bedeutendes Konvolut von Gemälden des belgischen Künstlers Luc Tuymans verschwanden auf Nimmerwiedersehen - die Verlustliste ist lang, prominent und außerordentlich bedrückend. Denn mit diesen und vielen anderen Werken besaß das Frankfurter Haus eine einzigartige und ganz unverwechselbare Sammlung zeitgenössischer Kunst, die sich dem leidenschaftlichen Spürsinn von Jean-Christophe Ammann, Museumsleiter von 1989 bis 2001, verdankte.
Schon zwei Jahre vor der Eröffnungsausstellung im Juni 1991 hatte er in Frankfurt mit dem - inzwischen ziemlich umstrittenen - Immobilienunternehmer und Sammler Dieter Bock eine persönliche Vereinbarung getroffen: Danach erhielt Jean-Christophe Ammann einen "größeren" Geldbetrag von Bock, um Kunstwerke für die Sammlung des MMK zu erwerben, die als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt wurden. Auch der Leihvertrag war an die Person Ammans geknüpft, der nun in den Jahren 1989 bis 1995 zahlreiche Werke oder Werkgruppen von insgesamt 29 Künstlern ankaufte. Und kaum jemand wußte, daß sich hinter der eigentlich so harmlos wirkenden Bildlegende "Erworben mit privaten Mitteln als Dauerleihgabe für das Museum für Moderne Kunst" Dieter Bock als Eigentümer verbarg - und daß diese "Dauerleihgabe" vertragsgemäß schon bald nach Ammanns Pensionierung endete.
Entsprechend war es eine ungute Überraschung für Udo Kittelmann, den Nachfolger von Ammann, und für den Frankfurter Kulturdezernenten Hans-Bernhard Nordhoff, als der heute in London lebende Bock ihnen vor einiger Zeit ankündigte, er wolle in absehbarer Zeit sämtliche in seinem Eigentum stehenden Kunstwerke, die er mittlerweile in seine "Olga und Dieter Bock-Stiftung" eingebracht hatte, endgültig aus dem Museum abziehen.
Nach langen Verhandlungen ist es Nordhoff jetzt gelungen, einige dieser Arbeiten, die auf ganz besondere Weise zur Identität des MMK gehören, von Dieter Bock zum "historischen Ankaufspreis" der Jahre 1989 bis 1995 zu erwerben und als öffentliches Eigentum auf - diesmal echte - Dauer für die Sammlung zu sichern. Und so bleiben nach dem jüngst gefaßten Frankfurter Magistratsbeschluß immerhin eine Reihe bedeutender Werke oder Werkgruppen von Rosemarie Trockel, Andreas Slominski, Rainer Ruthenbeck, Bernhard Härtter und Martin Honert in Frankfurt. Außerdem soll sich Bock dem Vernehmen nach bereit erklärt haben, 22 Arbeiten von Thomas Bayrle abermals als Leihgabe dem Museum zu überlassen.
Zahlreiche andere Werke sind aber nun auf dem Markt unterwegs, womit einige Künstler überhaupt nicht einverstanden sind: So hat Luc Tuymans, von dem Gemälde aus dem Frankfurter Museum für Moderne Kunst am 23. Juni in London versteigert werden sollten, eine einstweilige Verfügung gegen diese Absicht Bocks erwirkt. Als Argument soll David Zwirner, sein New Yorker Galerist, angeführt haben, daß der Künstler seine Werke damals explizit einem Museum verkauft habe.
An den Bildern von Tuymans oder Alighiero e Boetti zeigt sich aber auch überdeutlich, wie Dieter Bock das MMK gleichsam als Durchlauferhitzer benutzt hat: Tatsächlich haben diese Arbeiten in den vergangenen Jahren einen mehr als rasanten Preisanstieg erlebt. Dagegen haben die suggestive Kunst eines Udo Koch oder die verrätselten Computer-Zeichnungen des "Eselszyklus" von Manfred Stumpf - beides Frankfurter Künstler, die von Ammann außerordentlich geschätzt werden, auch heute noch keinen wirklich aufregenden Marktwert; dennoch sind sie aus dem MMK verschwunden.
Eine Hiobsbotschaft sei es für ihn gewesen und eine große menschliche Enttäuschung, was Dieter Bock anbelange, als er von diesen ganzen Vorgängen gehört habe, sagt Jean-Christophe Ammann. Er könne sich in der Rückschau nur den einzigen Vorwurf machen, daß er keine Einsicht in den Bockschen Stiftungsvertrag genommen habe. Und er bedauere den mangelnden Sinn
für Kontinuität, der sich hier offenbare: Er habe die Sammlung des MMK im Sinne eines Generationenvertrags aufgebaut; das Wort Lebenswerk vermied er. KONSTANZE CRÜWELL