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Verluste für RMV : Von Schwarzfahrern und Graufahrern

Fahrgäste in einer S-Bahn im RMV-Gebiet Bild: Helmut Fricke

Der Rhein-Main-Verkehrsverbund verliert jedes Jahr etwa 20 Millionen Euro durch Fahrgäste ohne Ticket. Jetzt kündigt er mehr Kontrollen an – darüber freut sich auch der Finanzminister.

          Fahrkartenkontrolleure teilen die Menschheit in drei Gruppen: in die ehrlichen Fahrgäste mit Ticket, die Schwarzfahrer ohne Fahrkarte – und die Graufahrer. Vor allem Letztere sind ein Problem für die Kontrolleure. Denn sie haben zwar ein Ticket, aber eines, das entweder nicht ausreicht oder vollkommen falsch ist. Theoretisch können die Prüfer jedem dieser Graufahrer ein „erhöhtes Beförderungsentgelt“ in Höhe von 60 Euro abverlangen. Aber ist es wirklich zielführend, zum Beispiel einen Touristen, der sich nicht auskennt und deshalb ein falsches Ticket gezogen hat, so zu bestrafen?

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nikolaus Benz belässt es in solchen Fällen bei einer freundlichen Ermahnung. Denn er und seine Kollegen vom Serviceteam des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV) verstehen sich nicht in erster Linie als Kontrolleure, sondern als Ansprechpartner für die Fahrgäste. Aber wie unterscheiden sie Grau- von Schwarzfahrern? Laut Benz ist das ganz einfach: Schwarzfahrer könnten eben gar keinen Fahrschein vorweisen, Graufahrer dagegen schon. Die wahre Schwierigkeit bestehe darin, echte Graufahrer und Fahrgäste voneinander zu unterscheiden, die nur so tun, als hätten sie unwissentlich ein falsches Ticket gekauft. „Doch in der Regel erkennen wir wirkliche Graufahrer schnell“, sagt Benz.

          Ein Finanzminister auf Schwarzfahrer-Suche

          Im Regionalzug nach Marburg, der um 15.30 Uhr den Frankfurter Hauptbahnhof verlassen hat, ertappt er mit seinen Kollegen weder Schwarz- noch Graufahrer. Dabei wollten die Servicehelfer doch dem hessischen Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) einmal zeigen, wie sie einerseits der Unsitte der Fahrgelderschleichung entgegentreten und anderseits dem Fahrgast als Helfer zur Seite stehen. Doch so geht es vermutlich Hessen oberstem Kassenwart oft: Wenn er auftaucht, nehmen alle aus der Schwarz-Welt Reißaus: Schwarzfahrer, Schwarzarbeiter, Schwarzgeld-Parker.

          Wie es für Minister mittlerweile in den großen Ferien üblich ist, begibt sich Schäfer in diesen Tagen auf diverse Sommerreisen zum Volk. In diesem Fall zum fahrenden Volk der Pendler und Zugreisenden. RMV-Chef Knut Ringat hat Schäfer eingeladen. Zusammen mit Klaus Vornhusen, dem Konzernbeauftragten der Deutschen Bahn AG in Hessen, will er dem Minister unter anderem demonstrieren, dass man mit dem Geld, das der Staat, also auch das Land Hessen, dem öffentlichen Nahverkehr zur Verfügung stellt, verantwortungsbewusst umgeht.

          11 Millionen Euro für das geplante Schülerticket

          Der RMV kann seine Kosten zu 57 Prozent aus Fahrgeldeinnahmen decken. Das ist für einen Verkehrsverbund ein recht hoher Deckungsgrad, anderswo liegt er meist niedriger, zum Teil bedeutend niedriger. Die Lücke von 43 Prozent deckt der Staat. „Und der steht neben mir“, sagt Ringat und deutet auf Finanzminister Schäfer.

          Wenn nicht das Meer azurn funkelt, so sind zumindest die Fahrgastsitze blau: Finanzminister Thomas Schäfer auf Sommerreise in der S-Bahn
          Wenn nicht das Meer azurn funkelt, so sind zumindest die Fahrgastsitze blau: Finanzminister Thomas Schäfer auf Sommerreise in der S-Bahn : Bild: Lukas Kreibig

          Der weiß genau, wie viel die öffentliche Hand in den Verkehr mit Bussen und Bahnen steckt: Ergänzend zu den Regionalisierungsmitteln des Bundes, der in diesem Jahr den Ländern für ihren Regionalverkehr acht Milliarden Euro zahlt, stellt Hessen 2016 und 2017 jeweils rund 121,5 Millionen Euro über den Kommunalen Finanzausgleich für den öffentlichen Nahverkehr zur Verfügung. Zudem will das Land im nächsten Jahr 11,5 Millionen Euro für das geplante hessische Schülerticket aufbringen.

          Die Arbeit des RMV-Serviceteams, dem er auf der Fahrt nach Marburg zuschaut, findet der Minister „toll“. Die Kombination aus Service und Fahrkartenprüfung komme bei den Fahrgästen bestens an, glaubt Schäfer festgestellt zu haben. Für Schwarzfahrer hat er nicht das geringste Verständnis: „Das ist schlicht unfair gegenüber allen ehrlichen Fahrgästen.“ Auch RMV-Chef Ringat ist schlecht auf Schwarzfahrer zu sprechen. „Vorsichtig gerechnet, gehen uns mehr als 20 Millionen Euro jedes Jahr durch Schwarzfahren verloren.“

          Der Finanzminister ist nie schwarz unterwegs

          Und deshalb kündigt der RMV-Chef mehr Kontrollen an, auch Großkontrollen seien durchaus denkbar, sagt Ringat. Allerdings obliegt die Prüfung der Fahrscheine in der Regel dem jeweiligen Verkehrsunternehmen, das für den RMV fährt. In den Regionalzügen und den S-Bahnen schickt die Deutsche Bahn AG Kontrolleure durch die Wagen, in Frankfurt prüfen Mitarbeiter der städtischen Verkehrsgesellschaft in U-Bahnen und Straßenbahnen, und in Offenbach sind Prüfer der dortigen Verkehrgesellschaft unterwegs – im Gegensatz zu Frankfurt, wo alle Kontrolleure eine Uniform tragen, in Zivilkleidung.

          Auch das Serviceteam des RMV, das die Kontrolltätigkeit der Bahn und der örtlichen Verkehrsgesellschaften ergänzen soll, tritt in Dienstkleidung an. Der Verbund hat mit dem Aufbau des Teams im vergangenen Jahr begonnen, bald werden 20 Mitarbeiter dazugehören. Sie prüfen nicht nur Fahrkarten und beraten Fahrgäste, sie dienen dem RMV auch als eine Art schnelle Einsatztruppe, die kurzfristig an Brennpunkte dirigiert werden kann. Als beispielsweise die Schiersteiner Brücke zwischen Wiesbaden und Mainz gesperrt wurde, waren einige von ihnen an Ort und Stelle und berieten die vielen verwirrten Pendler.

          Finanzminister Schäfer müssen sie auf der Fahrt nach Marburg nicht beraten. Der kennt sich im öffentlichen Nahverkehr ganz gut aus, schließlich saß er einmal im Aufsichtsrat des RMV. Kontrollieren müssen sie ihn auch nicht. Denn der Finanzminister, der in Sachen Geld qua Amt gegen alles Schwarze kämpft, ist nie schwarz unterwegs.

          Quelle: F.A.Z.

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