Es ist 3 Uhr morgens an einem Sonntag, als ein Auto vor dem Haus 32 auf dem Gelände der Uniklinik vorfährt. Ein junges Paar steigt aus, der Mann holt ein Baby im Strampelanzug von der Rückbank und trägt es auf dem Arm ins Gebäude. In der Kinderklinik orientiert sich die Familie an den Schildern, folgt den Hinweisen zur Notaufnahme und meldet sich bei der Schwester. Der kleine Jannik (Name und Alter geändert) sei am Vortag vom Wickeltisch gefallen, berichtet die Mutter. Der zehn Monate alte Junge habe zunächst geweint, sich aber bald wieder beruhigt. Am Abend sei Jannik sehr schläfrig und fahrig gewesen und habe nichts trinken wollen. Er sei früh eingeschlafen, in der Nacht aber aufgewacht und habe sich übergeben. Weil er danach nicht mehr ansprechbar gewesen sei, seien sie lieber in die Klinik gekommen, berichtet sie weiter.
Die Schwester schaut nach dem Jungen auf dem Arm seines Vaters. Da fängt der Kleine an zu krampfen. Sofort funkt sie den diensthabenden Kinderarzt in der Klinik an und führt die Familie ins Behandlungszimmer. Als wenig später der Dienstarzt den Raum betritt, hat der Junge einen weiteren Krampfanfall. Abermals erzählen die Eltern vom Sturz von der Wickelkommode. Der Arzt tastet den Schädel ab, kann jedoch keinen Bruch feststellen, aber eine nach oben gewölbte Fontanelle. Da ein Blut-Schnelltest keine Entzündungszeichen ergibt und der Arzt bei der weiteren Untersuchung keine Nackensteife feststellen kann, schließt er eine Hirnhautentzündung aus. Wegen der Möglichkeit einer Aneurysmablutung, einer geplatzten Ader im Kopf, soll der Schädel noch radiologisch untersucht werden. Derweil wird schon alles für eine mögliche Operation vorbereitet; der Junge wird intubiert und künstlich beatmet.
Noch einmal rötgen
Auf der Computertomographie sind tatsächlich Blutungen zu erkennen, allerdings an mehreren Stellen. Dass das Hirnödem und die Blutungen von nur einem Sturz herrühren, erscheint dem Arzt unwahrscheinlich. Weil er ein sogenanntes Schütteltrauma vermutet, bittet er die Schwester, die Rufbereitschaft der Kinderschutzambulanz zu alarmieren. Diese wurde vor knapp einem Jahr mit finanzieller Hilfe des Vereins Kinderhilfestiftung an der Uniklinik eingerichtet. Diese Zeitung sammelt nun Spenden ihrer Leser, um die Arbeit zu unterstützen und die Ambulanz personell besser ausstatten zu können.
Heute hat Oberarzt Marco Baz Bartels Dienst. Als der auf Kinderschutz spezialisierte Arzt in der Uniklinik eintrifft, ist der Junge schon im Operationssaal. Bartels betrachtet die Röntgenbilder und bestätigt den Verdacht, dass das Kind mehr als nur einen Unfallsturz vom Wickeltisch erlitten haben muss. Die Blutungen ließen darauf schließen, dass sein Kopf ruckartig bewegt wurde. Nach der lebensrettenden Operation untersucht er Jannik genau, tastet den kleinen Körper nach Knochenbrüchen ab und lässt das Kind zur Sicherheit noch einmal röntgen. Würden bei dem Jungen neue und alte Rippenfrakturen oder andere Brüche entdeckt, könnten die Eltern ein einzelnes Unfallereignis nicht mehr glaubhaft machen, sagt Bartels.
Fotos und Röntgenaufnahmen kommen auch in die Akte
Tatsächlich sind auf dem Röntgenbild des Brustkorbs akute und verheilte Rippenbrüche zu erkennen. Außerdem hat Jannik mehrere blaue Flecken am Rücken, die Bartels fotografiert. Er veranlasst weitere Untersuchungen, um andere Ursachen wie eine Blutgerinnungsstörung oder eine Erbkrankheit zweifelsfrei auszuschließen. Im Anschluss spricht der erfahrene Arzt der Kinderschutzambulanz selbst mit den Eltern, lässt sich den angeblichen Unfallhergang schildern und schreibt alles genau mit. Die Eltern sind nervös, aber durchaus gefasst. Sie scheinen beruhigt zu sein, dass ihrem Kind hier geholfen wird. Dieses Verhalten ist Bartels aus früheren Gesprächen bekannt, entkräftigt deshalb nicht seine Annahmen. In den frühen Morgenstunden wird er die Eltern allerdings noch nicht mit dem Verdacht der Kindesmisshandlung konfrontieren.
Im Anschluss füllt er einen standardisierten Befundbogen aus, legt Fotos und Röntgenaufnahmen sowie ein Protokoll der Arztbesprechung zur Akte. Diese Dokumente würden im Fall eines Strafverfahrens vor Gericht gebraucht, berichtet Bartels. Damit ist der Fall Jannik für ihn noch lange nicht abgeschlossen. Aus Erfahrung weiß er, dass die Hauptarbeit noch vor ihm liegt.
Das Jugendamt schreitet ein
Als nächstes informiert er das zuständige Jugendamt in Frankfurt, das ebenfalls über eine Rufbereitschaft verfügt. Auch ein Rechtsmediziner der Uniklinik wird hinzugezogen. Er weiß am besten, welche biomechanischen Beweise und Dokumente von den Richtern anerkannt werden. Gemeinsam beraten die Ärzte, ob sie eine Anzeige bei der Polizei erstatten sollen, wollen aber zunächst noch die Kollegin vom Jugendamt befragen. Vielleicht kennt diese die Familie schon und hat Einblicke in deren Situation.
Da die Beweislage gegen die Eltern erdrückend ist und dem Kind bei einer Rückkehr nach Hause weitere Misshandlungen drohen könnten, nimmt das Jugendamt Jannik sofort in seine Obhut. Polizei und Familiengericht werden involviert, die Eltern in einem Besprechungszimmer der Klinik von der Mitarbeiterin des Jugendamts, Bartels und einer Psychologin des Kinderschutzteams über den Verdacht und das weitere Vorgehen informiert. Fortan haben sie nur noch ein eingeschränktes Besuchsrecht.
Jannik kann nicht mehr alleine sitzen
Nach drei Tagen ist Janniks Gesundheitszustand stabil, dank Medikamenten kommt es nicht mehr zu Krampfanfällen, und er kann aus dem künstlichen Koma geweckt werden. Von der Intensiv- wird er nun auf die normale Kinderstation verlegt. Zwei Wochen später wird er in eine kinderneurologische Fachklinik gebracht, wo er sechs Wochen lang zur Rehabilitation bleibt. Allerdings muss er sein Leben nun mit Behinderungen meistern: seine rechte Körperhälfte ist spastisch gelähmt, er hat eine starke Sehstörung und muss wegen einer sogenannten symptomatischen Epilepsie voraussichtlich sein Leben lang Medikamente einnehmen.
Dennoch findet sich eine Pflegefamilie, die Jannik aufnimmt, ihn unterstützt und regelmäßig den Kinderneurologen vorstellt. Das Schütteltrauma hat den Jungen in seiner motorischen und geistigen Entwicklung weit zurückgeworfen: Konnte er sich vor dem Klinikaufenthalt schon alleine aufsetzen, am Sofa hochziehen und einige Schritte machen, schafft er es jetzt noch nicht einmal, alleine zu sitzen. Dennoch sind seine neuen Eltern zuversichtlich: Denn aus Jannik ist innerhalb weniger Monate ein lebenslustiges und fröhliches Kind geworden, das mit seinem Lachen alle für sich gewinnt.