Frau Thomaschik, Sie arbeiten hier in Neustadt in einem schönen alten Haus; der Verlag beschäftigt so gut wie keine Männer. Zufall oder Plan?
Ein Plan steht nicht dahinter. Auf Praktikantenjobs, etwa für den Umgang des Verlags mit sozialen Medien, bewerben sich junge Männer. Aber wenn wir Stellen zum Beispiel im Lektorat ausschreiben, melden sich fast nur Frauen. Die Beschäftigung mit dem Thema Kochen, um das es bei unseren Büchern ja vorrangig geht, ist offenbar weiblich besetzt.
Das heißt aber nicht, dass alles, was wir lesen, von Frauen druckfertig gemacht wurde?
In der Belletristik ist es anders, da gibt es auch sehr viele männliche Lektoren.
Von Frauen geführt werden in Deutschland nur wenige Verlage. Wie war Ihr Weg in die Branche?
Ich wollte Buchhändlerin werden. Aber als ich während der Ausbildung gemerkt habe, wie wenig man da verdient, habe ich mich entschlossen zu studieren, Soziologie und Politik. Während des Studiums habe ich immer gearbeitet, bei verschiedenen Verlagen, bin so immer mehr in die verschiedenen Abläufe der Buchproduktion quasi reingerutscht. Ich habe dann noch eine Prüfung als Verlagskauffrau abgelegt, später unter anderem als Lektorin gearbeitet. Und ich hatte auch ein paar Jobs bei Werbeagenturen, das war eine gute Vorbereitung für das, was in einem Ratgeberverlag und für mich heute wichtig ist.
Wie meinen Sie das?
Die Art und Weise, in der man in einer Agentur versucht, Text und Bild so zusammenzubringen, dass eine bestimmte Zielgruppe erreicht wird, hat viel mit dem zu tun, was wir im Verlag auch machen. Auch die Ansprache vom Firmen und Kooperationspartnern ist ähnlich - ohne Bücher, von denen eine gewisse Menge von vorneherein verkauft ist, kann heute kaum noch ein Verlag leben.
So wie bei Politiker-Biographien, bei denen die Partei einen Teil der Auflage kauft?
Ja, so ähnlich ist es.
,Am Kochtopf wird es eng‘, schrieb vor ein paar Monaten das ,Börsenblatt für den deutschen Buchhandel‘ und dass es eine regelrechte Schwemme von Kochbüchern gebe. Wie lassen sich in diesem Segment des Buchmarktes überhaupt noch Anteile gewinnen?
Wir haben zum Beispiel gemerkt, dass wir unser Programm ausdünnen müssen, und das haben wir getan. Ein Verlag in unserer Größe kann nicht das ganze Feld der Kulinaristik bespielen.
Sondern welchen Teilbereich?
Bei uns findet man Bücher, die ein bestimmtes Thema sehr genau einkreisen. Wir haben nichts wie zum Beispiel ,Die schönsten Geflügelrezepte‘ oder ,Aus dem Ofen für jeden Tag‘, in diesem Bereich sind andere stark. Außerdem sind solche Rezepte auch im Internet zu finden. Anteile gewinnen kann man im Buchhandel noch mit hochwertiger Ware, mit Rezeptbüchern von Spitzenköchen zum Beispiel.
Sie meinen die klassischen Coffee-Table-Bände, die man eher anschaut und durchblättert als nach ihnen zu kochen?
Ja, es geht in Richtung Coffee Table, was die Ausstattung und Aufmachung angeht. Im Idealfall sind unsere Bücher aber solche mit Anleitungen von sehr guten Köchen, nach denen man zu Hause wirklich arbeiten kann. Wir bringen jetzt einen Band über Wild heraus, von Harald Rüssel, das wird genau so ein Buch sein: Was da drinsteht, ist für jedermann nachvollziehbar.
Wo stehen Sie zwischen Edel-Anbietern wie Collection Rolf Heyne und Massenproduzenten wie Gräfe und Unzer?
Wir gehen in Richtung Heyne.
Einer Ihrer Bestseller ist andererseits eine Kalorientabelle...
...man muss dem Handel zwischendurch auch immer wieder mal etwas anbieten, das sich wirklich dreht, von dem für kleines Geld große Stückzahlen verkauft werden.
Weil es bei Kochbüchern ist wie inzwischen überall - Teures geht gut und Billiges auch, aber die Mitte ist schwach?
Das trifft es ganz gut. Und man muss natürlich die richtigen Themen setzen. Sehr gut gelaufen ist bei uns zum Beispiel ein Buch über Tee und Teatime, sehr gut geht auch alles, was sich mit vegetarischer und sogar veganer Ernährung beschäftigt. Ein Kochbuch muss heute vor allem ein Lebensgefühl transportieren. Man zeigt, wenn man ein Kochbuch kauft oder verschenkt, wie man sein und leben möchte. Ich will jetzt nicht so weit gehen zu sagen, das Buch werde zum Dekor - aber ein bestimmtes Ambiente muss es rüberbringen.
Vermutlich eine Atmosphäre gepflegter Ländlichkeit?
So ähnlich ist es. Ein zweiter Trend ist Internationalität. Bücher über Länderküchen verkaufen sich auch gut, wenn es die richtigen sind. Es gibt generell das Bedürfnis, sich kulinarisch zu bilden.
Noch einmal zur Sehnsucht nach Landleben oder dem, was Städter sich darunter vorstellen. Was steckt hinter diesem Trend, der von der Einrichtung bis zum Kochbuch reicht?
Vielleicht ein Bedürfnis, sich um sich selbst gut zu kümmern, achtsam sich selbst gegenüber zu sein.
Ist das eine Art Fortführung der Burn-Out-Debatte? Sei gut zu Dir, nur dann bleibst Du leistungsfähig?
Ja, vielleicht.
Ihr typischer Leser ist also der genussfreudige, um seine Gesundheit und sein Wohlbefinden besorgte Mensch, der sich diese Sorge auch leisten kann? Der Malocher ist es dann eher nicht?
Nein, der gehört eher nicht dazu.
Seit wann ist das Thema Vegetarismus modern?
Seit drei, vier Jahren verkaufen sich Bücher zu diesem Thema richtig gut.
Wie erkennen Sie Trends?
Zeitungen und Magazine lesen, Filme sehen, die kulinarische Szene und die Konkurrenz beobachten, die Augen offen halten, Gefühl.
Womit haben Sie schon danebengelegen?
Als in der Spitzenküche auf einmal Skandinavien ein Thema war und das ‚Noma‘ in Kopenhagen als bestes Restaurant der Welt bezeichnet wurde, haben wir ein Buch über leichte skandinavische Küche herausgebracht. Und wir haben gedacht, wir hätten einen echten Knaller. Es lief nicht schlecht, aber unsere Erwartungen hat es nicht erfüllt.
War das Buch zu teuer?
Eher zu preiswert. So ein sehr spezielles Thema interessiert dann doch noch einmal eine anderes Klientel als die, die 16,99 Euro für ein Kochbuch ausgibt.
Andererseits werden von edlen 60-Euro-Büchern vielleicht nicht so viele verkauft, dass sich die teure Herstellung lohnt...
...ja, das muss ausbalanciert werden, das ist das Geschäft.
Welches Buch aus Ihrem Programm verkauft sich besser, als Sie gehofft haben?
Wir haben ein Buch über vegane Küche, das wir nach fünf Monaten nachgedruckt haben; da war ich schon überrascht, dass die Nachfrage derart groß ist.
Wie schwer ist es für Verlage heute, ihre Produkte an den Leser zu bekommen? Buchläden gleichen ja inzwischen Kaufhäusern, in denen nur das gut zu sehen ist, was von großen Firmen auf extra gemieteten Flächen präsentiert wird.
Der Verkauf im Internet, über Amazon zum Beispiel, wird immer wichtiger. Das heißt aber nicht, dass es ohne den Buchhandel geht.
Wie bekommt man bei Hugendubel in der Frankfurter Innenstadt mit seinen Büchern einen guten Platz?
Bei solchen Ketten wird kaum noch vor Ort verhandelt, nur noch mit den zentralen Einkäufern. Die muss man überzeugen.
Reicht es aus, nur über das Programm zu informieren? Oder werden Verlage eines Tages die Einkäufer zu Produktpräsentationen mit anschließendem Wellnessprogramm einladen, um sie zu gewinnen?
Das ist für kleinere Häuser wohl kein Thema.
Sind Lizenzen ein Wachstumsmarkt? Es gibt ja etliche Länder, in denen eine neue, kaufkräftige Mittelschicht entsteht, die auch kulinarisches Interesse hat.
Osteuropa ist zukunftsträchtig. Nach Polen, Estland und Tschechien verkaufen wir heute mehr Lizenzen als in Westeuropa.
Wie viele Autoren-Vorschläge gehen bei Ihnen im Jahr ein?
Wir bekommen im Jahr so um die 200 Exposés von Leuten, die noch nie ein Kochbuch gemacht haben, aber glauben, eine gute Idee zu haben.
Wie viele solcher Ideen werden realisiert?
So gut wie keine.
Was braucht man Ihnen also gar nicht vorzuschlagen?
Urlaubsrezepte, ,Die schönsten Walnussrezepte‘, solche Sachen. Was begeisterte Hobbyköche lieben und schreiben, wird noch lange kein Verkaufserfolg.
Das Gespräch führte Jacqueline Vogt.