Alles ruhig auf Hessens Autobahnen vor dieser Geburtstagsparty. Doch just bevor die Festgäste eintreffen, um das zehnjährige Bestehen der Verkehrszentrale Hessen im Frankfurter Stadtteil Rödelheim zu feiern, ereignet sich auf Autobahn5 in Richtung Norden bei Seeheim-Jugenheim ein Unfall. Die Verkehrlenker in der Schaltzentrale haben den Zwischenfall von ihren Computern gemeldet bekommen. Diese haben von den überall in den Fahrbahnen der Autobahnen eingelassenen Induktionsschleifen die Information erhalten, dass irgendwo bei Seeheim der Verkehr stockt oder gar zum Stillstand gekommen ist.
Zum Glück steht in der Nähe eine Kamera, die Bilder vom Geschehen direkt auf die Großbildschirme der Rödelheimer Zentrale liefert. Die Verkehrslenker dort sehen, wie Mitarbeiter der Straßenmeisterei den Verkehr schon einige hundert Meter vor der Staustelle auf die linke Spur lenken, weil an der Unfallstelle die rechte Spur und der Seitenstreifen versperrt sind. Mittels variabler Tempolimits, angezeigt auf Schilderbrücken über der Autobahn, kann die Zentrale auf solche Situationen reagieren und auf der Zufahrtsstrecke das Tempo drosseln.
Der Seitenstreifen auf der Autobahn wird von hier freigegeben
Weil es immer solche Unfälle geben wird, sind Staus nicht zu vermeiden - allen Versprechungen des Projekts „Staufreies Hessen 2015“ zum Trotz, das der frühere Ministerpräsident Roland Koch (CDU) einst ausgerufen hat. „Staufreies Hessen“ ist denn auch, so sagt es Jürg Sparmann, der frühere Präsident des Hessischen Landesamtes für Straßen- und Verkehrswesen, nur ein „Leitbild“, also ein Ideal, das anzustreben ist in dem Wissen, dass es nie erreicht werden kann. Doch immerhin sind die Staus auf hessischen Autobahnen in den vergangenen zehn Jahren nach Angaben der Landesregierung um 80 Prozent zurückgegangen. Die Verkehrszentrale hat daran einen maßgeblichen Anteil. Denn von hier aus wird die Freigabe von Autobahn-Seitenstreifen gesteuert, wenn die Verkehrsdichte etwa in den morgendlichen und abendlichen Stoßzeiten einen kritischen Wert erreicht und Staus drohen. Von hier aus suchen die Straßenmanager mit Hilfe von festmontierten Kameras den betreffenden Standstreifen auf Hindernisse ab, bevor sie die neue Spur aus der Ferne freischalten und die Autofahrer mit Hilfe elektronisch gesteuerter Hinweistafeln auf die zusätzliche Fahrbahn lenken.
Hier, in dem vor zehn Jahren errichteten Neubau auf dem Gelände einer aufgegebenen Straßenmeisterei, ist einst das Projekt „Staufreies Hessen“ erfunden worden. Ministerpräsident Koch weilte zu Besuch und ließ sich die Verkehrprobleme und die auf neuen Technologien beruhenden Lösungsansätze erklären. Nach zwei Stunden, so erinnerte sich am Dienstagder damalige Straßen-Chef Sparmann, hatte Koch verstanden und rief als Ziel Staufreiheit aus.
Bei den Investitionen des Bundes in die Verkehrszentrale kann sich Hessen freilich nicht beklagen
Heute heißt der Straßenpräsident Burkhard Vieth, und dessen Sorgen sind nicht geringer als die seines Vorgängers. Denn der Verkehr wächst weiterhin, was Hessen als europäische Verkehrsdrehscheibe, wo sich die Nord-Süd- und die Ost-West-Hauptachsen treffen besonders zu spüren bekommt. Ein bloßes Mehr an Mobilität reiche nicht aus, sagte Vieth, nötig sei eine bessere Mobilität. Um eine solche höhere Mobilität zu erreichen, bedarf es nach Meinung von Steffen Saebisch (FDP), Staatssekretär im hessischen Verkehrsministeriums, Investitionen in die Infrastruktur - vor allem der Schiene. Es gelte, dort zu investieren, wo der Verkehr sei, sagte Saebisch in Richtung Deutsche Bahn.
Bei den Investitionen des Bundes in die Verkehrszentrale kann sich Hessen freilich nicht beklagen. Dafür kommen, so sagte der Staatssekretär, aus der Verkehrszentrale innovative Modelle, die dabei hülfen, die vorhandenen Straßen besser zu nutzen. Demnächst dürfte aber eine Investition des Bundes in ein neuen Gebäude anstehen. Denn die gerade einmal zehn Jahre alte Hessische Verkehrszentrale platzt längst aus allen Nähten.
Zu spät und zu ungenau
Michael V. (Meikel2)
- 02.11.2011, 10:55 Uhr