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Verein „Trauernde Eltern“ Auf das Warum gibt es keine Antwort

 ·  "So groß müßte sie jetzt sein. So könnte ihr Lachen geklungen haben." Wenn Gabriele Pohl heute den Nachbarskindern beim Spielen zuschaut, denkt sie an Annina. Ein kerngesundes Kind ist sie gewesen, bis sie eines Morgens im Januar plötzlich hohes Fieber bekam.

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"So groß müßte sie jetzt sein. So könnte ihr Lachen geklungen haben." Wenn Gabriele Pohl heute den Nachbarskindern beim Spielen zuschaut, denkt sie an Annina. Ein kerngesundes Kind ist sie gewesen, bis sie eines Morgens im Januar plötzlich hohes Fieber bekam. Zwei Tage später starb Annina im Alter von dreieinhalb Jahren an den Folgen einer schweren Infektion. An die Wochen, Monate nach dem Tod ihrer Tochter kann sich Gabriele Pohl noch genau erinnern. "Ich war wie erstarrt, ohne Kraft. Jede kleinste Anstrengung war Schwerstarbeit."

Wenn ein junger Mensch aus dem Leben scheidet, bricht für die Eltern eine Welt zusammen. In Deutschland sterben jährlich rund 22000 Kinder und Jugendliche an Krankheiten, bei Unfällen oder durch Freitod. In der Rhein-Main-Region sind es um die 400. Zurück bleiben Verzweiflung, Trauer, eine tiefe Leere und die zermürbende Frage "Warum gerade ich? Warum gerade mein Kind?" Hinzu kommt häufig die Sehnsucht, dem Sohn oder der Tochter nachfolgen zu wollen, um wieder bei ihnen zu sein.

"Das sind vollkommen normale Reaktionen", weiß Dieter Steuer, Vorsitzender des Vereins "Trauernde Eltern Rhein-Main". Manchmal genüge es, den Betroffenen zu versichern, daß es selbstverständlich sei, sich "die Decke über den Kopf ziehen zu wollen". Daß das Verlangen nach Isolation ebenso zu den Symptomen vorübergehender Trauer gehöre wie Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwäche und das Gefühl, in ein tiefes Nichts zu fallen. Diese Gewißheit reiche für einige Eltern aus, um ihre Trauer ohne Unterstützung von außen zu verarbeiten. Doch die meisten schaffen dies nicht.

Auch Gabriele Pohl hat zunächst versucht, allein mit dem Tod ihrer Tochter zurechtzukommen. Zwar hatte sie der Oberarzt kurz nach Anninas Tod bereits auf die "Trauernden Eltern" aufmerksam gemacht, doch bis sie zum ersten Mal eine Veranstaltung des Vereins besuchte, verging fast ein Jahr. Einige Eltern warten noch länger, bis sie Hilfsangebote annehmen, berichtet Steuer: "Wir erleben immer wieder Menschen, deren Geschwister oder Kinder vor 20 Jahren gestorben sind und die nun erst merken, sie schaffen das nicht alleine." Im Alltag gelinge es ihnen zwar, den Verlust zunächst zu kompensieren. Bei Streß oder einem weiteren Todesfall rissen die alten Wunden dann aber wieder auf. Überwinden könne man den Schmerz nie, "aber man kann lernen, damit zu leben und nicht davon überflutet zu werden".

"Dem Leben wieder ein Lächeln schenken" - das war sein Ziel, als er 1997 den Verein "Trauernder Eltern" mitbegründete. Drei Jahre nach dem Tod seines Sohnes Tim. Der bittere Verlust gab dem Kriminalbeamten den entscheidenen Impuls, sich in der Trauerbegleitung und -therapie zu engagieren. Er ließ sich zum Psychotherapeuten ausbilden, eröffnete eine eigene Praxis und übernahm 1998 den Vorsitz des Vereins. Seitdem bietet er zusammen mit neun Mitarbeitern, darunter Theologen, Psychologen und Pädagogen, Gesprächsgruppen, Seminare und Einzelberatungen an. Ausgerichtet wird das Angebot an den Bedürfnissen der Betroffenen. Zwei Geschwistergruppen gibt es, einen geschlossenen Kreis für Eltern, deren Kinder Selbstmord begangen haben, und mehrere offene Treffs, denen sich alle Interessierten anschließen können. Oft sei es sinnvoll, Paare bei der Betreuung zu trennen, sagt Steuer. Manche Seminare werden daher speziell für Mütter beziehungsweise für Väter angeboten.

Im vergangenen Jahr haben rund 180 Betroffene bei dem Verein, der seinen Sitz in Mainz hat, Unterstützung gefunden. Auch Gabriele Pohl hat sich nach den ersten Einzelgesprächen schließlich für ein Wochenendseminar angemeldet. "Hochverletzlich, wie eine offene Wunde" habe sie sich gefühlt und sei dankbar gewesen, durch den Verein andere betroffene Eltern getroffen zu haben. "Heute habe ich wieder Boden unter den Füßen", sagt sie.

Von anderen zu hören, wie es in einem selbst aussehe, das habe sie als "sehr heilsam" empfunden, erinnert sie sich an ihre erste Gesprächsgruppe. Als sie bei ihrer Vorstellung den Satz begann: "Hätte ich das Sterben meines Kindes verhindern können...", da habe ein ebenfalls betroffener Vater neben ihr den Satz vollendet: "Wenn Sie es gekonnt hätten, hätten Sie es getan."

Mit Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen hätten die meisten Eltern zu kämpfen, weiß Steuer. Wichtig sei es, ihnen dieses Gefühl nicht abzunehmen, sondern es "als solches zu achten". Sonst lasse es sich niemals relativieren. Vielmehr müßten die Betroffenen lernen, das Leben nicht nur rückwärts zu betrachten, sondern es auch nach vorn zu leben. "Irgendwann habe ich aufgehört, die Frage nach dem Warum zu stellen", berichtet Gabriele Pohl, die als Psychologin inzwischen selbst trauernde Eltern in Frankfurt betreut. "Ich bin überzeugt, daß es einen Sinn gibt." Ihr Glaube habe ihr geholfen. "Die Sehnsucht nach meiner Tochter begleitet meine Hoffnung, sie wiederzusehen." Wie ihr ergeht es vielen. Die Zuversicht, "getragen zu sein in einem größeren Zusammenhang", gehe nie wirklich verloren, meint Steuer. Erschüttert werde der Glaube durch den Schicksalsschlag jedoch allemal. Daß Eltern Kinder vor ihren Eltern sterben, widerspreche nicht nur der Natur sondern auch einem Gottesgedanken. Nach dem bitteren Verlust den Trauernden wieder das Gefühl der Sinnhaftigkeit zu vermitteln, das möchte Steuer mit seiner Arbeit erreichen. "Trauer, insbesondere Trauer um ein Kind, ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema." Trotzdem wünscht sich Steuer mehr Unterstützung für den Verein, der sich allein durch die Beiträge der derzeit 170 Mitglieder finanziert. Nach Angaben des Vorsitzenden decken die sieben Euro monatlich lediglich 14 Prozent der jährlichen Gesamtkosten. Allein die Miete werde stets "zum Überlebenskampf". Dabei würden die Vereinsräume im Haus an der Carl-Zeiss-Straße in Mainz von den Eltern gerne genutzt, um sich auch außerhalb der Seminare zu treffen. "Oft kommen die Mitglieder her, bringen Wein und Gebäck mit, erzählen und lachen miteinander", berichtet Steuer, "auch wenn nebenan gerade Frischbetroffene beraten werden". Das schönste Kompliment für ihn und seine Arbeit sei der Satz: "Wir brauchen euch nicht mehr - Wir brauchen nur noch den Schlüssel." SIBYLLE BAUMBACH

Weitere Informationen zum Verein "Trauernde Eltern Rhein-Main" unter Telefon 06131/6172658 oder im Internet: www.trauernde-eltern.org.

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