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Verein „Maisha“ Aufklärung im Kampf gegen Beschneidung von Mädchen

 ·  Zwölf Jahre war Agnes Kipsoi alt, als die Beschneiderin kam. Niemand in dem Dorf im Westen Kenias fand etwas Schlimmes daran. Doch das ändert sich, auch dank des Einsatzes der Frankfurterin.

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Es geschah am Fluss in der Nähe ihres Dorfes. Auf diesen Moment wurden die 14 Mädchen tagelang vorbereitet, auch Agnes Kipsoi. Zwölf Jahre alt war sie, und als sie an der Reihe war, kam die Beschneiderin auch zu ihr. Ein Messer hatte sie für alle Mädchen, und als „Betäubung“ musste kaltes Wasser reichen. Die 400 Meter zurück ins Dorf mussten die Mädchen zu Fuß zurücklegen, ohne über die Schmerzen, die ihnen die Beschneidung zugefügt hatte, zu klagen. „Wer weinte, war keine richtige Frau“, sagt Agnes Kipsoi. „Bei uns hat keine geweint.“

Sie erzählt von diesem Tag, als sei er gestern gewesen. Doch er liegt 35 Jahre zurück. Die Frankfurterin heißt in Wahrheit anders, doch ihr richtiger Name soll nicht in der Zeitung stehen. Aufgewachsen ist sie in einem kleinen Dorf im Westen Kenias. Niemand hatte in der uralten Tradition etwas Schlimmes gesehen. „Sie gehörte einfach dazu, jeder hat es gemacht. Ich dachte, es sei etwas Gutes.“ Wer nicht mitmachte, wurde gemieden, galt weiter als unrein, schmutzig. Es war ausgeschlossen, später einen Mann zu finden und eine Familie zu gründen.

Ein Ritus zum „Eintritt“ ins Erwachsenenleben

So tat sich auch die Altersgruppe, zu der Agnes gehörte, zusammen. Die Eltern berieten, wann die Beschneidung stattfinden sollte, und suchten eine Beschneiderin. Jedes Mädchen wählte eine erwachsene Frau als Patin. Zehn Tage lang gab es Feste mit gutem Essen und Geschenke, ein neues Kleid. „Das war etwas Schönes“, sagt Agnes Kipsoi. Es waren Schulferien - so wie immer, wenn die Beschneiderin ins Dorf kam. Gesprochen haben die Mädchen mit ihr nicht. „Sie machte ihre Arbeit und ging wieder.“

Für sie und die anderen Mädchen war der Ritus der „Eintritt“ ins Erwachsenenleben. „Ich war kein Kind mehr.“ Von jenem Tag an wurde den Mädchen Respekt gezollt, und sie galten als heiratsfähig. Das Hochzeitsalter lag bei 15 bis 17 Jahren, die Ehen wurden in aller Regel zwischen den Familien arrangiert. „Meine Mutter war anders.“ In ihrer Stimme schwingt Erleichterung mit, als Agnes Kipsoi das sagt. Sie konnte in die nächstgelegene Stadt in ein Internat gehen. Irgendwie schaffte es die Familie, dass auch ihre vier Geschwister eine Schule besuchen konnten.

Traditionen nicht widerspruchslos hinnehmen

Ihren Ehemann fand Agnes Kipsoi schließlich in Deutschland. 1987 war sie nach Frankfurt gekommen. Studieren wollte die Einundzwanzigjährige damals, Literatur. Doch es kam anders: Sie lernte ihren Mann kennen, einen Deutschen, und kehrte nach einem kurzen Aufenthalt in Kenia wieder zurück nach Frankfurt. Heute arbeitet sie als Groß- und Außenhandelskauffrau in einem großen Betrieb; auch dessen Name tut hier nichts zur Sache. Sie und ihr Mann haben drei Kinder, ein Mädchen und zwei Jungen.

Erst in Deutschland wurde ihr bewusst, dass die Beschneidung von Mädchen keine Tradition war, die man widerspruchslos hinnehmen muss, obwohl sie eigentlich verboten ist. „Ja, sie ist etwas Schlimmes.“ Damals sprach jenseits ihres Dorfs niemand darüber, auch nicht im Internat. Agnes Kipsoi wusste zwar von manchen christlichen Familien, die diese Tradition ablehnten. „Ich bin auch Christin, mir hat es damals aber nicht geholfen.“

Ein wichtiges Signal

In Kenia herrscht jene Form der Beschneidung vor, bei der die Klitoris oder die Klitorisvorhaut entfernt wird. Der Eingriff reicht in Ländern wie Sudan bis zur Entfernung der äußeren Genitalien und dem Verengen der Vaginalöffnung. Inzwischen gibt es Gesetze gegen die Beschneidung, etwa in Ägypten und der Elfenbeinküste. Sie verstößt auch gegen die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen von 1989 oder das Maputo-Protokoll für Frauenrechte der Afrikanischen Union aus dem Jahr 2003. Ende vergangenen Jahres appellierten die Vereinten Nationen an ihre Mitgliedstaaten, effektiv gegen Beschneidung vorzugehen - das war für alle, die gegen diese Tradition angehen, ein wichtiges Signal.

Auch Agnes Kipsoi ist zu einer solchen Kämpferin geworden, zusammen mit dem Frankfurter Verein „Maisha“ und dem deutschen Netzwerk afrikanischer Communities gegen Beschneidung. Denn Aufklärung ist nach wie vor nötig, und dafür tun der Verein und das Netzwerk viel. „Aufklärung muss früh ansetzen“, hebt sie hervor. Immer wieder fährt Agnes Kipsoi im Urlaub in ihr altes Dorf, spricht mit Mädchen und deren Familien, nicht ohne die Erlaubnis der örtlichen staatlichen Autoritäten, die dafür angemessen entlohnt werden wollen, gerade dann, wenn man wie Kipsoi aus Europa kommt.

Bildung gegen Beschneidung

Auch wenn es nicht einfach ist, einen Mentalitätswandel zu erzielen, sieht sie Fortschritte. Vor allem Mädchen, die zur Schule gehen können, lehnten die Beschneidung ab. Es gibt auch Mädchenhäuser für Kinder, die vor einer Beschneidung fliehen und mit ihren Familien brechen. Aber auch in Deutschland ist sie tätig, berät Mädchen und Frauen, die, anders als sie, wegen der Beschneidung ein Leben lang Schmerzen haben oder unter Infektionen leiden, begleitet sie zum Frauenarzt.

Ihre eigene Tochter hat sie nicht beschneiden lassen - wobei sie nicht sicher ist, ob sie es früher hätte machen lassen, wenn sie in Deutschland einen afrikanischen Mann geheiratet hätte, der diese Tradition hätte bewahren wollen. Sie schildert einen Fall aus ihrer Verwandtschaft in den Vereinigten Staaten: 1998 ist das Mädchen während des Urlaubsaufenthalts der Familie in Kenia beschnitten worden. „Mit Gewalt, das war ganz schlimm.“

Andere Länder, andere Sitten

In insgesamt rund 30 afrikanischen Ländern (hinzu kommen einige asiatische und südamerikanische Staaten) lebt die Beschneidung nach wie vor fort. Sie unterscheidet sich nicht nur häufig von Land zu Land, sondern teils auch von Stamm zu Stamm. Manche Stämme kennen die Beschneidung gar nicht, in anderen wiederum werden wegen bestimmter Reinheitsvorstellungen nicht nur Mädchen, sondern auch schwangere Frauen beschnitten.

Den Grad der Aufklärung schätzt Virginia Wangare Greiner, die Geschäftsführerin von „Maisha“, in Deutschland als recht hoch ein: „Das Thema ist sehr präsent, fast alle Mädchen wissen, was Beschneidung bedeutet.“ Weil Kipsoi weiß, wie wichtig Bildung ist, um dieser Tradition ein Ende zu bereiten, hat sie einer Kenianerin aus ihrem Heimatdorf den Schulbesuch bezahlt. 27 Jahre alt ist diese Frau heute, gilt in ihrer Heimat als Vorbild. Sie lebt in Belgien, unterstützt ihr Dorf aber.

“Die Zahl von Frauen, die nicht beschnitten sind und den anderen zeigen können, dass sie trotzdem ein glückliches Leben führen und eine Familie haben können, steigt“, sagt Wangare Greiner. „Und das ist sehr wichtig.“ „Damals“, sagt Agnes Kipsoi, „damals hätte ich weglaufen sollen. Aber ich wusste über die Beschneidung nichts.“

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Jahrgang 1965, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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