29.01.2012 · Dietrich Hilsdorf inszeniert Verdis „Simon Boccanegra“ am Staatstheater Wiesbaden.
Von Benedikt StegemannNachdem er sich in seinen sogenannten „Galeerenjahren“ durch schiere Quantität ein Vermögen erkomponiert hatte, setzte Giuseppe Verdi von 1850 an auf Qualität und riskierte Experimente. Seine Oper „Simon Boccanegra“ zählt dabei zu den besonders ambitionierten und daher bis zum heutigen Tage seltener inszenierten Werken. Es gilt, in der Handlung einen Zeitsprung von einem Vierteljahrhundert auszuhalten, der Bezug zur damaligen politisch-gesellschaftlichen Situation Italiens ist evident, und die dramatische Tektonik lässt psychologische Abgründe klaffen: Bei Verdi wird Boccanegra nur um seiner Liebe zu Maria Willen Doge von Genua, weshalb mit dem Tod der Geliebten noch vor Dienstantritt das Motiv für diese Berufswahl wegfällt.
Der Adel hasst und bekämpft den vormaligen Korsaren. Als sich jedoch herausstellt, dass die junge Amelia Grimaldi illegitimer Spross der Liaison von Simon und der verblichenen Maria ist, erodiert diese Opposition: Die Grimaldis können den leiblichen Vater ihrer Adoptivtochter ebenso wenig bekämpfen wie deren Geliebter Gabriele Adorno oder der unverhofft seine Enkelin wiederfindende Jacopo Fiesco. Die Versöhnung fällt freilich ineins mit dem Ableben des vergifteten Dogen. Die Aussöhnung bemisst sich in Sekunden.
Dietrich Hilsdorf hat das sperrige Meisterwerk nun am Staatstheater Wiesbaden neu inszeniert und setzt dabei auf klare optische und räumliche Zäsuren: Den Prolog lässt er beinahe zweidimensional vor dem Eisernen Vorhang des Theaters spielen, die Bilder des ersten Aktes in einem plastischen Renaissanceambiente, den zweiten und dritten Aufzug auf einer abstrakten, spärlich möblierten Rampe (Bühne Dieter Richter; Kostüme Renate Schmitzer). Das demonstrativ Hergezeigte verweigert eben dadurch aber einen Teil seiner Gehalte: Das endlos lange Verharren in einem dem Seelischen abträglichen Zustand würde eher spürbar durch räumlich-optische Konstanten. Völlig brach liegt bei Hilsdorf das Brisante in Verdis Versuchsanordnung. Dieser sah in Boccanegra eine Integrationsfigur, ein Symbol der um 1860 heftig angestrebten nationalen Einheit Italiens. Die Gefährdung großer Ziele durch kleinliches Gezänk findet derart viele Entsprechungen in der Gegenwart, dass es keiner plakativen Aktualisierung bedürfte, um durch die Inszenierung doch mehr gedankliche Auseinandersetzung anzuregen.
Obgleich nicht in aller Konsequenz verhandelt und psychologisch ergründet, weiß der Wiesbadener „Boccanegra“ durch seinen flüssigen Erzählduktus und seine mit Herzblut und Detailveressenheit betriebene Charaktermodellierung sehr für sich einzunehmen. In der Titelrolle glänzt ein stimmgewaltiger Kiril Manolov, erst gewichtiges Monument einer Herrschernatur, am Ende ein schmerzverkrümmter Berg Elend. Besondere Zuwendung erfährt die Figur des Paolo Albiani. Thomas de Vries findet für jede Station des Aufstiegs und Absturzes den richtigen Ton, die kongeniale Haltung. Es wird ergreifend spürbar, wie sich diese Persönlichkeit, ohne die Ursache der für ihn furchtbaren Veränderungen zu verstehen, sukzessive zersetzt und dem Untergang entgegentreibt. Luciano Batinic ist ein beeindruckend monolithischer Fiesco, Felipe Rojas Velozo ein strahlend-leidenschaftlicher Liebhabertenor. Tatiana Plotnikova beglückt als seelenreine Amelia mit glasklaren Linien, doch ungeachtet ihrer Funktion als Angelpunkt der menschlichen und politischen Verspannungen weist ihr die Regie keine persönliche Komplexität zu. Beeindruckend prägnant ist der von Anton Tremmel einstudierte Chor bei seinem anfänglichen Einsatz in den Proszeniumslogen.
Als Anwalt des Tiefgründigen und Mannigfaltigen waltet Generalmusikdirektor Marc Piollet im Orchestergraben. Das ist nicht immer leicht, denn das Raffinement von Werken wie „Aida“ oder „Otello“ ist ungeachtet späterer Überarbeitung nicht durchweg gegeben. Doch Piollet sucht, findet und gestaltet zusammen mit dem bestens aufgelegten Orchester des Staatstheaters unendlich schön berührende Zärtlichkeit, das Zittern der verletzlich-unverhüllten Seele; kontrastierend dazu die satten Farben des routinierten Dramatikers Verdi. Frei von Gegensätzen bleibt der ergiebige Schlussapplaus des Premierenpublikums.