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V. Korps der US-Army Erst Kabul, dann Museum

 ·  Nach 60 Jahren zieht das V. Korps der Army ab. Noch ein Afghanistan-Einsatz, dann wird die Einheit im nächsten Sommer aufgelöst. Sie ist ein Symbol für die seit dem Kalten Krieg völlig veränderte Präsenz der amerikanischen Streitkräfte in Europa und der Region.

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Der General blinzelt kurz. Was denn am Ende mit der Fahne passieren werde, hat ihn der Reporter der Militär-Zeitung „Stars&Stripes“ gefragt. Generalleutnant James Terry blinzelt noch einmal. „Ich bin nicht sicher, sie wandert wohl ins Depot oder ins Museum. Bis sie uns wieder rufen.“ Dann wechselt der Kommandeur des V.Korps das Thema, spricht vor dem Dutzend Journalisten, das zu der Pressekonferenz auf dem Militärstützpunkt in Wiesbaden-Erbenheim gekommen ist, über die schwierigen Aufgaben der nächsten zwölf Monate in Afghanistan, über die gute Arbeit, die es dort fortzusetzen gilt, über seine 750 Soldaten und ihre Familien, die in Wiesbaden auf die Rückkehr ihrer Lieben warten werden.

Darüber, dass die Flagge seiner Einheit nach dem Einsatz am Hindukusch nicht in die Landeshauptstadt zurückkehren wird und dass das V.Korps im Sommer 2013 deaktiviert wird, darüber möchte der Drei-Sterne-General am liebsten nicht reden. Nur so viel: „Dies ist die letzte Zeremonie des V.Korps auf deutschem Boden - ein historischer Moment.“

„It will be done“

Eine knappe Viertelstunde später steht Terry in der großen Turnhalle des Stützpunkts und rollt nach einer kurzen Ansprache vor den angetretenen Soldaten sowie einigen hundert Gästen und Familienangehörigen gemeinsam mit CommandSergeantMajor William Johnson, seinem ranghöchsten Unteroffizier, die Fahne des Korps ein. Die deutsche und die amerikanische Nationalhymne werden gesungen, dann der „V.Corps Song“, besonders laut die letzte Zeile, das Motto des Korps: „It will be done“.

Seither sind gut drei Wochen vergangen, inzwischen haben Terry und seine Truppe Posten in Kabul bezogen. Dort sollen sie im Gemeinsamen Kommando der Isaf-Schutztruppe die Aktivitäten der sechs Regionalkommandos und die Einsätze der Alliierten koordinieren. Terry leitet dieses Hauptquartier und ist gleichzeitig stellvertretender Kommandeur der Amerikaner im Land. Mit seinem V. Korps ist er für diese Aufgabe wie geschaffen. Vor vier Jahren schon einmal als Auslaufmodell für die Auflösung vorgesehen, ist die Einheit nämlich erst im Sommer 2011 zu dem gemacht worden, was sie jetzt ist: ein mobiler Planungs- und Führungsstab, der im Bedarfsfall mehrere Divisionen befehligen und Einheiten verschiedener Nato-Armeen führen kann. In das neue Konzept des amerikanischen Heeres als modular aufgebauter Interventionsarmee passt das „Victory Corps“ perfekt - doch Amerika muss sparen.

Afghanistan: Gemeinsame Einsätze - gemeinsames Training

Der Oberkommandierende der amerikanischen Army in Europa, Generalleutnant Mark Hertling, der mit seinem Hauptquartier bis 2015 von Heidelberg nach Wiesbaden umziehen wird und dem das V.Korps unterstellt ist, musste Anfang des Jahres nach den Sparankündigungen seines Präsidenten und seines Verteidigungsministers eine schwere Wahl treffen. Nachdem das Pentagon sich entschieden hatte, zwei der noch in Europa verbliebenen vier Kampfbrigaden abzuziehen und nur noch eine Luftlandebrigade im italienischen Vicenza und eine mit Stryker-Fahrzeugen ausgerüstete Brigade im bayerischen Vilseck zu belassen, fürchteten der Drei-Sterne-General und seine Strategen, womöglich noch einen Kampfverband und damit eines der zentralen Argumente für eine starke Präsenz in Deutschland zu verlieren: die Möglichkeit des Trainings mit den Truppen anderer Nato-Partner etwa auf dem großen Truppenübungsplatz rund um das oberpfälzische Grafenwöhr - wo sich auch das V.Korps auf seinen Afghanistan-Einsatz vorbereitet hat. „Unsere schweren Kampfverbände passen gut zu den heeresorientierten Armeen unserer osteuropäischen Verbündeten“, hieß es dazu stets in Heidelberg. Gemeinsame Einsätze seien ohne gemeinsames Training kaum denkbar.

Auch das V.Korps passte in dieses Konzept. Während die anderen drei derzeit aktiven Korps der Army in Amerika stationiert sind, sollte das „Victory Corps“ in Europa eng mit den Nato-Verbündeten zusammenarbeiten und als mobiles Hauptquartier für Kampfeinsätze, wie jetzt in Afghanistan, zur Verfügung stehen. „Nice to have“, aber kein „must have“, wie es ein hoher Offizier formuliert. Und so opferten Hertling und das Pentagon am Ende lieber das V.Korps als einen weiteren Kampfverband.

Kaum  mehr als ein symbolisches Opfer

Dass dieses Opfer am künftigen zentralen Standort der Army in Europa nun kaum mehr als ein symbolisches ist, hängt mit der seit dem Ende des Kalten Krieges völlig veränderten Struktur der amerikanischen Militärpräsenz in Deutschland zusammen. Während die Führung des V.Korps in den sechziger bis achtziger Jahren von seinem Hauptquartier in Frankfurt zeitweise Hunderttausende GIs kommandierte und selbst bei seinem Umzug nach Heidelberg 1994 noch gut 61000 Soldaten unter Befehl hatte, sind heute insgesamt in Deutschland „nur“ noch 40000 amerikanische Soldaten stationiert.

Auch für die Militärgemeinde in Wiesbaden, die von derzeit rund 17000 in den nächsten Jahren auf knapp 20000 anwachsen soll, ist der Abzug des 750-Mann-Korps mit seinen rund 1250 Familienangehörigen technisch gesehen kaum mehr als eine Randnotiz. Das gigantische Bau- und Renovierungsprogramm, in das das Pentagon mehr als eine halbe Milliarde Dollar investiert, wird davon nicht berührt. Und der Garnisons-Kommandant, Oberst David Carstens, hat ohnehin ganz andere Themen auf seiner Agenda: Im Juni soll das neue dreistöckige Kommandozentrum im Herzen des Stützpunktes in Erbenheim eröffnet werden. Vor der Fertigstellung steht auch eine komplette neue Siedlung am Rande des Flugplatzes.

Klagen gegen Fluglärm in Wiesbaden

Der soll im Übrigen demnächst nach dem Organisator der Berliner Luftbrücke, General Lucius Clay, benannt werden - auch die Zeremonie dafür wird in Carstens’ Stab derzeit vorbereitet. Außerdem heißt es in Heidelberg immer wieder, der Oberkommandierende Hertling wolle möglichst schon im Spätsommer oder Herbst sein Büro in Erbenheim beziehen, was den Zeitdruck weiter erhöhen würde. Und schließlich sieht sich Carstens in den vergangenen Wochen zunehmend mit Klagen aus der Wiesbadener Bevölkerung über den von der Garnison ausgehenden Fluglärm konfrontiert.

Die Betreuung der Angehörigen der gerade nach Afghanistan in Marsch gesetzten Korps-Soldaten fällt angesichts dieser Aufgaben nicht ins Gewicht. Außerdem hat die Army darin Routine. Die 160Mitglieder des „Rear Detachment“-Kommandos wissen, was sie tun können, um den Familien zur Seite zu stehen. Und vielleicht werden sie und ihre Kameraden irgendwann die Fahne des V.Korps wiedersehen - im Museum.

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Jahrgang 1964, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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