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Bestattungen im Wald : Farbige Bänder an Bäumen auf dem Naturfriedhof

Markiert: Weiße Bänder kennzeichnen Bäume mit mehreren Grabstellen Bild: Eilmes, Wolfgang

Die Stadt Usingen bietet seit diesem Jahr Bestattungen im Wald bei Merzhausen an. Die Stadt hofft darauf, mit den Begräbnissen Geld zu verdienen.

          Ohne Hinweis wäre die besondere Funktion des kleinen Waldstücks beim Usinger Stadtteil Merzhausen kaum zu verstehen. Aber nicht nur von der Durchgangsstraße aus leiten Schilder ortsunkundige Autofahrer Richtung „Naturfriedhof“ bis zum Parkplatz des Bürgerhauses mit dem originell klinkenden Namen Rauschpennhalle. Auch dort, wo der Fußweg in den Wald beginnt, ist das Ziel vermerkt. Wenige Gehminuten weiter steht der Spaziergänger vor einer Erläuterungstafel. Die Bäume links der Wegkreuzung bilden den ersten Abschnitt des Naturfriedhofs. Wer möchte, kann sich hier am Fuße eines Baums bestatten lassen. Die dafür vorgeschriebenen Urnen sind aus Material, das innerhalb weniger Wochen im Waldboden verrottet.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Die Bäume, die für Bestattungen genutzt werden können, sind mit einer kleinen Metallplakette und eingeprägter Nummer eindeutig zu identifizieren. Außerdem tragen sie in knapp drei Metern Höhe schmale farbige Bänder. Wie auf den anderen städtischen Friedhöfen auch kann man unterschiedlich viel für die Grabstellen ausgeben. Ein weißes Band kennzeichnet einen Gemeinschaftsbaum, an dem mehrere Urnen beigesetzt werden. Wer einen gelb gekennzeichneten, einzelnen Wahlbaum haben möchte, muss 3000 Euro veranschlagen. Dafür können dort bis zu sieben Familienmitglieder bestattet werden. Ein auffälliger „Prachtbaum“, der ein blaues Band trägt, kostet 3800 Euro.

          Seit Januar bietet die Stadt Usingen Beisetzungen auf dem Naturfriedhof an. Der Name soll ihn herausheben, denn die ebenfalls zuvor diskutierte Bezeichnung „Waldfriedhof“ gibt es vielerorts für traditionelle Gräberstätten am Ortsrand. „Friedwald“ hingegen meint zwar das gleiche Prinzip, ist aber ein geschütztes Markenzeichen der Friedwald GmbH. Diese betreibt seit 2006 in Weilrod den ersten „Friedwald“ im Hochtaunuskreis.

          Usingen biete als erste Kommune im Kreis eine solche Bestattungsart in Eigenregie, erläuterte Bürgermeister Steffen Wernard (CDU) bei einem Ortstermin. Im Dezember 2011 hatten die Stadtverordneten einen entsprechenden Beschluss gefasst. Dann musste zunächst ein Bebauungsplan für das Gebiet aufgestellt werden. Die Einrichtung des Naturfriedhofs fiel mit der Eigenbeförsterung seit vergangenem Sommer zusammen: Usingen hat für den Stadtwald mit Karl-Matthias Groß und Sigrid Büschken zwei eigene Förster eingestellt. Sie müssen ein genaueres Auge auf das Areal haben, weil dort im Vergleich zum übrigen Wald eine erhöhte Verkehrssicherungspflicht gilt.

          Inmitten des Waldstücks markieren ein Tisch und Bänke einen Andachtsplatz. Es gäbe aber auch die Möglichkeit, die nahe gelegene Trauerhalle in Merzhausen für eine Trauerfeier zu nutzen und anschließend im Bürgerhaus am Waldrand Kaffee zu trinken. Gut 34 000 Euro hat die Stadt ausgegeben, um den Naturfriedhof einzurichten. Der für die Friedhofsverwaltung zuständige Bauhofleiter Swen Blaschke rechnet damit, dass die Beisetzungsmöglichkeit im Wald angesichts der geringeren Unterhaltskosten Gewinn abwirft. Das verringere den Zuschussbedarf für die Friedhöfe insgesamt, der derzeit bei mehr als 70 000 Euro liege.

          Bisher sind sieben Verstorbene im Usinger Wald beigesetzt worden. Die Bestattung ist nicht anonym: In ein kleines Schild am jeweiligen Baum sind die Namen und Lebensdaten eingraviert. „Es gibt eine Nachfrage“, sagte Wernard. Das Angebot richte sich nicht nur an Usinger Bürger. Etwa 140 Bäume stehen im ersten Abschnitt zur Verfügung, noch einmal so viele auf der anderen Seite des Wegs. Auf etwa zwei Hektar schätzt Blaschke die Gesamtgröße.

          Auch andernorts gibt es Überlegungen, der Vorliebe zur Natur über den Tod hinaus Rechnung zu tragen. In Butzbach, Rosbach oder Dietzenbach gibt es konkrete Pläne, in Kelkheim und Wehrheim wurde über das Thema diskutiert. Viele Kommunen greifen dabei auf Erfahrungen aus Weilrod zurück. Dort schloss die Friedwald GmbH im Jahr 2006 einen Vertrag über ein Waldstück. Sie ist Betreiber und betreut die Kunden, während die Gemeinde, wie vom Bestattungsrecht vorgeschrieben, als Träger fungiert. Für die Pflege des Walds und die Bestattungen ist der Landesbetrieb Hessen-Forst zuständig, dem auch ein Teil der Fläche gehört.

          Die Dimensionen sind gänzlich andere als in Usingen: Das erste Teilstück des Friedwalds umfasst 60 Hektar; 40 Hektar stehen als Erweiterung zur Verfügung. Im Jahr würden etwa 400 Verstorbene an den Buchen und Eichen beigesetzt, sagte Förster Thomas Götz auf Anfrage. Die Beliebtheit habe mit der attraktiven Landschaft zu tun. Das Verhältnis zu einem Friedwald sei etwas Besonderes: „Er wird nicht als Friedhof wahrgenommen.“ Deshalb würden die meisten Bäume auch schon zu Lebzeiten von denjenigen ausgesucht, die dort einmal bestattet werden wollten.

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