Home
http://www.faz.net/-gzg-6zkzv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Urteil zu Nachtflügen Für Anrainer eine Farce, für Airlines völlig überzogen

 ·  Die Urteile über das Nachtflugverbot am Frankfurter Flughafen könnten unterschiedlicher nicht sein: Anrainer sprechen von einer Farce, die Lufthansa und andere Airlines von einer unverhältnismäßig rigiden Praxis.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (33)

Wenn der Wind zu stark vom Taunus in Richtung Süden bläst, ist Schluss auf der 18 West. Die Deutsche Flugsicherung schließt die Startbahn, eine Rückenwindkomponente von 10 ist die Grenze, am Sonntag vor einer Woche lag sie bei 15. Die Folge: Die auf der Piste geplanten Starts mussten verlagert werden und es kam zu 21 Flugbewegungen zwischen 23 und 5Uhr. Entsprechend groß danach der Unmut etlicher Anrainer, von einer Farce, von Täuschung ist in Anrufen, Briefen und E-Mails die Rede.

Das seien besondere Verhältnisse und ein Ausnahmetag gewesen, und wie immer sei streng und restriktiv geprüft worden, heißt es im zuständigen hessischen Wirtschafts- und Verkehrsministerium. Tatsächlich gab es in der restlichen Woche an vier Tagen null, an einem einen und an einem weiteren Tag zwei genehmigte Nachtflüge. Für Kritiker ist auch das zu viel, manche vermuten, dass das Verbot gar nicht ernsthaft durchgesetzt wird.

Schmerzhafter, weil kostspieliger Lernprozesses

Die Fluggesellschaften sehen das ganz anders. Sie haben beispielsweise etliche Verbindungen im Flugplan deutlich nach vorn verlagert, um die Gefahr zu verringern, schon bei kleineren Verzögerungen, die es im Flugverkehr immer geben kann, die 23-Uhr-Deadline zu überschreiten und gar nicht mehr fliegen zu dürfen.

Das Vorziehen von Flügen ist das Ergebnis eines schmerzhaften, weil kostspieligen Lernprozesses. Wenn nämlich Flugzeuge, die vielleicht früher noch mit etwas Kulanz kurz nach 23 Uhr abheben durften, nun wieder vollbesetzt zurück zum Gate rollen müssen, dann geht das voll zu Lasten der Airline. Die Lufthansa nennt die Kosten nicht. Die Ferienfluggesellschaft Condor hat unlängst die Extra-Aufwendungen für zwei an einem Tag in Frankfurt festgehaltene Flüge mit 250.000 Euro beziffert. Dabei waren auch Passagiere, die zu einer gebuchten Kreuzfahrt gelangen sollten, betroffen.

Abschneiden von Umsteigeströmen

Um das Risiko solcher Zusatzkosten zu reduzieren, hat die Lufthansa beispielsweise die Flüge nach Johannesburg, Bangkok und Buenos Aires um eine halbe bis dreiviertel Stunde auf kurz nach 22 Uhr vorgezogen. Bei den ursprünglichen Abflugzeiten von 22.40 bis 22.50 sei keine ausreichend hohe Verbindungsgarantie mehr zu geben gewesen, sagt ein Sprecher.

Das bedeutet aber auch, dass solche Umsteigerströme abgeschnitten werden, bei der eine Verbindung eben nur mit den ursprünglichen Zeiten ab Frankfurt noch funktioniert hätte, das Netz bekommt sozusagen größere Löcher. Flüge wie der von Frankfurt nach New York würden von bis zu achtzig Zubringerverbindungen gespeist, erläutert der Lufthansa-Sprecher. Da werde auch dem Laien klar, dass man da nicht einfach einmal einen Flug eine Stunde vorziehen könne.

Einschränkungen sind berechenbar

Den Flugplan deutlich vor 23 Uhr weiter zu verdichten ist aus Sicht der Lufthansa auch keine Lösung, weil man die in Frankfurt durch die vierte Piste neu gewonnene Kapazität zunächst einmal dazu genutzt habe, um international konkurrenzfähige Pünktlichkeitswerte überhaupt erst zu erreichen.

Die genannten Einschränkungen sind aus Sicht der Flieger bitter, aber noch berechenbar. Bei Lufthansa wie auch bei Condor sorgt inzwischen aber für Verwirrung und Verärgerung, dass offenbar auch die ausdrücklich im Planfeststellungsbeschluss definierten Gründe für eine Ausnahmegenehmigung eben nicht verlässlich sind. Eigentlich dürfen Airlines danach mit einer Starterlaubnis nach 23 Uhr rechnen, wenn die Verzögerung nicht von ihr zu verantworten ist. Das gilt etwa für unvorhergesehene Wetterlagen. Trotzdem durften bei der Lufthansa allein am 19.April neun Flüge, die wegen einer Gewitterfront nicht mehr vor 23 Uhr aus Frankfurt weggekommen waren, auch danach nicht mehr abheben. Die Folge war, dass 1200 Lufthansa-Passagiere am Drehkreuz Frankfurt einen Zwangsstopp einlegen mussten. 800 davon haben auf Feldbetten übernachten müssen, weil die Hotels wegen der Messe Light+Building ausgebucht waren, wie die Airline wissen lässt. Dem Wortlaut der Regelung nach müssten aber solche wetterbedingt verschobenen Flüge noch zwischen 23 und 24 Uhr abgewickelt werden dürfen. Das Ministerium wollte sich dazu nicht äußern, ohne sich zuvor über die Fälle informiert zu haben.

Kulanz ausgeschlossen

Von 24 Uhr an ist am Frankfurter Flughafen jedenfalls endgültig Schluss, dann sind nur noch besondere Ausnahmen möglich, wenn es etwa eine akute Gefahr gibt oder es sich um ein Flugzeug im Katastrophen- oder Hilfseinsatz handelt.

Was früher bei Lufthansa unter dem Stichwort Kulanz möglich war, nämlich auf einen späten Passagier ein paar Minuten zu warten, ist inzwischen auch ausgeschlossen. Die Lufthansa wartet zumindest bei späteren Flügen nicht mehr. Und noch dazu fordert die Fluggesellschaft ihre Passagiere ausdrücklich auf, beim Umsteigen keine wertvolle Zeit beim Duty-free-Einkauf zu vertun. Der Flughafenbetreiber Fraport verdient aber durch umsatzabhängige Mieten gerade an diesen Umsätzen mit, und das nicht schlecht. Auch dort dürfte man daher über die rigide Praxis nicht erfreut sein.

Sparkurs bei der Lufthansa

Obwohl die Airlines ihre neuen Prozeduren also inzwischen selbst rigide praktizieren, gibt es immer wieder Entscheidungen der örtlichen Luftaufsichtsstelle, die bei den Fluggesellschaften für Unverständnis sorgen. Der Lufthansa-Sprecher nennt einen Flug nach Tel Aviv, bei dem der Kapitän unlängst nicht startete, weil ihm ein Passagier mit einem mutmaßlichen Herz-Kreislauf-Kollaps gemeldet worden war. Selbstverständlich habe der Pilot den Notarzt rufen lassen. Nachdem die Situation geklärt gewesen sei, hätte das Flugzeug dem Sprecher zufolge gegen 23.15 Uhr starten können. Doch die in Frankfurt direkt im Tower neben den Lotsen der DFS vertretene Luftaufsicht, die dem hessischen Verkehrsministerium unterstellt ist, habe den Start verweigert. Wieder habe man Passagiere, diesmal 290, in Hotels unterbringen müssen, um sie dann mit elf Stunden Verspätung nach Israel zu bringen.

Die Lufthansa, die gerade einen schmerzlichen Sparkurs fährt, treibt nun auch noch die Sorge um, dass sich ein ihrer Ansicht nach unnötig rigider Vollzug des Nachtflugverbotes am Frankfurter Flughafen gerade unter den lukrativen Langstrecken- und Vielfliegerkunden, beispielsweise via Internetforen, rasch herumsprechen könnte. Wenn dem so wäre, könnte sich das tatsächlich im Umsatz bemerkbar machen, denn beispielsweise ein Passagier aus Fernost muss nicht unbedingt über Frankfurt und natürlich auch nicht mit der Lufthansa fliegen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Geben und nehmen

Von Matthias Alexander

Wer immer nach der Landtagswahl im September Finanzminister wird, steht mit Blick auf den kommunalen Finanzausgleich vor einer undankbaren Aufgabe. Schon bis Ende 2015 muss ein neues Modell gefunden sein. Mehr 1