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„Urfaust“ in Mainz : Irgendwas mit Goethe

Szene aus „Urfaust“ in Mainz Bild: Bettina Müller

Am Staatstheater Mainz hatte Robert Borgmanns Inszenierung von Goethes „Urfaust“ Premiere. Der Text kommt, immerhin, auf gewisse Art und Weise vor.

          Der Goethe hat ja ewig lange an einer Urpflanze herumgeforscht. An einer Pflanze also, in der praktisch alle anderen Pflanzen schon angelegt sind. Und dann hat er ewig lange an diesem „Faust“ herumgeschrieben. Also dieser „Urfaust“, das ist ja dann praktisch so eine deutsche Tragödie, in der alles andere angelegt ist, was so tragisch ist an Deutschland. Holocaust, Drittes Reich, kirchlicher Kindesmissbrauch, autoritäre Erziehung, RAF, Terror . . . Fällt jemandem noch etwas dazu ein?

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ja. Paul Celans „Todesfuge“ natürlich, ziemlich viel Wittgenstein, Heiner Müller und ein ganzes Schock von Filmen. „M“, unbedingt muss „Eine Stadt sucht einen Mörder“ da rein! Das passt super! Zwang, Psycho, Kindsmord! Und Helmut Schmidt? Ja klar, Schmidt muss.

          So in etwa war das wohl bei der Vorbereitung, als Robert Borgmann am Staatstheater Mainz den „Urfaust“ inszeniert hat. Ach ja, der ist übrigens von dem Weimarer Hoffräulein Luise von Göchhausen mitgeschrieben und nur so der Nachwelt erhalten worden. Das erklärt vollkommen schlüssig, weshalb Faust, Mephisto und die Frau Marthe mitten im Stück als weißgepuderte Hofschranzen in Rokoko-Röcken herumkieksen und ihre Wäsche zeigen.

          Borgmann, der unter anderem den „Heiligen Paulus“ nach Pasolini und „Fräulein Julie“ nach Strindberg am Staatstheater Mainz gezeigt hat, nennt das „Überschreibung“. Dass im Spielplan nicht das Wörtchen „nach“ zwischen „Urfaust“ und Goethe gerutscht ist, kann nur ein Versehen sein.

          Der Text kommt, immerhin, auf gewisse Art und Weise vor. Erst im Chor der sechs Schauspieler, denen Borgmann zwei kleine Mädchen beigesellt hat. Dann immer wieder in wechselnden Rollen, aus denen sich irgendwie auch Stefan Graf als Faust, Lorenz Klee als Mephisto und Carolin Haupt als Margarethe herauskristallisieren. Mit Tibor Locher und Isabel Sippel schmeißen sie sich in Borgmanns kruden, schnellen Mix mit Livemusik (Sven Michelson, Isabel Aguilera), vor allem Haupt hat als renitentes Opfer und in einem kruden Kindsmörderinnen-Monolog einige starke Szenen. „Spielwütig“ sind sie ja immer, die Mainzer Schauspieler, auch die älteren, was Monika Dortschy wieder einmal beweist. Als sie, ein fernes Echo des jungen Gretchen, deren Monolog im schwülen Zimmer spricht, ist hohe Theaterkunst zu spüren.

          Der Rest ist „ein Kehrichtfass und eine Rumpelkammer“, wie es im „Urfaust“ heißt, in dem so ziemlich alles aufblitzt, was dem Regisseur halt so eingefallen ist zu „Faust“. So schauen die erst vollgerümpelte, dann neonkahle Bühne aus (Rocco Peuker), die Kostüme, die über drei Jahrhunderte reichen (Zarah Lili Gutsch), und der Bausatz aus allem, was gerade angesagt ist im deutschen Theater: Kinder sprechen kanonische Texte in aller Unschuld, das Opfer muss zwingend nackt und mit Schlamm bemalt sein, Filmzitate à la Pollesch sind ebenso unabdingbar wie Turbogehüpfe à la Fritsch.

          Es ist nicht so, dass man sich nicht ab und an sehr amüsierte und bisweilen sogar ein wenig berührt wäre in dieser Rumpelkammer - nur leider wirkt das Ganze nicht mal halb so genialisch, wie es tut, und das macht überhaupt keinen Spaß: Die zweieinhalb Stunden Spielzeit fühlen sich eher an wie vier. Vielleicht hätte man dem Programmheft ein kleines Rätsel beifügen sollen - wer 90 von 100 Zitateschnipseln errät, kriegt in der Pause eine Brezel geschenkt. Zur Stärkung.

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